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Job, Kinder, Corona - Warum Mütter in Pandemie-Zeiten am Anschlag leben

Job, Kinder, Corona : Warum Mütter in Pandemie-Zeiten am Anschlag leben

In den vergangenen zehn Jahren haben sich immer mehr Frauen trotz Familie für einen Job entschieden. Deshalb sind Millionen Mütter mit schulpflichtigen Kindern mittlerweile berufstätig. In der Corona-Krise führt sich das vermehrt an ihre Grenzen.

„Es ist einfach nicht zu schaffen.“ Anja Haegele arbeitet Teilzeit und studiert nebenbei. Seit Schulen und Betreuungseinrichtungen geschlossen haben, muss sie zusätzlich ihre drei Söhne zu Hause unterrichten. Einkaufen, kochen, Wäsche waschen sowieso. „Ich bin so erschöpft wie nie zuvor in meinem Leben“, sagt die 48-Jährige. Wie ihr geht es derzeit vielen Müttern, die einen Job und Kinder haben.

Denn immer mehr Mütter schulpflichtiger Kinder sind berufstätig. Der Anteil der Mütter, die in einer Partnerschaft und mit mindestens einem Kind zwischen 6 und 18 Jahren zusammenleben und zugleich erwerbstätig sind, wuchs in den vergangenen zehn Jahren deutlich. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Donnerstag zum Muttertag am 10. Mai. 2008 lag der Anteil der berufstätigen Mütter in Beziehungen bei gut zwei Dritteln (69 Prozent), 2018 waren es bereits mehr als drei Viertel (77 Prozent).

„Wegen des stark eingeschränkten Schulbetriebs aufgrund der Corona-Pandemie müssen die meisten Eltern schulpflichtiger Kinder weiterhin einen Spagat zwischen Kinderbetreuung und Berufsalltag vollführen“, schreiben die Statistiker. Bei Alleinerziehenden ist die Lage nicht besser: Auch hier waren 2018 rund 77 Prozent berufstätig.

Anja Haegeles Söhne sind sieben, neun und elf Jahre alt, sie gehen in die erste, dritte und fünfte Klasse und sind seit Wochen zu Hause. Der Vater, Steuerberater, geht weiterhin täglich ins Büro - die Mutter, Journalistin in Hamburg, versucht den widerstreitenden Ansprüchen gerecht zu werden: ihres Arbeitgebers, ihrer Hochschule, der Schulen, ihrer Kinder. In ihrem Bekanntenkreis sei das fast durchgängig so: „Die Männer arbeiten normal weiter, die Frauen schmeißen den Laden und rennen Richtung Burnout.“

Unter dem Hashtag #coronaeltern haben in den vergangenen Tagen viele berufstätige Mütter ähnliche Erfahrungen geteilt. Auch Bundesfrauenministerin Franziska Giffey sieht in der Corona-Krise Rückschritte bei der Gleichstellung von Frauen. „Wir erleben jetzt häufiger einen Rückfall in traditionelle Rollenbilder“, sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch der Funke Mediengruppe. Es seien „die Frauen, die die größte Last der Sorgearbeit übernehmen“.

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger, warnte am Mittwoch in der „Welt“ vor einer „Rolle rückwärts“ in der Gleichstellung. Frauen hätten ihren Erwerbsumfang bereits in den ersten Wochen der Krise deutlich stärker reduziert als Männer. „Sie tun das, weil es nicht anders geht, weil sie zurückstehen müssen“, so die Soziologin.

Knapp ein Viertel der erwerbstätigen Mütter mit Kindern zwischen 6 und 18 hatte im Jahr 2018 einen Vollzeitjob, 2008 waren es erst 18 Prozent. Die Tendenz ist aber nicht in allen Bundesländern gleich: In Ostdeutschland arbeiteten Mütter häufiger in Vollzeit als in Westdeutschland. In Sachsen-Anhalt ist das mittlerweile die Hälfte, während der Anteil in Bremen bei 15 Prozent liegt.

Anja Haegele arbeitet in ihrem Brotberuf in Teilzeit, seit sie nebenbei Medienmanagement studiert, summiert sich ihre Arbeitszeit auf Vollzeit. Mit drei Kindern sei das immer „ambitioniert“ gewesen, gibt sie zu, „aber ich wollte das so. Damals ging ich nur davon aus, dass es eine Betreuung gibt.“ Homeoffice sei eine gute Sache für Frauen ohne Kinder, sagt sie. „Mütter mit Kindern arbeiten nachts.“

(felt/dpa)