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Zwei betroffene Mütter berichten: Kinderarmut - ein Blick in die Wirklichkeit

Zwei betroffene Mütter berichten : Kinderarmut - ein Blick in die Wirklichkeit

Dresden/Salzwedel (RPO). Kinder aus armen Familien führen in Deutschland alles andere als ein unbeschwertes Leben. Von Urlaub mit den Eltern, Sport in einem Verein oder der Musikschule können die meisten nur träumen. Zwei Mütter berichten aus ihrem Alltag mit Hartz IV.

Zum Beispiel Familie Neumann aus Dresden. Seit der Scheidung vor ein paar Jahren sorgt Katrin Neumann allein für die beiden 11 und 13 Jahre alten Söhne. Die Familie lebt in einem einfachen Mietshaus ein paar Kilometer entfernt von der prächtigen Barockkulisse der historischen Altstadt. Zuletzt hatte sie über eine Zeitarbeitsfirma bei einer Krankenkasse gearbeitet. Doch 2007 war dort erst mal wieder Schluss. Seither versucht die Kauffrau im Gesundheitswesen eine neue Stelle zu finden. Bislang ohne Erfolg.

Die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) der sächsischen Landeshauptstadt zahlt den Großteil der Miete von 450 Euro für die 63 Quadratmeter große Wohnung mit Blick auf einen grauen Hinterhof. Zudem erhält sie als Alleinerziehende zusätzlich zum Regelsatz von monatlich 351 Euro 126 Euro. Hinzu kommen für ihre beiden Kinder jeweils 211 Euro. "Das klingt vielleicht nicht schlecht, große Sprünge kann man damit aber nicht machen", sagt die Hilfeempfängerin.

"Wir können nicht wählerisch sein"

Nach Abzug der laufenden Kosten unter anderem für Strom, Telefon, Versicherungen und Rücklagen für Bekleidung, Schuhe und Klassenfahrten bleiben am Ende für Essen und Trinken pro Tag zehn Euro, wie sie sagt. Einen Braten haben die Neumanns schon lange nicht mehr auf dem Tisch gehabt. "Wir können nicht wählerisch sein", sagt die Mutter.

Frau Neumann jammert nicht, sie will sich nicht unterkriegen lassen. Seit ein paar Wochen arbeitet sie ehrenamtlich in einem Verein, der gebrauchte Sachen sammelt, in Ordnung bringt und anschließend an Bedürftige abgibt. Hin und wieder kommt sie so selbst günstig an ein brauchbares Stück. Aber es ist ihr dennoch anzumerken, dass sie die Situation insgesamt bedrückt: die finanzielle Knappheit, die tägliche Suche nach dem günstigsten Angebot im Supermarkt, der Gang zur Dresdner Tafel. "Es ist nicht einfach", sagt sie leise.

"Die Jungen wollen auch mal ins Kino, sie wollen sich schicke neue Klamotten kaufen wie ihre Schulkameraden." Frau Neumann träumt davon, mit ihnen eines Tages in den Urlaub zu fliegen in die Türkei oder nach Spanien. Der letzte gemeinsame Urlaub liegt schon länger zurück: Ein paar Tage in einer Jugendherberge an einer Talsperre in Sachsen. Katrin Neumann hofft nun wie viele andere in ähnlicher Lage, dass die Unterstützung "wenigstens für die Kinder" angehoben wird.

Gratis-Margarine eingefroren

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Salzwedel, eine kleine Stadt im Norden von Sachsen-Anhalt: Hier wohnt die fünffache Mutter Heike Patro mit ihren beiden Jüngsten, der elfjährigen Tochter und dem acht Jahre alten Sohn, in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung. Wie die 45-Jährige sagt, bleiben zum Leben im Monat keine 700 Euro. Einmal in der Woche geht es zum Großeinkauf, in den Korb kommen dann auch oft herabgesetzte Waren. Als einmal ein Discounter in der Nähe Margarine kurz vor dem Verfallsdatum gratis abgab, nahm sie gleich mehrere Packungen mit und fror sie ein.

In Kürze haben beide Kinder Geburtstag. Ihre Mutter hat für sie gleich nach Weihnachten, als die Preise purzelten, Geschenke besorgt. Für die Tochter zwei Pullover, jeder für drei Euro. Sie selbst hat sich seit Jahren nichts Neues gegönnt, auch keinen Friseurbesuch. Die langen Haare brauchten ja auch keinen Schnitt, meint sie, nur ab und zu etwas frische Farbe, die sie dann selbst aufträgt. Ihr einziger Luxus sind selbstgestopfte Zigaretten.

In den Ferien mal ins Kino

Ansonsten geht alles Geld, was nicht für Essen, Waschen oder Arznei verbraucht wird, an die Kinder für Schulsachen und etwas Taschengeld und in den Ferien auch mal einen Kinobesuch. Sie selbst träumt davon, mit den beiden zusammen in den Urlaub zu fahren. Bisher kennen sie nur den Tierpark in Salzwedel, weil da kein Eintritt bezahlt werden muss. Zu schaffen macht ihr auch, dass ihr Sohn gerne zum Karate gehen würde, sie aber den Monatsbeitrag von 35 Euro nicht aufbringen kann. Die 45-Jährige glaubt aber dennoch nicht, dass ihre Kinder mit der Situation unzufrieden sind. "Sie kennen es ja nicht anders."

(AP)