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Deutscher Rekord: Juwelier wurde 47 Mal Opfer von Gangstern

Deutscher Rekord : Juwelier wurde 47 Mal Opfer von Gangstern

Oberhausen (rpo). Juwelier Walter Schmiemann hat offenbar eine magische Anziehungskraft auf Gangster. 47 Mal wurde er Opfer von Verbrechen und hält damit einen deutschen "Rekord". Zu seiner Erlebnispalette zählten bewaffneter Raub, spektakuläre Einbrüche und Entführung.

Mit drei Überfällen in nur zwei Monaten in diesem Jahr fand die Serie ihr vorläufiges Ende. Die Masche war immer gleich: Zwei Gangster betraten den Laden. Im Eingang zogen sie sich Sturmhauben über. Der eine zückte eine Pistole, bedrohte die Angestellten. Der andere schlug mit einem Hammer sämtliche Vitrinen ein, packte Schmuck und Uhren in eine Tasche. Nach einer Minute flüchteten die Täter mit der Beute.

Dekorateurin Claudia Horn hat das Horror-Szenario zwei Mal miterlebt. "Die kommen rein und ehe du begreifst, fliegen überall Glassplitter", erinnert sich die Angestellte. Mit erhobenen Händen stand sie an der Wand, den Lauf einer Pistole auf sich gerichtet. "O.k., bedient Euch!", hat sie gesagt, aber gedacht hat sie "die drücken ab!" "Während des Überfalls bleibt man ruhig", erzählt die junge Frau, "aber zu Hause, da hatte ich Weinkrämpfe, da ist dann alles von mir abgefallen". Die Albträume ist sie bis heute nicht los.

Bei den letzten drei Überfällen in diesem Jahr war der 76-jährige Schmiemann, der selbst von einem "deutschen Rekord" spricht, nicht mehr direkt dabei. Aber wenn er davon erzählt, wird seine Stimme lauter. Es sei ein riesiges Glück, dass er nicht da gewesen ist. "Nicht weil ich Angst davor habe. Sondern weil ich vielleicht abgedrückt hätte - und das hätte ich mir nie verziehen!"

Einen scharfen Revolver trägt Schmiemann seit 1985 immer bei sich. Er zeigt ihn auch. 1985 war ein Tiefpunkt. Sein Sohn war damals 14, als sie gemeinsam abends ins Auto stiegen. Plötzlich öffnete ein Mann hinten den Wagen, setzte sich auf den Rücksitz und drückte Schmiemann eine Pistole in den Nacken. Ein paar Stunden blieben sein Sohn und er gefesselt auf einem alten Verladeplatz.

Die Gangster hatten den Schlüssel für das Geschäft, aber nicht den Zahlencode für die Tür. Schmiemann konnte sich befreien, aber seitdem weiß er, wie das ist, wenn man von einer Waffe bedroht wird. Und seitdem gibt ihm der Revolver Sicherheit, aber auch die Angst, im Ernstfall abzudrücken.

Richtig schlimm sei es geworden, seitdem der "Eiserne Vorhang" weg sei, sagt Schmiemann. Zwei Mal wurde ihm mit einem gestohlenem Wagen einfach das Schaufenster eingerammt. Als das eine Fahrzeug später gefunden wurde, lag noch eine Rolex auf dem Rücksitz. Um das Gefühl zu schildern, das er hatte, als er morgens um fünf seinen völlig zertrümmerten Laden sah, fehlen dem gelernten Uhrmacher die Worte. "Ich habe gedacht: Kann ein Auto so stark sein?"

In 44 Jahren sind Schmiemann Millionen geraubt worden. Ans Aufgeben hat er nie gedacht, bei keinem der 47 Verbrechen. In seiner Tasche trägt er einen alten Zettel, auf dem stehen die Namen von 25 Uhrgeschäften, die Pleite gemacht haben in seiner Zeit. Sein Name wird nie dazukommen, da ist er sich sicher.

Seit dem letzten Überfall hat er eine Panzerglas-Schleuse am Eingang. Die Täter wurden zum ersten Mal gefasst. Es waren zwei junge Polen, die zu der Tat gezwungen worden waren. Der eine hatte mehr als zwei Promille. Aber von Rache will der Juwelier nichts wissen. Ganz im Gegenteil: "Ich würde für diese Gangster jeden Tag beten, dass sie den rechten Weg wiederfinden."