Islam: "Auch ein Minirock kann Unterdrückung sein"

Eine Muslima im Interview: "Auch ein Minirock kann Unterdrückung sein"

Die Duisburger Uni-Dozentin Jasamin Ulfat trägt zwar ein Kopftuch, doch wer die Muslima deshalb für ein Kopftuchmädchen hält, wird schnell eines Besseren belehrt. Ein Gespräch über verspätetes Beten, die Frage, wie Männer sich verhüllen müssen, und den besten Islamwitz.

Wer hat Ihnen das Kopftuch verordnet?

Ich mir selbst. Meine Mutter hat mir das zwar vorgelebt, aber als ich es schon im Kindergarten tragen wollte, haben meine Eltern es mir verboten, weil ich noch zu jung war. Mit 13 Jahren habe ich mich dann durchgesetzt.

Wieso nicht früher?

Ein Kopftuch ist für Frauen und nichts für kleine Mädchen. Für mich war es also ein Zeichen, dass man erwachsen ist. Und das wollte ich schon im Kindergarten sein.

Warum tragen Sie das Kopftuch noch immer?

Zum einen bin ich damit großgeworden, das Kopftuch gehört also zu mir. Um das Kopftuch abzusetzen, müsste ich wohl durch eine zweite Pubertät gehen. Zum anderen sehe ich auch den Sinn nicht so wirklich, es wieder abzusetzen. Ich liebe es, in einem Land zu leben, wo beides möglich ist.

Das Kopftuch soll die Haare verhüllen, weil sie zu den weiblichen Reizen gehören. Ich gucke einer Frau ehrlich gesagt nicht zuerst auf die Haare. Müssten Sie nicht Ihr Gesicht verhüllen?

Dann würde ich mich nicht mehr als Persönlichkeit fühlen. Aber weibliche Reize haben auch eher mit meinem Verhalten zu tun und nicht damit, ob ich mich verhülle. Für mich hat das Kopftuch auch nichts damit zu tun, Reize zu verbergen. Für mich hat das eher mit Understatement zu tun, Askese vielleicht.

Ist es Unterdrückung, eine Burka zu tragen?

Das kommt darauf an. Alles ist Unterdrückung, wenn man dazu gezwungen wird. Deshalb kann auch ein Minirock Zwang sein. Ich finde es in Deutschland problematisch, weil es hier sehr befremdlich wirkt, Burka zu tragen. Man zeigt, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Gesicht.

Wo kaufen Sie Ihre Kopftücher?

Bei H&M. Eigentlich sind das Schals. Zusammengehalten werden die Haare aber von der Mütze, die ich darunter trage.

Warum tragen Sie dann nicht einfach nur die Mütze?

Dann sehe ich aus wie ein Panzerknacker.

Warum müssen Männer kein Kopftuch tragen?

Eigentlich sollen Männer einen Bart tragen, um ihr Gesicht zu verhüllen. Und eigentlich dürften sie auch keine Jeans tragen, sondern diese Aladin-Hosen. Aber die sagen dann: Wir müssen ja Geld verdienen und müssen uns deshalb normal anziehen.

Waren Sie schon immer gläubig?

Ich bin als Moslem geboren. Aber natürlich habe ich mal mehr, mal weniger geglaubt.

Warum sind Sie dabeigeblieben?

Das hat ganz stark mit Identität zu tun. Ich finde es gut, an etwas zu glauben, was höher ist als man selbst. Das geht es auch um Demut. Ich lebe aber einen ziemlich liberalen Islam, auch wenn viele Leute durch das Kopftuch denken, dass ich fundamentalistisch eingestellt bin. Dabei bin ich nicht mal so wirklich religiös.

Wie jetzt?

Ich trage zwar ein Kopftuch, lege aber vieles sehr liberal aus. Ich gehe zum Beispiel nie in die Moschee. Ich mag einfach kein Gemeinschaftsgebet und keine Predigten. Aber ich glaube an Gott, wenn ich auch meine Zweifel habe.

Haben Sie ein tägliches religiöses Pflichtprogramm?

Außer fünfmal beten nichts.

Halte ich Sie gerade vom Beten ab?

Ich halte mich nicht ganz so pedantisch an die Uhrzeiten. Es gibt fünf Regeln, die man einhalten muss: Du musst an Gott glauben. Du musst an den Propheten glauben. Du musst fünfmal am Tag beten. Du musst im Ramadan fasten. Und du musst einmal im Leben nach Mekka pilgern. Das ist gar nicht so viel. Mir fehlt nur noch Mekka.

Wünschen Sie sich Veränderungen vom Islam?

Die Sache ist: Der Islam ist alles und nichts. Ich würde zum Beispiel sagen: Ja, es gibt Reformbedarf in der saudischen Gesellschaft. Aber dort lebe ich nicht. Dass sich aber der Islam in Deutschland ändert, ist überhaupt nicht notwendig. Es klingt, als könne man den Islam reformieren, und dann laden sich alle Muslime das als Update runter. Aber das ist nicht so, wir haben ja nicht mal so ein Oberhaupt wie den Papst, der etwas verkünden kann. Der Prophet ist tot und er sagt auch nichts mehr.

Und nun?

Wenn ich was am Islam ändern will, dann muss ich das für mich ändern. Wenn ich nicht in die Moschee gehen will, dann gehe ich entweder trotzdem, weil es im Islam als wertvoll angesehen wird, oder aber ich gehe einfach nicht, weil es mir nicht wichtig ist.

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Wann sind Sie zuletzt diskriminiert worden?

