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Steffen R. — das Leben eines Höllenengels: "Ich möchte niemals wieder Opfer sein"

Steffen R. — das Leben eines Höllenengels : "Ich möchte niemals wieder Opfer sein"

Gewalt von Kindheit an. Der Ex-Rocker, der in Kiel Hauptbelastungszeuge gegen die Hells Angels ist, hatte eine schwere Jugend. Im Knast kamen dann erste Bande zu den Rockern, gegen die er nun aussagt. Dies ist für ihn lebensgefährlich.

Wer ist der Mann, der sich traut? In dieser Woche sagte der 40-jährige Ex-Rocker erneut vor dem Kieler Landgericht aus und schilderte kriminelle Machenschaften - wie bereits vergangene Woche, als er den Hannoverschen Hells Angels-Präsidenten Frank Hanebuth beschuldigte, "grünes Licht" zur Ermordung des seit nunmehr zwei Jahren vermissten Türken Tekin Bicer gegeben zu haben.

Versteckt an einem geheimen Ort

Die Kieler Staatsanwaltschaft setzt in verschiedenen Ermittlungsverfahren gegen die "Höllenengel", denen organisierte Kriminalität nachgesagt wird, auf den Ex-Rocker als Hauptbelastungszeugen. Er wird an einem geheimen Ort versteckt.

Der Aussteiger steht selbst wegen Zuhälterei, räuberischer Erpressung und Körperverletzung vor Gericht. Er soll Prostituierten dermaßen brutal zugesetzt haben, dass die Frauen noch heute seelisch und körperlich schwerst traumatisiert sind.

Gewalt von Kindheit an

Gewalt prägte bereits Kindheit und Jugend des Angeklagten in der damaligen DDR. Der Ex-Rocker wuchs, wie er vor Gericht berichtete, als ältestes von acht Kindern auf, die ersten sieben Jahre noch wohlbehütet bei seinen Großeltern in Naumburg an der Saale.

Doch die Idylle zerbricht, als der Großvater stirbt und die Oma in den Westen geht. Da muss der Junge zum ersten Mal zurück in sein von Alkoholexzessen, Streit und sexuellen Übergriffen geprägtes Elternhaus. Er haut bald wieder ab, kommt in Heime, haut wieder ab, bis man ihn in schließlich in ein "Speziallager" bringt.

"Ich möchte nie wieder Opfer sein"

Als er dort sieht, wie ein 15-jähriger sich aus Verzweiflung mit Benzin übergießt und anzündet, "da habe ich beschlossen, ich möchte nie wieder Opfer sein im Leben". Bevor ihm jemand auf die Füße tritt, will fortan er zutreten, schilderte der kleine, massig wirkende Mann mit dem runden Kugelbauch und den Millimeter kurz rasierten dunklen Haaren sein damaliges Empfinden.

Nach der Wende kommt er auch in den Westen, hält sich mit Handlangerarbeiten, Diebstählen und Türsteherei über Wasser, wie er sagt. Er wird früh straffällig, hat zeitweilig mit der rechten Szene zu tun. Ins Gefängnis muss er seit 1997 immer wieder. 2002 oder 2003 kommt er nach Schleswig-Holstein - genau weiß er das nicht mehr.

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Die Ehe scheitert

Eine Ehe scheitert. Er hat zwei Kinder aus losen Beziehungen. Bis 2007 sitzt er im Gefängnis. Dort lernt er Hells Angels kennen. Zu ihnen knüpft er dann als Freigänger intensive Kontakte, arbeitet im "Sozialladen", einem Projekt für Straftäter.

Mit 15 000 Euro vom damaligen Kieler Vize-Präsidenten der Hells Angels übernimmt er schließlich selbst solch ein Geschäft, dem die Pleite drohte und das später ins Visier der Ermittler gerät.

Prostitution, Drogen, Waffenhandel

Der Mann fühlt sich angesprochen vom Lebensstil, dem ihm die Hells Angels bieten: Partys, Geld, Autos. "Egal, was es war, es wurde ermöglicht". Aber: "Es gab natürlich Pflichten, die damit verbunden waren. Die waren am Anfang kleingehalten. Das Ende sah dann aber ganz anders aus." Da ging es dann um Prostitution, um Drogen- und Waffenhandel, Körperverletzung und angeblich Mordaufträge.

Am Ende steht er wieder vor Gericht. Der Mann, der mit seiner "Legion 81" Hilfstruppe für die Machenschaften der Hells Angels war, hat nun offen Angst und sitzt mit schusssicherer Weste im Gerichtssaal.

"Einmal Member, immer Member"

"Einmal Member, immer Member", sagt er und meint, dass er als Aussteiger um sein Leben fürchten muss. "Ich habe für mich gemerkt, dass diese große Bruderschaft und Mystik Bullshit ist - alles nur Lug und Trug - es geht nur ums Geld."

Das Gericht wird entscheiden müssen, wie glaubhaft die Aussagen von "Kugelblitz", so ein früherer Spitzname, sind. Seine eigenen Straftaten redet er klein, und er kann als Hauptbelastungszeuge mit Strafmilderung rechnen.

(dpa)