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Rentner in den Tod gerissen: Karpfen — Kolosse mit großer Kraft

Rentner in den Tod gerissen : Karpfen — Kolosse mit großer Kraft

Die Angel-Tragödie von Holland lässt Laien schreckerfüllt staunen. Ein Karpfen riss einen Angler in den Tod. Ein erfahrener Angler erzählt, welch erstaunliche Kräfte die Tiere entwickeln können.

Der Mann war 58 Jahre alt und saß wegen eine Gehbehinderung im Rollstuhl. Ein Karpfen in einem Weiher nahe der niederländischen Stadt Roermond wurde ihm offenbar zum tödlichen Verhängnis.

Für mit dem Angeln unerfahrene Laien klingt das wie ein völlig abstruse Geschichte. Doch Kenner wissen, dass sie es mit einem Koloss zu tun haben können, wenn sie auf die Jagd nach Karpfen gehen.

Der Größte wog mehr als 42 Kilogramm

So etwa Giuseppe Gioia aus Bad Marienberg. Seit bald 20 Jahren übt er den Angelsport aus. Gemeinsam mit seinem Bruder Roberto betreibt er die gut frequentierte Website Carphunter Germany, die sich ausschließlich mit dem Karpfenangeln befasst. Wer sich dort umschaut, stellt schnell fest: Das Thema ist eine Wissenschaft für sich.

Der Karpfen ist für Angler wie ihn etwas ganz Besonderes. Die Tier können beeindruckende Ausmaße annehmen. Ein ausgewachsenes Exemplar kann über 20 Kilogramm schwer und mehr als 1,20 Meter lang werden. Bei Wikipedia sind die geltenden Rekorde gesammelt. Derzeit führt die Liste ein Karpfen mit einem Gewicht von 42,64 Kilogramm an, der 2010 in einem See nahe der französischen Stadt Bordeaux gefangen wurde.

Manchem hat es schon die Rute aus der Hand gerissen

Gioia angelt, weil er gerne draußen ist und den Austausch mit anderen Petri-Anhängern schätzt. Und weil er einen Kick verspürt, wenn einer anbeißt. "Dann schießt das Adrenalin hoch", sagt er. Es folgt das, was er als den "Kampf" beschreibt. Das Tier müde machen, indem man es etwas schwimmen lässt und dann wieder heranholt. "Heranpumpen", heißt das bei Gioia.

Das kostet Kraft. "Da muss man schon dagegenhalten", erzählt er. Und vor allem auf den letzten Metern, kurz, bevor das Tier im Kescher zappelt, mobilisiert er noch mal alle Kräfte. Auch Gioia hat es in einem solchen Moment schon die Rute aus der Hand gerissen. In der Regel ist jedoch der Mensch der Sieger in diesem minutenlangen Ringen.

Großgefüttert durch die Angler

Angler erzählen von überschäumender Freude und zitternden Knien, wenn sie es dann geschafft haben. Der Karpfen gilt bei ihnen nicht nur wegen der kapitalen Größe der Tiere als besonderer Fang. Sondern auch, weil es dafür Erfahrung, Wissen und Geduld braucht. Die Tiere gelten als gerissen. Karpfen muss man überlisten, sagen Angler. Um einen aufzuspüren, achten sie auf kleinste Hinweise. Typisches Gewässer, Bläschenbildung, zitterndes Schilf.

Über mehrere Tage wird dann angefüttert, immer zur gleichen Zeit am selben Ort. Die Tiere sollen sich daran gewöhnen. Auf die Jagd machen sich die Karpfenfänger dann mit so genannten Boilies, eigens aus Eiern, Öl und anderen leckeren Zutaten zubereiteten Teigködern. "Großer Köder — großer Fisch", sagt Gioia dazu, der derzeit ein Buch eigens zu diesem Spezialthema verfasst.

Sind Karpfen jetzt gefährlich?

Ein solcher Boilie ist nun nicht nur ein verlockender Köder für den Karpfen, sondern auch kalorienreiches Futter, wenn das Tier denn am Ende nicht gefangen wird. Das kommt häufiger vor, als man glaubt. Zum Ärger von Tierschützern setzen etliche Karpfenangler ihren Fang wieder aus ins Wasser. "Catch and Release", Fangen und Freilassen heißt diese Praxis unter Fachleuten. Offiziell erlaubt ist das nicht. Aber ein Grund dafür, dass Karpfen in unseren Gewässern immer wieder so große Ausmaße annehmen.

Dass ein großer Karpfen kräftiger sein kann als ein behinderter Angler, halten Gioia und Experten vom Deutschen Anglerverband für durchaus möglich. Nun aber Anfängern von Karpfengewässern abzuraten, hält Gioia für reichlich übertrieben. Schließlich könne man die Rute im Zweifelsfall einfach loslassen.

Warum der in Holland verunglückte Rentner genau das nicht getan hat, zählt zu den drängendsten Fragen der niederländischen Ermittler. Untersucht wird derzeit, ob der 58-Jährige tatsächlich nicht von sich aus von der Angelrute loslassen wollte, oder ob die Bremsen am Rollstuhl wegen eines technisches Defekts versagten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So riesig können Karpfen werden

(pst)