München: Kirchentag feiert Käßmann

München: Kirchentag feiert Käßmann

München (RP). Tausende haben die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland beim Ökumenischen Kirchentag begeistert empfangen. Der Jubel um sie ist auch Ausdruck der Trauer über den Verlust einer charismatischen Figur. Protokoll eines Tages auf Käßmanns Spuren.

Man hört, dass sie da ist, bevor man es sieht. Irgendwo in dem Jubel muss sie sein. Margot Käßmann kommt, zu ihrem ersten Auftritt beim Ökumenischen Kirchentag - einer Bibelarbeit über die Sintflut. Es hatte ihr erstes öffentliches Erscheinen überhaupt sein sollen, nachdem sie Ende Februar wegen einer Alkoholfahrt durch Hannover, unter anderem unter Missachtung einer roten Ampel, als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und hannoversche Landesbischöfin zurückgetreten war. Käßmann aber zog es vor, schon am Mittwoch vor Beginn des Kirchentags in einer Buchhandlung den Verkauf ihres neuen Buchs anzukurbeln.

Dem Triumph dieses Himmelfahrtsmorgens nimmt der kommerzielle Seitensprung nichts. Die 6000 Zuhörer stehen auf, jubeln Käßmann zu. Sie winkt in die Halle, die weiße Jacke strahlt, die sie zu ihrem schwarzen Kleid trägt. Eckhard Nagel, der evangelische Kirchentagspräsident, sagt, ihr Rücktritt gehöre zu den Momenten, "die keiner von uns im Leben je vergisst".

Käßmann spricht von Noah und sich selbst

Käßmann betritt die Bühne. Sie bedankt sich für das "herzliche Willkommen": "Das tut mir gut." Als die Bläser "Dich rühmt der Morgen" anstimmen, blickt sie ernst zur Seite, atmet tief ein, zieht die schmalen Schultern hoch, stößt die Luft wieder aus. Sie spricht darüber, wie Gott nach der Sintflut seinen Bund mit den Menschen schließt. Käßmann liest ab, eilt durch den Text. Indem sie von Noah redet, spricht sie von sich. Es geht um persönliche "Sintfluterfahrungen": Scheitern der Ehe, Krebs.

Beides hat sie selbst erlebt. Das sagt sie nicht, aber jeder in der Halle weiß es. Im "Übergang" sei Ermutigung durch Gott besonders nötig: "Der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine verlorene Liebe. Eine rote Ampel . . ." Die drei Pünktchen stehen im Manuskript, und Käßmann liest den Text auch so. Raunen in der Halle.

Dann Afghanistan. Sie lasse sich gern lächerlich machen, sagt Käßmann, wenn man ihr rate, mit Taliban im Kerzenlicht zu verhandeln: "Lieber bin ich naiv, als dass ich mich der Logik und Praxis von Waffenhandel und Krieg beuge." "Bravo"-Rufe. Pünktlich um halb elf ist Käßmann fertig. "Danke für das freundliche Mitgehen", sagt sie.

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Kirche wegen Überfüllung geschlossen

Eine halbe Stunde später sitzt die Landesbischöfin a.D. in der katholischen Pfarrkirche St. Johann Baptist bei der Veranstaltung "Frauen und Macht - Ermächtigung - Frauen mit Macht". Die Kirche ist wegen Überfüllung geschlossen, die Diskussion wird nach draußen übertragen. Drinnen: erneut Standing Ovations. Die Debatte dreht sich um Sprachsymbolik und Strukturveränderung. Aus dem Publikum kommt die Frage an Käßmann, ob Machtverlust Ohnmacht sei. Antwort: "Machtverlust bedeutet auch Freiheit." Jubel. Käßmann lacht. "Da ist noch viel zu sagen, aber ich lasse es." Was sie hätte sagen können: Machtverlust macht frei, die eigene Meinung freier und trotziger zu vertreten. Ihren Weg aus der Kirche blockiert eine Traube von Menschen. Einige fotografieren sie, andere berühren sie kurz.

Um kurz nach vier, der Nieselregen wird stärker, sitzt Käßmann in einem Pavillon zwischen den Messehallen. Kaum zehn Grad sind es, aber sie soll hier mit ihrem ehemaligen Stellvertreter und jetzigen Amtsnachfolger diskutieren, dem rheinischen Präses Nikolaus Schneider. "Niko" -- so nennt sie Schneider -- habe sie überredet, auf dem Kirchentag aufzutreten: "Der Mensch kann ja nicht ewig schweigen und sich im Bett verkrümeln." Schneider sagt, Käßmanns Nachfolge sei "ein Stück Trauerarbeit" gewesen, "denn wir beide haben das gut miteinander gemacht". Der dankbare Applaus Hunderter Zuhörer zeigt, dass die Deutung trifft: Käßmanns Triumph ist Ausdruck der Trauer des Kirchenvolks um seine größte Charismatikerin. Als nach einer Dreiviertelstunde beide von der Bühne steigen, sinken Käßmanns hochhackige schwarze Schuhe tief in den matschigen Rasen. Sie signiert einige Bücher, dann eilt sie weiter.

Käßmanns letzter Termin des Tages ist um halb acht der ökumenische Frauengottesdienst "Vor uns die Sintflut?" im Dom. In der riesigen Kirche ist es zum Umfallen zu voll. Gott ist hier eine Sie, der Altar mit einem regenbogenfarbenen Tuch verhängt. Margot Käßmann predigt. Kaum ein Satz wird nicht beklatscht. Ihr Thema sind Frauenrechte, und dass sich der Segen des Gebärens in der Dritten Welt oft zum Fluch verkehre. In Afghanistan und Sierra Leone sterbe jede achte Schwangere. Da sei die Pille ein "Geschenk Gottes". Käßmann spricht wieder von Noah, wieder von ihren Töchtern, macht denselben Scherz wie morgens in der Bibelarbeit, erntet dieselben Lacher.

Es ist der Tag der Margot Käßmann. Das zeigt sich spätestens beim letzten Applaus. Denn der kommt beim Auszug der Frauen, die den Gottesdienst gestaltet haben. Ein Auszug ist eigentlich eine Banalität. Aber nicht, wenn Margot Käßmann mitgeht.

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