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Walter Kohl veröffentlicht zweites Buch: Kohl-Sohn schließt mit dem Vater ab

Walter Kohl veröffentlicht zweites Buch : Kohl-Sohn schließt mit dem Vater ab

Walter Kohl hat ein zweites Buch darüber geschrieben, wie es ist und was es bedeutet, der "Sohn vom Kohl" zu sein.

Fünf Millionen Mark Lösegeld, aber keine politischen Zugeständnisse — das wäre der Wert gewesen, den der "Sohn vom Kohl" im Falle einer Entführung durch Terroristen gehabt hätte. Walter, ältester Sohn des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU), war 13 Jahre alt und saß dabei, als seine Eltern im Gespräch mit hohen Polizeibeamten den Preis akzeptierten.

"Das war eindeutig zu viel für mich. Eine Welt brach in mir zusammen. Was ich aus diesem Gespräch mitnahm, war eine tief empfundene Gewissheit: Ich bin nicht wichtig. Mein Verlust ist kein Verlust", schreibt der 49-Jährige in seinem neuen Buch "Leben was du fühlst", das zwei Untertitel trägt: "Von der Freiheit glücklich zu sein" und "Der Weg der Versöhnung".

"Opferland" ist ein Schlüsselbegriff

Zwei Jahre nach seinem Buch "Leben oder gelebt werden" will der Unternehmer nicht nur aus dem wenig netten Leben einer schrecklichen Familie berichten, sondern praktische Anleitungen zu einem besseren Leben geben. Einem, das die Vergangenheit so akzeptiert, wie sie ist. Das keine "Darum"-Antworten auf "Warum"-Fragen sucht. Und das nicht mehr im "Opferland" gelebt werden muss. "Opferland" ist ein Schlüsselbegriff für Walter Kohl. Er war dort gefangen wie auch Eckhard Seeber, als Maike Richter-Kohl den altgedienten Fahrer ihres Mannes nach 46 Dienstjahren vor die Tür setzte. Walter Kohls Weg der Versöhnung führt in weitem Bogen um seinen Vater und dessen zweite Frau herum.

Um das zweite Buch schreiben zu können, zog sich Kohl partiell aus seinem Kfz-Zulieferbetrieb zurück. Künftig will er ein "Zentrum für eigene Lebensgestaltung" gründen. In fünf Schritten beschreibt Walter Kohl, wie er das Gefühl abwerfen konnte, nichts wert zu sein. 2002 plante er einen Selbstmord. Er wollte eine Tauchsafari ans Rote Meer buchen und es wie einen Unfall aussehen lassen. "Ich saß zu tief im Loch der negativen Gefühle und Gedanken. Aber es sollte nur noch einige Zeit dauern, bis ich mich endlich so weit herausgearbeitet hatte, dass ich mich entschied, nicht meiner Mutter zu folgen", schreibt er.

Solche intimen Details nicht zu verschweigen, aber nicht in Peinlichkeit zu enden, unterscheidet das Buch von den Promi-Kinder-Lebensbeichten im Dschungelcamp. Walter Kohl hat längst aufgehört sich zu fragen, warum der einst übermächtige Vater keinen Kontakt mehr mit ihm will. Er hat seine Versöhnung mit dem Vater ohne ihn gemacht.

Der Preis dafür war, sich Emotionen zu stellen, die der Sohn als Autor nicht verschweigt. So schildert er ein zufälliges, wortloses Zusammentreffen mit dem früheren Bundesinnenminister und früheren RAF-Anwalt Otto Schily, das ihn in Sekunden in alte Ängste zurückwirft: "Plötzlich bin ich wieder in Oggersheim. Ich sehe die bewaffneten Personenschützer, die mich mit dem Polizeiauto zur Schule fahren. Ich höre die Hänseleien meiner Mitschüler, spüre die Scham, als ich vor dem Schultor aussteigen muss."

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Walter Kohl verschweigt auch nicht die Wut und den Hass auf die RAF-Terroristen, Gefühle, aus denen er sich mühsam herausarbeiten musste: "In meinen Fantasien wollte ich sie nur töten, ihnen schreckliche Strafen für ihre Verbrechen antun, sie zerstören. Ich suchte Rache und hätte am liebsten, insbesondere nach meiner Nahkampfausbildung bei der Bundeswehr, Selbstjustiz geübt. Für sie schien mir das Gefängnis, und dann noch in der ,Luxusausführung' von Stammheim, eine viel zu milde Strafe."

Walter Kohl schildert aber auch, wie sein Verhältnis zu ihm selbst und zu solchen Rachenphantasien sich verändert hat. Jahrelang ging ihm nach, dass er einen streitsüchtigen Trunkenbold, der eine Migrantin grob beleidigt hatte, mit leicht übertriebener Härte aus einer Kölner Straßenbahn warf. Der mit sich selbst versöhnte Kohl findet nicht, dass er grundsätzlich falsch gehandelt hat. Aber er fragt sich: "Bin nicht auch ich selbst eine Bedrohung, indem ich dieser ,sauberen Gesellschaft' diesen Menschen wie Kehricht aus ihrer Mitte entsorge?"

Walter Kohl schildert, wie er manchmal auf dem Weg zur Sauna in Bad Homburg zur Seedammstraße fährt, wo 1989 der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, durch ein Bombenattentat getötet wurde, und welche Gefühle dort zwei Stelen auslösen, die an Herrhausen und seinen Fahrer erinnern. Manchmal, so Walter Kohl, liege da ein Kranz seines Vaters an dem Mahnmal.

Alle diese Gedanken und Gefühle seien seine persönliche Wahrheit: "Sie schmerzen nicht mehr. Heute sind sie ein akzeptierter Teil meiner selbst. Sie haben ihre Macht über mich verloren." Es ist nicht der Schlusssatz. Aber ein gutes Ende.

(jco/hav/felt)