1. Panorama
  2. Deutschland

Fahrgastverband kritisiert Sparpolitik: Hitze-Panne bei der Bahn weitet sich aus

Fahrgastverband kritisiert Sparpolitik : Hitze-Panne bei der Bahn weitet sich aus

Berlin (RPO). Die Hitze-Panne bei der Deutschen Bahn hat größere Ausmaße als von der Bahn erklärt. Während das Unternehmen von Problemen in drei ICE spricht, gab es am Wochenende Klimaanlagenausfälle ebenfalls in anderen Zügen. Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sagte unserer Redaktion, von Einzelfällen könne keine Rede sein.

Es war wie in einer mobilen Saunalandschaft. Temperaturen von über 50 Grad herrschten am Samstag im ICE 846. Fenster öffnen war nicht möglich bei dem hochmodernen Gefährt, die Passagiere der Hitze ausgeliefert. Die Klimaanlage in dem Zug war ausgefallen und Schüler daraufhin zusammengebrochen. In Bielefeld wurde der Zug schließlich evakuiert.

Wie die Bahn in einer Pressemitteilung erklärte, habe es am Samstag einen "hitzebedingten Ausfall von drei ICE-Zügen" gegeben. Man bedauere die "erheblichen Unannehmlichkeiten". Demnach sei in den drei Zügen auf dem Weg von Berlin nach Köln/Düsseldorf die Klimaanlage ausgefallen und die Züge seien draufhin in Bielefeld und in Hannover gestoppt worden.

Der Fahrgastverband Pro Bahn sagte unserer Redaktion, es seien in keinem Fall nur drei Züge betroffen gewesen. "Dass die Bahn dies als Einzelfälle bezeichnet, ist völlig falsch", erklärt Sprecher Harmut Buyken. Es komme immer wieder vor, dass Klimaanlagen bei der Deutschen Bahn ausfielen, aber so potenziert sei das schon einzigartig. "So etwas hatten wir noch nicht gehabt", sagt Buyken mit Blick auf den Bielefelder Vorfall.

ICE 848 am Sonntag betroffen

Auch unsere Redakteurin Franziska Bluhm kann weitere Fälle aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie saß am Sonntag im ICE 848 von Berlin nach Köln/Düsseldorf. In ihrem Lagebericht schreibt sie über immense Temperaturen durch die ausgefallene Klimaanlage.

Ähnliches berichten Leser unserer Redaktion bei Facebook. So habe es die gleichen Probleme am Freitag in einem Zug von Hamburg nach Düsseldorf gegeben. Auch im IC am Sonntag von Düsseldorf nach Hamburg soll die Klimaanlage ausgefallen sein, ebenso wie bei einem Zug von Hamburg. Temperaturen von 50 Grad und keinerlei Klimaanlage seien auch dort an der Tagesordnung gewesen.

Nach einem Bericht der "Neuen Osnabrücker Zeitung" habe es Hitzeprobleme zudem in einem Zug, der von Hamburg Richtung Osnabrück unterwegs war, gegeben. Dort hätten die Fahrgäste in die Erste Klasse wechseln dürfen und Getränke erhalten. Der 12.36-Uhr-IC von Berlin via Osnabrück nach Amsterdam sei in Stendal mit Lokschaden liegengeblieben, ein Ersatzzug sei ebenfalls nicht klimatisiert gewesen.

  • Von Berlin ins Rheinland : Unsere Redakteurin schwitzt im Pannen-Zug
  • 27 Schüler kollabierten bei 50 Grad Celsius : Hitze-Chaos in ICE-Zügen - Polizei ermittelt
  • Bahnen der Nordwestbahn werden auf einzelnen
    Moerser Pendler betroffen : Bauarbeiten sorgen für Einschränkungen bei der Bahn

Wie viele Züge tatsächlich betroffen waren, ist bislang unklar. Eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion an die Deutsche Bahn blieb bisher unbeantwortet.

Warum die Klimaanlagen ausgefallen seien, kann auch Pro Bahn nicht genau sagen. Allerdings spricht Buyken von einem allgemeinen systemischen Problem. "Das war ja schon bei den Achsen so", sagt der Sprecher. "Die Anforderungen werden niedrig geschraubt, um Kosten zu sparen." Man glaube, es sei billiger, die Fahrgäste zu entschädigen als die Klimaanlagen zu tauschen, so Buyken. "Aber das ist ein enormer Imageschaden für die Bahn."

Notfallregelung gefordert

Der Fahrgastverband fordert nun eine Notfallregelung von der Deutschen Bahn, damit so etwa wie in Bielefeld nicht mehr passiert. "Die Bahn muss ihr Personal anweisen, wie es in solchen Fällen zu regieren hat", erklärt Buyken und spricht etwa davon, solche Züge nicht losfahren zu lassen, den Menschen vor Ort zu helfen oder auch Züge umkehren zu lassen. "Denn der eigentliche Skandal ist doch der, dass man den Zug noch hat weiterfahren lassen", so Buyken.

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und verkehrspolitische Sprecher der FDP, Patrick Döring, ruft die Bahn zu Korrekturen beim Service auf. "Wenn die Klimaanlage ausfällt, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass für Bahnreisende ausreichend gekühlte Getränke an Bord sind oder eisgekühlte Handtücher verteilt werden, wie das in anderen Ländern üblich ist", sagte Döring gegenüber unserer Redaktion.

Döring, zugleich Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn, forderte eine "lückenlose Überprüfung" der Wartungshistorie der betroffenen Züge. "Es kann nicht sein, dass der mitteleuropäische Winter zu kalt für die Bahn war und der mitteleuropäische Sommer zu heiß ist", sagte Döring. Die Bahn müsse den betroffenen Reisenden zudem mit "kulanten" Entschädigungsregelungen entgegenkommen.

Bundespolizei ermittelt

Für die Deutsch Bahn könnte die neuerliche Panne vom Wochenende nicht nur einen Imageschaden haben, sondern auch ein gerichtliches Nachspiel. Denn inzwischen ermittelt die Bundespolizei wegen Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung.

Ein Sprecher der Bundespolizei Münster sagte der Nachrichtenagentur DAPD, wegen des Defekts der Klimaanlage in mehreren ICE-Zügen hätten in Bielefeld rund 40 Passagiere ärztlich behandelt werden müssen - vor allem wegen Kreislaufzusammenbruchs. Nun soll untersucht werden, ob es nicht möglich gewesen wäre, angesichts von Temperaturen von bis zu 50 Grad im Zuginneren schon eher Abhilfe zu schaffen.

Schule fordert Schadenersatz

Auch das Eisenbahnbundesamt hat sich inzwischen eingeschaltet. Es seien Untersuchungen eingeleitet worden, wie es zum Ausfall der Klimaanlage in mehreren Zügen kommen konnte, sagte ein Sprecher der Behörde.

Die Remscheider Sophie-Scholl-Gesamtschule will die Bahn für den Kreislaufkollaps mehrerer Schüler in einem überhitzten ICE in Regress nehmen. "Das lassen wir nicht auf sich beruhen", sagte die Schulleiterin Brigitte Borgstedt der Nachrichtenagentur DAPD. Die Schule werde Schadenersatzansprüche geltend machen.

Sollten sich der von der Bahnpolizei untersuchte Verdacht auf fährlässige Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung erhärten, werde die Schule außerdem den betroffenen Eltern zu einer Sammelklage raten, sagte Borgstedt.