Katholikentag 2018 in Münster: Steinmeier nennt Trumps Entscheidung eine Tragödie

Katholikentag in Münster : Steinmeier nennt Trumps Iran-Entscheidung „Tragödie“

Die Spannungen im Nahen Osten und anderswo auf der Welt verhelfen dem Katholikentag zu trauriger Bedeutsamkeit. Bundespräsident Steinmeier ermutigt die Christen zum Einsatz für den Frieden und bekräftigt seine Kritik am US-Ausstieg aus dem Iran-Atomabkommen.

Die Welt ist aus den Fugen - klar, das ist einer dieser großen Sätze, die ein Bedrohungsszenario zu einem Untergangsszenario erheben und uns alle in eine mehr oder weniger fatale Stimmungslage versetzen. Vor zwei, drei Jahren hat Frank-Walter Steinmeier diesen leicht abgewandelten Hamlet-Satz gesprochen, damals noch als Außenminister und damals mit Blick auf Syrien, auf einen Krieg, der sich langsam zu verfestigen drohte. Angst einjagen wollte Steinmeier den Menschen damals wohl nicht, aber auf einen Verlust aufmerksam machen: Schließlich seien wir der Illusion beraubt worden, dass mit dem Ende des sogenannten Kalten Krieges die Zeit des ewigen Friedens angebrochen sei und die liberale Demokratie ihren Siegeszug angetreten habe. Denkste.

Inzwischen bekleidet Frank-Walter Steinmeier Deutschlands höchstes politisches Amt, und in dieser Funktion hat sein Auftritt beim 101. Katholikentag in Münster noch einmal ein ganz besonders Gewicht. Wie am Donnerstag in der Münsterlandhalle beim ersten großen Podium - natürlich zum Thema „Frieden“. Und viele hundert Menschen sind gekommen und harren in imposanten Warteschlangen im feinen Dauerregen tapfer aus. Die Leute kommen nicht nur, weil Steinmeier jetzt Bundespräsident ist, sondern weil er offenbar was zu sagen hat und sich für den Katholikentag ernsthaft zu interessieren scheint. Fast zwei Tage hat er sich für Münster Zeit genommen.

Eine neue Hackordnung

Krieg und Frieden, die weltpolitische Aktualität verhilft dem Katholikentag zu trauriger Bedeutsamkeit. Aber die hat eine Vorgeschichte. Zwar will niemand mehr in Zeiten des Ost-West-Konfliktes leben müssen, doch habe dieser nach den Worten Steinmeiers eine Art „zynisches Gleichgewicht“ und damit durchaus eine Berechenbarkeit vieler Akteure ermöglicht. Mit dem Ende ist nun eine neue Hackordnung aufgekommen, die zunehmend an der Peripherie mit regionalen Konflikten ausgetragen werde. „Ich bin zwar kein Mensch, der zu Hysterie und Alarmismus neigt“, so Steinmeier, aber der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran sei „eine Absage am Frieden durch internationale Kooperation“. Zehn Jahre habe man an diesem Vertrag gearbeitet, die Kündigung nun sei eine Tragödie für die gesamte Region und eine Gefahr für die transatlantischen Beziehungen.

Sein Diskussionspartner - der renommierte Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler - erklärt Trumps Entscheidung auch mit der geografisch großen Distanz der USA zum Konfliktherd. Mit Druck zum Erfolg und zu besseren Deals zu kommen, das charakterisiere die Haltung des US-amerikanischen Präsidenten. Wobei die Dialogaufnahme zwischen Süd- und Nordkorea Trump in dieser Haltung bestärkten. „Er hat aber das Falsche gelernt“, so Münkler.

Und Deutschland? Ein Land, das vielleicht zu wenig Verantwortung übernimmt und sich in traditioneller Zurückhaltung übe?, so Münkler. Ein Land, das verzagt im Zentrum eines aktuell nicht sehr starken Europas stehe? Frank-Walter Steinmeier hat auf seiner Reise durch alle Bundesländer „viel Ermutigendes“ erlebt, aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Politik offene Fragen nicht ruhen lassen dürfe. Dann nämlich meldeten sich Parteien zu Wort, die einfache Antworten geben, wenn nach einfachen Antworten verlangt würde. Nach den Worten Münklers werde eine Gesellschaft dadurch zusammengehalten, wenn Angst in Furcht verwandelt würde. Weil die Furcht immer zielgerichtet ist, weil sie Ursachen hat, die wenigstens benannt, oft aber abgestellt werden können. Angst hingegen wabert durch Zeit und Raum und könne nach seinen Worten politisch kaum bearbeitet werden.

Die große Welt wird überschaubar

Die Welt ist aus den Fugen - zumindest ist dies als ein Gefühl unserer Zeit identifizierbar. Auch das hat viel mit Globalisierung zu tun. Die Welt werde zum Dorf, hieß es einmal. „Diese Idylle stimmt nicht“, so Steinmeier, „die Welt rückt sich nämlich gegenseitig auf die Pelle.“ Nichts bleibe mehr folgenlos für uns, egal, wo es geschieht. Und das gehe einher mit dem Verlust von Autonomie. „Wir werden zunehmend abhängig von den Meinungen anderer.“

Was bleibt, ist nicht allein die Religion, aber diese eben auch. Mit Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, die sich für andere engagieren. Aus den anfänglich so großen Themen wurden dann auf diesem Podium ganz überschaubare - aber nicht weniger bedeutsame: „Es lohnt sich, sich in kleinen Dingen zu engagieren“, so Steinmeier, „sich um irgendetwas zu kümmern, anzupacken“. Hört sich banal an, ist aber greifbar. Und als Steinmeier dann aus seiner Jugend erzählte, wie er es mit Freunden schaffte, in dem kleinen Dorf das leerstehende Schulgebäude zum Jugendtreff umzubauen, da wurde die große Welt wohltuend überschaubar. Auch das ist ja so eine typische Erkenntnis auf dem Katholikentag: Man kann noch so groß über Frieden, Engagement und Kooperation reden und diskutieren, am Ende fängt alles immer bei uns selbst an.

(los)
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