Hitler und der "Tag von Potsdam"

Hitler und der "Tag von Potsdam"

Der 21. März 1933 ist als "Tag von Potsdam" in die Geschichte der braunen Diktatur eingegangen. An diesem Tag wurde in Berlin zwar auch der am 5. März neugewählte Reichstag eröffnet, doch überlagert wurde jener Dienstag von einen bombastisch inszenieren Festakt zur "nationalen Erhebung", mit dem die Nazis die Massen blenden wollten.

Mit dieser "ersten pompösen Selbstdarstellung des neuen Staates" (so Hitler-Biograf Joachim C. Fest) wollte Nazi-Führer Adolf Hitler, der am 30. Januar von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum neuen Reichskanzler ernannt worden war, dem Volk vorgaukeln, in der Tradition Preußens zu stehen. Am Grab des preußischen Königs Friedrich II. sollte die Verbindung zwischen Preußentum und Nationalsozialismus feierlich bekundet werden.

Der 21. März war mit Bedacht ausgewählt worden. Am 21. März 1871 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck den ersten deutschen Reichstag eröffnet. 62 Jahre später war in Potsdam an jenem 21. März alles zugegen, was an den Mythos von Preußen und des eisernen Kanzlers erinnerte: "Veteranen aus den Kriegen von 1864, 1866 und 1871, die Kanonen und Fahnen der alten preußischen Armee und das Ambiente der Preußenresidenz", wie der Historiker Hans-Ulrich Thamer schreibt. Der Rheydter Joseph Goebbels, der erst wenige Tage zuvor zum Reichspropagandaminister ernannt worden war, führte Regie und überließ nichts dem Zufall. Weil die ganze Nation an diesem Festakt teilnehmen sollte, wurde der Rundfunk deutschlandweit eingeschaltet.

Mit großem Gefolge und unter dem Jubel Hunderttausender am Straßenrand traf Hindenburg am Vormittag in Potsdam ein und nahm am Gottesdienst in der protestantischen Nikolaikirche teil. Der 86-Jährige trug die Uniform des preußischen Generalfeldmarschalls, die er im Ersten Weltkrieg getragen hatte. Die Begegnung mit Hitler fand anschließend vor der Garnisonkirche statt. Der braune Machthaber im bürgerlichen Cut und mit Zylinder machte eine tiefe Verbeugung vor Hindenburg. Es folgte ein Händedruck, der gleichsam den Pakt zwischen dem kaiserlichen und dem neuen Deutschland besiegeln sollte.

Dann begann der Staatsakt in der Garnisonkirche. Nach dem greisen Staatsoberhaupt sprach Hitler. Er dankte dem Reichspräsidenten, der diese "Vermählung der Symbole der alten Größe und der jungen Kraft" ermöglicht habe. Schließlich stieg Hindenburg hinab in die Gruft Friedrich II., um einen Lorbeerkranz niederzulegen. Vor der Kirche donnerten Kanonenschüsse. Goebbels notierte in sein Tagebuch: "Am Schluss sind alle auf das Tiefste erschüttert."

Doch hinter dieser Fassade verbreitete das braune Regime bereits Angst und Schrecken. Am "Tag von Potsdam" berichtete der nationalsozialistische "Völkische Beobachter" über die Einrichtung des Konzentrationslagers in Dachau, in dem "die gesamten kommunistischen und, soweit dies notwendig ist, Reichsbanner- und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen" würden. Zugleich erließ die Regierung Hitler eine "Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe".

Nur zwei Tage nach der "Potsdamer Rührkomödie" (so der Historiker Friedrich Meinecke 1946) setzten die Nazis im Reichstag – alle 81 KPD- und 26 SPD-Abgeordneten fehlten, weil sie in "Schutzhaft" genommen oder geflüchtet waren – ihr Ermächtigungsgesetz durch, das Hitler mit diktatorischen Vollmachten ausstattete und der Demokratie ein Ende setzte.

Als sich im Zweiten Weltkrieg nach der Schlacht von Stalingrad die totale Niederlage Deutschlands anbahnte, versuchte Goebbels einmal mehr, das Volk zu blenden. Auch Friedrich der Große, so tönte der Propagandaminister, habe Niederlagen erlitten. Doch jedes Mal sei "der endgültige Sieg" gefolgt. Hitler selbst beschwor in seinen Durchhalteappellen immer wieder den Preußenkönig: "Wir werden unter allen Umständen diesen Kampf so lange führen, bis, wie Friedrich der Große gesagt hat, einer unserer verfluchten Gegner es müde wird, noch weiter zu kämpfen." Unter Berufung auf den Preußenkönig führte Hitler Deutschland ins Verderben.

Und Preußen? Bereits durch den "Preußenschlag" vom 20. Juli 1932 war der Staat politisch marginalisiert worden. Damals setzte Reichskanzler Franz von Papen die verfassungsmäßige preußische Regierung ab und ließ sich selbst zum Reichskommissar für Preußen ernennen. Mit den Gesetzen der Nazis zum Neuaufbau des Reiches wurde die Eigenstaatlichkeit der Länder endgültig beseitigt.

Dennoch sahen sich die Alliierten nach dem Weltkrieg genötigt, Preußen förmlich aufzulösen. In ihrem Beschluss vom 25. Februar 1947 heißt es, dass Preußen "seit jeher der Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen" sei. Der Preußen-Experte Hans-Joachim Schoeps bezeichnet dieses Vorgehen als skurril: Der Kontrollratsbeschluss verrate nur "die ganze Ahnungslosigkeit beziehungsweise auch Böswilligkeit einer Welt, die den wirklichen Staat Preußen nicht mehr gekannt, nicht mehr verstanden hat oder nicht mehr verstehen wollte".

(RP)