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EKD-Synode: Irmgard Schwaetzer — überraschend Präses

EKD-Synode : Irmgard Schwaetzer — überraschend Präses

Die Ex-Ministerin leitet bis 2015 die EKD-Synode. Vorausgegangen war ein personelles Drama um den früheren bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein. Schwaetzers Wahl zeigt: Das Kirchenparlament hat ein Problem mit der Besetzung hoher Ämter.

Zweifellos ist das ein Generationswechsel — allerdings etwas anders, als man ihn sich gemeinhin vorstellt. An der Spitze der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steht für die nächsten anderthalb Jahre, bis zum Ende der Wahlperiode, die 71-jährige frühere Bundesbauministerin Irmgard Schwaetzer (FDP). Sie löst die 47-jährige Katrin Göring-Eckardt ab, die neue Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion.

Schwaetzer ist nun mit dem Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (66) das Gesicht des deutschen Protestantismus — und Schneiders Gegenüber, denn das Kirchenparlament ringt um ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Rat, der "Regierung" der EKD. Schwaetzers Wahl ist eine große Überraschung; damit es dazu kam, musste zuvor eine Menge kirchenpolitisches Porzellan zu Bruch gehen: Göring-Eckardts bisheriger Vize Günther Beckstein (69, CSU), früherer bayerischer Ministerpräsident, konnte sich in zwei Wahlgängen nicht gegen die selbst innerkirchlich wenig bekannte frühere bremische Kirchenpräsidentin Brigitte Boehme (73) durchsetzen. Ergebnis war ein Patt. Beide zogen schließlich merklich betroffen zurück; vor allem Boehme gab zu verstehen, dass ihr Schritt nicht freiwillig gewesen sei.

So war der Weg frei für Irmgard Schwaetzer, die der Nominierungsausschuss nach vierstündigen Beratungen den Synodalen präsentierte. Nach 23 Uhr am Sonntagabend war klar, dass im dritten Wahlgang 91 von 115 Stimmen der Synodalen auf Schwaetzer entfallen waren.

Das ist ein Debakel vor allem für Beckstein, der als Favorit gegolten hatte. Dass die eher links stehende Synode für einen betont konservativen Christsozialen eben noch nicht reif sei, wie Beckstein selbst gestern sagte — dieses Argument greift allerdings zu kurz. Beckstein galten durchaus Sympathien, auch wenn er nicht als souveränster Sitzungsleiter bekannt ist. Diese Sympathien verscherzte er sich allerdings durch einige Ungeschicklichkeiten.

Da war etwa seine schroffe Kritik am Familienpapier des Rates, das neben der klassischen Ehe auch Lebensformen wie Patchworkfamilien und homosexuelle Partnerschaften würdigt. Da war sein Plädoyer für eine restriktive Flüchtlingspolitik — ausgerechnet bei einem Thema, das den Synodalen die Herzen besonders schwer macht. Und noch in Düsseldorf vergrätzte der Provokateur Beckstein Anhänger eines tagespolitisch engagierten Protestantismus, als er über die "Theologie der Energiesparlampe" spottete, und die Reformierten und Vertreter einer stärkeren innerevangelischen Ökumene, indem er "lutherische Theologie in der EKD" forderte.

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Die Querelen bestätigen einen Befund: Diese Synode hat ein Problem mit der Besetzung hoher Ämter. Vielen kamen am Sonntag ungute Erinnerungen an die Ratswahl 2009 in Ulm. Damals blockierten sich die Lager so gründlich, dass einer der 15 Ratssitze ein Jahr lang leer blieb — ein Armutszeugnis, das nur wegen der Wahl der Hoffnungsträgerin Margot Käßmann zur Ratschefin nicht allzu sehr auffiel. Mehr noch: Bei der Besetzung des Rats mit Geistlichen der Landeskirchen (aus denen der Ratsvorsitzende gewählt wird) verhedderten sich die Synodalen 2009 im Proporzdenken — im Rat saßen hinfort lediglich Männer am Ende ihres Berufslebens, was nach Käßmanns Rücktritt umso schmerzlicher war.

Ein Stückchen Korrektur wäre damit auch die Wahl des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm in den Rat, die für heute vorgesehen ist. Bedford-Strohm soll dort seinen Vorgänger im Amt, Johannes Friedrich (65), ersetzen. Bedford-Strohm ist auch schon 53, damit unter den Ratsgeistlichen aber tatsächlich ein Jungspund.

Schwaetzer präsentierte sich gestern unbeeindruckt vom Drama. Dafür sei sie die falsche Ansprechpartnerin, befand sie knapp. Nur so viel: Das Parteibuch habe nicht "die entscheidende Rolle" gespielt. In der Tat war Schwaetzer als Liberale selbst nicht prädestiniert für den Posten — die FDP steht der engen Kooperation zwischen Staat und Kirche eher skeptisch gegenüber. Sie hoffe, sagte Schwaetzer, auf gute Zusammenarbeit mit Beckstein, der Vizepräses bleiben will. Zu erleben war eine forsche Neu-Präses: Bessere Information der Synode durch den Rat und bessere Einbindung in die kirchlichen Prozesse seien Themen, die "obenauf liegen".

Über das Ehrenamt sagte Schwaetzer einen bemerkenswerten Satz. "Wenn Sie die Mitte der Gesellschaft suchen, werden Sie sie finden bei diesen Menschen in der evangelischen Kirche." Damit, in Entscheidungen selbst eine Mitte zu finden, einen Kompromiss, haben sich die Ehrenamtler der EKD-Synode zuletzt allzu oft schwergetan.

(csi)