Zeugnisse: Hilfe, mein Kind soll auf die Realschule

Zeugnisse : Hilfe, mein Kind soll auf die Realschule

Viertklässler erhalten heute mit ihrem Zeugnis eine Empfehlung für die weiterführende Schule. Ein Vater berichtet von einem Dilemma.

Es ist kein gutes Zeugnis, das unsere Tochter, neun Jahre, vierte Klasse, heute nach Hause bringen wird. Nicht völlig katastrophal, nur sehr mittelmäßig eben. Und damit stecken wir mitten in einem vermaledeiten Gewissenskonflikt. Denn dieses Papier soll die Grundlage sein für eine Entscheidung, die so etwas ist wie die erste wichtige Weggabelung im Leben eines Kindes - der Entscheidung für eine weiterführende Schule. "Wir sehen Ihr Kind nicht auf dem Gymnasium", hat die Klassenlehrerin uns schon vor Wochen eröffnet. Ganz behutsam, schließlich kursieren in den Lehrerzimmern ja die wüstesten Geschichten über Eltern, die bei dieser Gelegenheit so richtig grob werden können.

Die Sorge war unbegründet. Wir sind ganz friedlich auf den viel zu kleinen Stühlen sitzengeblieben, im Klassenzimmer unserer Tochter, das wie alle Klassenzimmer nach alten Pausenbroten und nassen Tafelschwämmen müffelte. Und wir haben uns brav angehört, was die junge, übrigens sehr sympathische Lehrerin über Lauras Leistungen zu sagen hatte. Das Gymnasium sei etwas für Schüler, denen in der Grundschule alles nur so zufliege. Mit anderen Worten: nichts für unsere Laura. Seufz. Dann hat die Lehrerin uns ein Blatt Papier über den Tisch geschoben, auf dem stand: Realschule. Oder Gesamtschule, das NRW-Angebot für Unentschlossene. Bitte für die Akten quittieren.

Es ist ja nicht so, als hätten wir das nicht erwartet. Wir sind ja nicht naiv. Und dann habe ich unter Elternwunsch doch ein dickes Kreuz bei "Gymnasium" gemacht. Aus Trotz? Nein, aus Zweifel. Ist die Empfehlung der Lehrerin wirklich die richtige? Muss man nicht auch die Fortschritte honorieren, die Laura in den vergangenen Monaten gemacht hat, die sich aber leider noch nicht ausreichend in den Noten niedergeschlagen haben? Muss man nicht auch ihren glühenden Wunsch berücksichtigen, auf dieselbe Schule zu gehen wie ihre große Schwester und ihre beste Freundin?

Vielleicht wäre es uns leichter gefallen, die Bewertung zu schlucken, wenn wir nicht auch leisen Zweifel am Urteilsvermögen der Lehrerin hätten. Was weiß die junge Frau eigentlich von der Schule, auf die Laura ihrer Meinung künftig gehen soll? Wir haben die Frage gestellt. Die Antwort war ein Achselzucken. Dabei ist die Realschule bei uns im Ort nicht gerade dafür bekannt, schwächeren Schülern ein optimales Lernklima zu bieten. Und über das auf dem Pausenhof gesprochene Pidgin-Deutsch reißen die Leute sogar Witze. Vielleicht ist das alles übertrieben, aber uns hat es beunruhigt. Wir sind nicht darauf fixiert, dass Laura studieren soll. Ganz im Gegenteil, sie ist eher praktisch begabt. Eigentlich ist die Realschule für sie in Ordnung. Eigentlich.

Natürlich haben wir mit Laura darüber gesprochen, obwohl am Ende wir ganz allein diese knifflige Entscheidung treffen müssen. Laura weiß, dass sie sich viel schwerer in der Schule tut als ihre große Schwester. Die Große war eines dieser Kinder, denen in der Grundschule "alles nur so zuflog". Ihre Gymnasial-Empfehlung stand nie auch nur ansatzweise in Frage. Laura fliegt nichts zu, sie muss sich alles hart erarbeiten. Das macht uns auch Sorgen; wir wollen nicht, dass unser Kind zum Schulneurotiker wird. Wir haben Laura erklärt, dass wir sie mit aller Kraft unterstützen werden, aber dass auch sehr viel Arbeit auf sie zukommt. Und dass es am Ende vielleicht doch nicht reicht. Aber Laura will unbedingt aufs Gymnasium. Also pfeifen wir auf die Empfehlung: Wir wagen es.

Unser Autor ist Vater von zwei Kindern und lebt in einer Stadt am Niederrhein.

(RP)