Kirchen verlieren bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder

Erschreckende Studie : Kirchen verlieren bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder

Beide christlichen Kirchen in Deutschland müssen sich bis zum Jahr 2060 auf eine Halbierung ihrer Mitgliederzahlen einstellen. „Für die Kirchen ist es fünf vor zwölf“, heißt es bei der EKD.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Freiburger Forschungszentrum Generationenverträge (FFG) für die 20 evangelischen Landeskirchen und die 27 katholischen Diözesen in Deutschland erstellt hat. Bereits 2035 werden die Kirchen demnach 22 Prozent ihrer Mitglieder verlieren. Ein Beispiel dafür ist die heute 2,5 Millionen Gemeindeglieder zählende Evangelische Kirche im Rheinland (EkiR). Sie wird 2020 wohl nur noch auf 1,39 Millionen Mitglieder kommen. Und das katholische Bistum Aachen würde von einer Million auf dann nur noch 480.000 Gemeindeglieder schrumpfen.

„Wir dürfen diese Entwicklung nicht schönreden“, sagte das Mitglied im Rat der EKD, der frühere Vorsitzende der Unternehmensleitung der Boehringer Ingelheim AG, Professor Andreas Barner. „Für die Kirchen ist es fünf vor zwölf.“ Für den Mitgliederrückgang nennt die Studie auch den Sterbeüberschuss – in den nächsten Jahren werden erheblich mehr Kirchenmitglieder sterben, als Kinder geboren werden. Bis 2060 werden auf diese Weise 21 Prozent der Kirchenmitglieder verlorengehen.

Der größere Mitgliederverlust wird nach Angaben des Leiters des FFG, Professor Bernd Raffelhüschen, aber auf andere Faktoren zurückgehen: den Verzicht von Familien auf die Taufe ihrer Kinder oder den Austritt von enttäuschten Mitgliedern. „Das sind Dinge, die beeinflussbar sind“, sagte Raffelhüschen.

Schon seit einigen Jahren veranstalten einzelne Kirchenkreise beispielsweise Tauffeste, bei denen ungetaufte Kinder aus Kindertagesstätten gemeinsam getauft werden. Und immer mehr Gemeinden entscheiden sich zu neuen Gottesdienstformen oder für Angebote jenseits der Kirchenmauern, um Menschen zu erreichen.

Die meisten Menschen treten der Studie zufolge im Alter zwischen 30 und 35 Jahren aus der Kirche aus. Das ist das Alter, in dem bei vielen Menschen die Berufstätigkeit beginnt – und in dem auch das erste Mal die Kirchensteuer anfällt. Für diesen, an die Einkommenssteuer gekoppelten Mitgliedsbeitrag der Kirchen rechnen die Studienautoren aufgrund des parallel ansteigenden Lohnniveaus zwar nicht mit einem nominellen Rückgang, wohl aber mit einem erheblichen Kaufkraftverlust. Wie 2017 werden die Kirchen auch 2060 noch rund zwölf Milliarden Euro aus der Kirchensteuer erlösen. Die Evangelische Kirche im Rheinland wird ihre Steuereinnahmen sogar von 695 auf 771 Millionen Euro steigern können. Doch um sich die Dinge leisten zu können, die sie heute mit 12 Milliarden Euro finanzieren, wären dann rund 25 Milliarden erforderlich.

„Wir glauben nicht, dass diese Entwicklung gottgegeben ist“, sagte Barner. Die EKD werde sich in den nächsten Jahren die Frage stellen, in welche Richtung sich die Kirche entwickeln solle. Besonders bei jungen Menschen und ihrer Rolle in der Kirche wolle man künftig genauer hinschauen. Auch der rheinische Präses Manfred Rekowski hob hervor, dass die Kirche Faktoren wie die Zahl der Taufen durchaus beeinflussen könne. „Wir fühlen uns in unseren Bemühungen bestärkt, Kirche verstärkt in neuen Formen näher zu den Menschen zu bringen“, sagte Rekowski. „Denn Kirche ist Kirche, wenn sie bei den Menschen ist.“ So habe die Rheinische Kirche bereits ein zwölf Millionen Euro umfassendes Programm für „innovative Initiativen“ aufgelegt. Davon sollen neue Gemeinde- und Gottesdienstformen unterstützt werden.

Nach den Worten von Christoph Heckeley, Sprecher des Kölner Erzbistums,  müsse „die Kirche von Köln wieder attraktiver – das heißt überzeugender und für die Menschen anziehender – werden.“ Weil man heute bereits handele, habe die Kirche ausreichend Zeit, sich auch auf die zukünftige Situation als eine zahlenmäßig kleinere Ortskirche mit entsprechend geringeren Mitteln einzustellen. „Die Zeit, in der die Kirche wie selbstverständlich eine wesentliche gesellschaftliche Größe darstellt, geht unzweifelhaft ihrem Ende entgegen“, so Heckeley. „Auch die zweifellos wichtige materielle Ausstattung mit Geld, hauptamtlichem Personal, eigenen Gebäuden und sonstigen Ressourcen wird sich verändern.“ Doch die Wirksamkeit von Kirche hänge vor allem von der Glaubenstiefe und Überzeugungskraft jedes Einzelnen ab.

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