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Die Mottowagen 2011: Karneval provoziert mit Sarrazin und Guttenberg

Die Mottowagen 2011 : Karneval provoziert mit Sarrazin und Guttenberg

Düsseldorf (RPO). Auch in der Session 2011 kennt der Karneval kein Erbarmen mit Würdenträgern aus Politik und Gesellschaft. Vor allem Karl-Theodor zu Guttenberg wurde bei den Rosenmontagszügen zum Ziel des Spotts. Der ausgeschiedene CSU-Politiker befand sich in illustrer Gesellschaft: Auch Thilo Sarrazin, der Papst oder aber Libyens Machthaber Gaddafi gerieten ins Visier der Jecken.

Bis zuletzt hat Düsseldorfs Rosenmontags-Wagenbauer Jacques Tilly die politische Lage beobachtet, er hat Entwürfe immer wieder verworfen. Erst am Sonntag wurde sein neues Werk fertig: der Wagen zum Thema Guttenberg. So wie man das von dem Düsseldorfer Wagenbauer seit jeher erwarten kann, ist er provokant - und lotet mitunter die Grenzen des Geschmacks aus.

Provokation gehört im Karneval traditionell dazu. An den närrischen Tagen steigt das Volk den Eliten aufs Dach, Normen und Regeln werden gebrochen, Machthaber und Meinungsführer stehen nur noch in der Unterhose da. Vor allem die Mottowagen im Zug sind dazu da, das Politische im Karneval zu erden: Sie sollen, wie eine sehr freche Karikatur, ein Thema auf die Spitze treiben, gerne auch polarisieren.

Die Düsseldorfer sind berühmt und berüchtigt

Das mit dem Provozieren dürfte wohl auch dem Düsseldorfer Wagen mit Guttenberg gelungen sein — den Absturz des Berliner Polit-Stars mit dem grausamen Terror-Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 zu vergleichen, das wird nicht nur die KT-Fans auf die Palme treiben. Aber auch viele dazu bringen, genau hinzuschauen: Was bedeutet denn der Abgang des Freiherrn für die Kanzlerin? Das Motiv zählte am Rosenmontag sicherlich zu den großen Aufregern. Aufzufallen, das zählt im Wettstreit der großen Umzüge eben zu den herausragenden Disziplinen — bisweilen auch auf Kosten des guten Geschmacks.

Die Düsseldorfer Wagenbauer sind berühmt und berüchtigt, weil sie schon seit Jahren verlässlich für drastische Motive sorgen. Zum Beispiel auch das von Thilo Sarrazin, der mit einer Lanze von hinten eine Muslima und den prall gefüllten Kinderwagen vor ihr aufspießt. Auch Libyens wankender Staatschef Gaddafi und die scheinheilige Nordafrika Politik Europas bekamen ihr Fett weg: So zeigte der dazugehörende Mottowagen die Europäer mit einem Sack Geld vor Gaddafi. Die EU küsst dem Diktator dazu das Gewand. Gaddafi wiederum ist mit einem Ölfass in der Hinterhand unangefochtener Herr der Lage. Bitterböse kam auch ein Wagen daher, der den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche thematisierte: Auf dem Wagen sahen die Jacken einen Priester, auf dessen Schoß ein kleiner Junge sitzt. "Bei uns ist jeden Tag Weltjugendtag", war darunter zu lesen.

Guttenberg guckt aus dem Kopierer

Auch die Kölner setzten sich auf ihrem Rosenmontagszug mit zu Guttenberg auseinander. Der Mottowagen zeigte den gestürzten CSU-Politiker im direkten Zusammenhang mit seiner Plagiatsaffäre: Sein Kopf ragte aus einem Kopiergerät. Von hinten tritt ihm Kanzlerin Merkel mit Schmackes in den Hintern — und befördert ihn unsanft in die Wüste. In Köln war der Guttenberg-Wagen ähnlich wie in Düsseldorf nur auf den letzten Drücker fertig geworden und wurde kurzfristig eigens zweimal umgebaut, weil sich die Ereignisse um "KT" überschlugen.

Neben zu Guttenberg knöpften sich die Kölner NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vor. Die Wagenbauer hatten dafür ganz offensichtlich Anleihen bei Asterix und Obelix genommen: Kraft wird wie einst der gallische Häuptling Majestix von zwei Trägern auf einem Schild getragen, vorne die Grünen, hinten die Linke. Das Motto des Zuges ist in diesem Jahr "Köln hat zu beaten". Weitere Zielscheibe von Kritik und Spott: das Bahnprojekt Stuttgart 21. Der Mottowagen zeigt einen ICE, der aus einem Tunnel mit der Aufschrift "Milliardengrab Stuttgart 21" kommt. Vorne kippt eine Laderschaufel Unmengen von Geldsäcken aus.

Merkel und Westerwelle als Simpson-Figuren

Einen Hingucker lieferten die Kölner auch zum Thema Atomkraft. Merkel und Außenminister Guido Westerwelle sind als Figuren der Comic-Satireserie Simpsons bis zur Unkenntlichkeit karikiert. Die Hauptfigur der Serie, Homer Simpson, arbeitet im Original als Mitarbeiter in einem Atomkraftwerk — und benimmt sich mit schöner Regelmäßigkeit ziemlich verstrahlt. Weniger provokant, aber dafür nahezu künstlerisch geriet der Kölner Beitrag zu den Ereignissen im arabischen Raum Nordafrikas. Der Mottowagen zeigte die Länder als einstürzendes Kartenhaus.

In Mainz ragte ein Wagen zum Thema Google Street View heraus: Er zeigt einen Mann als Exhibitionisten, der sich den Mantel öffnet und seinen nackten Körper zeigt. Das Phänomen des "Sich-Entblößens" im Internet ist damit auch im Karneval angekommen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Politische Mottowagen 2011

(rpo/RP)