Das passiert ständig. Ich muss mich auf einen Job viel länger bewerben, um ihn zu bekommen. Auch die Wohnungssuche ist schwer. Wenn ich anrufe, hören die Leute ja nicht, dass ich Muslima bin. Wenn ich sie dann treffe, sagen sie: "Das habe ich am Telefon aber nicht gehört." Es gibt immer Leute, die mich auf der Straße böse angucken, mir nicht gerne Platz machen oder sich in der Bahn nicht neben mich setzen. Im Ruhrgebiet geht es. Aber als ich noch in Hessen gewohnt habe, passierte das ständig. Da gab es Leute, die mir den Vogel gezeigt haben, mich angespuckt und ins KZ gewünscht haben.

Wer sind diese Leute?

Alle möglichen Menschen aus allen möglichen Schichten. Eine Professorin hat mal gesagt: Das sieht ganz toll aus mit Ihrem Kopftuch, aber wenn Sie sich so abgrenzen, müssen Sie sich auch nicht wundern, wenn Sie diskriminiert werden.

Haben Sie sich je bedroht gefühlt?

Unser Baby kam am Neujahrstag 2014 zur Welt, als erstes Baby in Duisburg. Die Zeitungen haben ein Foto gemacht, der Artikel erschien auch online. Dadurch ist er auch in rechten Foren gelandet, in denen Leute gucken, wie viele Neujahrsbabys muslimisch sind, und daraus den Untergang des Abendlandes zusammenfantasieren. Die nennen das Geburten-Jihad. Da standen dann heftige Sachen wie "Rattenbrut" und "Die Nachgeburt ist da, wie sieht das richtige Baby aus?".

Wie oft müssen Sie die Leute davon überzeugen, dass Sie nicht an der Islamisierung des Abendlandes arbeiten?

Mein Umfeld ist mittlerweile davon überzeugt. Aber ich gebe auch Seminare an der Uni über den Afghanistankrieg. In einer anonymen Bewertung hat eine Person geschrieben: Es habe sie gestört, dass ich versucht hätte, Terrorismus zu entschuldigen. Das habe ich im Plenum angesprochen und mir die Bestätigung eingeholt, dass es sonst niemand so gesehen hat. Mit solchen aus der Luft gegriffenen Behauptungen lassen sich auch Karrieren zerstören.

Ist es unfair, dass im Wort "Islamismus" das Wort "Islam" vorkommt?

Unfair ist es nicht. Wenn gesagt wird, Islam und Islamismus haben nichts miteinander zu tun, dann stimmt das nicht. Nation und Nationalsozialismus haben ja vom Wortstamm auch miteinander zu tun. Die Islamisten berufen sich auf den Islam. Der Islam verherrlicht Gewalt nicht, leugnet sie aber auch nicht als Möglichkeit. Es gibt Regelungen für den Krieg, die gibt es aber auch im Grundgesetz. Der Islam kennt auch Staatsgewalt. So wie die USA Rechtfertigungen für Folter gefunden haben, haben Islamisten eben auch Rechtfertigungen für das Töten Unschuldiger im Koran gefunden.

Man könnte es auch Fehlinterpretation nennen.

Es ist eine Fehlinterpretation, dass der Islam erlaubt, Ungläubige zu töten. Es ist aber auch falsch zu sagen, dass der Islam nur Friede bedeutet. Der Islam erlaubt dir Gewalt als letztes Mittel. Aber nicht gegen Zivilisten. Die Islamisten sagen, sie befinden sich im Kampf gegen die Ungläubigen, und damit ist für sie jeder, der gegen sie ist, kein Zivilist mehr sondern potentieller Krieger.

Wie erklären Sie sich, dass sich gerade so viele Leute bei Anschlägen auf den Islam berufen?

Momentan ist der Islam ein Antipode zum Westen, so eine Art Underdog-Religion, die viele Menschen anzieht, die sich als Underdog sehen. Daran hat auch der Westen Schuld. Nicht, weil sie Muslime im Westen schlecht behandeln. Ich finde, wir leben hier ganz gut. Es hat eher mit der Außenpolitik des Westens zu tun, zum Beispiel immer die radikalsten Gruppen fördern, weil sie in Stellvertreterkriegen hilfreich sind, sich danach aber nicht mehr um sie zu kümmern.

Was ging Ihnen als erstes durch den Kopf, als Sie von den Anschlägen in Paris gehört haben?

Ganz ehrlich?

Bitte.

Hoffentlich waren es keine Muslime. Und natürlich Mitgefühl mit den Opfern. Interessant fand ich, dass die Terroristen vorher schon als Terrorsympathisanten bekannt waren. Es hat mich überrascht, dass die Anschläge trotzdem nicht verhindert werden konnten.

Würden Sie Witze über Ihren Gott machen?

Keine beleidigenden Witze. Die würde ich aber auch über niemand anderen machen.

Kennen Sie einen guten Witz über den Islam?

Ein Mann kommt zum Imam. Sein Sohn habe ihm gebeichtet, dass er eigentlich eine Frau ist, jetzt möchte er sein Geschlecht umwandeln. Der fragt den Imam um Hilfe. Dieser rät ihm: "Sperre deinen Sohn für zwei Wochen in unsere Bibliothek. Dort wird er über den Islam lesen und so Gott will den richtigen Weg finden." Der Mann tut wie ihm geheißen. Nach zwei Wochen trifft er sich mit dem Imam, und ist sichtlich gut gelaunt. Der Imam fragt: "Und, hatte ich nicht Recht? Hat sich dein Sohn besonnen?" Der Mann antwortet: "Ja, vielen Dank. Er ist zwar immer noch überzeugt, eine Frau zu sein, aber er will jetzt Kopftuch tragen."

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