Hauptbahnhof Frankfurt: Mutmaßlicher Täter wurde in der Schweiz gesucht

Tödlicher Stoß in Frankfurt : Verdächtiger bedrohte in der Schweiz Nachbarin und war auf der Flucht

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat nach dem tödlichen Angriff am Frankfurter Hauptbahnhof Konsequenzen angekündigt. Indes wurden neue Hintergründe über den Verdächtigen bekannt.

Der mutmaßliche Täter von Frankfurt war in der Schweiz polizeibekannt und wurde dort seit dem vergangenen Donnerstag gesucht. Der Mann habe seine Nachbarin mit einem Messer bedroht, eingesperrt und sei dann geflohen. Daraufhin sei er in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen, sagte Bundespolizeipräsident Dieter Romann am Dienstag in Berlin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und BKA-Präsident Holger Münch. „Er war auch im Vorfeld mit entsprechenden Delikten bereits in der Schweiz auffällig.“

Die Kantonspolizei Zürich sprach von großer Betroffenheit im ganzen Kanton. Eine Hausdurchsuchung habe keine Hinweise auf eine Radikalisierung, aber auf psychische Probleme gegeben. Seit Januar 2019 habe er keine feste Arbeit mehr gehabt. Er sei wegen psychischer Probleme krankgeschrieben worden. Hinweise auf eine Flucht habe es nicht gegeben.

Am Montag hatte der Tatverdächtige einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Der Junge starb noch im Gleisbett, die Mutter konnte sich retten und wurde verletzt. Eine dritte Person, die der aus Eritrea stammende Mann auch attackiert hatte, konnte sich in Sicherheit bringen.

Laut Seehofer reiste der Tatverdächtige „offensichtlich legal“ nach Deutschland ein. Sein Ministerium teilte mit, dass der Mann in Deutschland keinen Asylantrag gestellt habe. Romann zufolge liegt die Vermutung nahe, dass er auf der Flucht war. Es sei davon auszugehen, dass er an der Grenze nicht kontrolliert wurde. „An der Grenze zur Schweiz gibt es auch keine reguläre Grenzkontrolle.“ Der mutmaßliche Täter sei 1979 in Eritrea geboren worden, er sei verheiratet und Vater dreier Kinder. Seinen Wohnsitz habe er in der Schweiz.

2006 sei der Mann unerlaubt in die Schweiz eingereist und habe dort Asyl beantragt, was ihm zwei Jahre später gewährt worden sei. „Er besitzt seitdem in der Schweiz die Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, das heißt gut integriert“, sagte Romann. Der Verdächtige sei einer festen Arbeit nachgegangen, „aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich“. Er sei in Publikationen sogar als Beispielfall gelungener Integration genannt worden, sagte Seehofer.

Der Bundesinnenminister verlangte eine größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen. Außerdem müsse man technische Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit prüfen - „und zwar vorurteilsfrei“. Geld dürfe dabei keine Rolle spielen. Der CSU-Politiker erneuerte auch seine Forderung nach einer stärkeren Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Er betonte, bei der Erhöhung der Sicherheit handele sich um eine „komplexe Aufgabe“, weil es in Deutschland rund 5600 Bahnhöfe mit völlig unterschiedlichen Strukturen gebe.

Seehofer sprach von einem „kaltblütigen Mord“ und „grässlichem Verbrechen“. Es werde jetzt ein Spitzengespräch, vermutlich auch mehrere, zwischen seinem Ressort, dem Bundesverkehrsministerium und der Deutschen Bahn AG zu der Frage geben, wie sich die Sicherheit an Bahnhöfen erhöhen lasse. Verantwortlich seien die beiden Minister.

Aufenthaltsrechtliche Konsequenzen ergeben sich laut Seehofer aus dem Fall in Frankfurt nicht. Unabhängig von der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof müsse Deutschland stärker seine Grenzen „in den Blick nehmen“. Seehofer verwies darauf, dass im vergangenen Jahr 43.000 unerlaubte Einreisen registriert worden seien. Es gehe um „intelligente Kontrollen“ und nicht darum, wieder Schlagbäume zu errichten.

Seehofer betonte, obwohl die allgemeine Kriminalität zurückgehe, sei das Sicherheitsgefühl in Deutschland derzeit „sehr angespannt“. Es gebe einen „Werteverfall“ in Deutschland wie mehrere Fälle in jüngster Zeit zeigten. Der Innenminister verwies auf die Randale von rund 50 Jugendlichen vor einer Polizeidienststelle in Starnberg und auf wiederholte Tumulte von Jugendlichen und jungen Männern im Düsseldorfer Rheinbad.

Mehrere Hundert Menschen haben mit einem gemeinsamen Gebet am Dienstagabend auf dem Bahnhofsvorplatz in Frankfurt am Main des getöteten achtjährigen Jungen gedacht. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Gedanken von Hass um uns greifen“, sagte Jutta Jekel, Pfarrerin der unweit des Bahnhofs gelegenen Evangelischen Hoffnungsgemeinde.

  • 7/30/19 2:16 PM
    Damit beenden wir vorerst unsere Live-Berichterstattung zu der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof. Wir melden uns an dieser Stelle wieder, sobald es weitere Informationen gibt.
  • 7/30/19 2:15 PM
    In Zürich habe sich inzwischen eine Sonderabteilung gebildet, die sich in Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden mit der Aufklärung des Falls befassen soll. "Wir hatten vor dem Vorfall in Frankfurt keine Hinweise auf so eine Tat", erklärt Keller. "Für uns war es ein normaler Fall von häuslicher Gewalt, mehr zunächst nicht."
  • 7/30/19 2:10 PM
    Er soll seit diesem Jahr in psychiatrischer Behandlung gewesen sein, sagt Bruno Keller, stellvertretender Kommandant der Kantonspolizei Zürich.
  • 7/30/19 2:03 PM
    Die Schweizer Behörden geben noch einmal einen Überblick über das Profil des mutmaßlichen Täters. Er lebte seit 2006 in der Schweiz, stammt aus Eritrea und ist 40 Jahre alt. Bis zur vergangenen Woche gab es keine Einträge in polizeiliche Akten. Am vergangenen Donnerstag soll er jedoch während eines Gewaltausbruchs seine Nachbarin bedroht und eingesperrt haben. Anschließend ergriff er die Flucht.
  • 7/30/19 1:59 PM
    Weiter geht es mit der Pressekonferenz der Kantonspolizei in Zürich mit weiteren Informationen zum mutmaßlichen Täter und seiner polizeilichen Vorgeschichte in der Schweiz.
  • 7/30/19 1:52 PM
    Auch die Übernahme von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer werde von dem Vorfall politisch nicht beeinträchtigt. Seehofer hatte vor wenigen Wochen die Übernahme von Flüchtlingen der Rettungsschiffe "Alan Kurdi und Alex" zugesagt. "242 Fälle haben wir zugesagt, 180 davon sind bislang realisiert worden", so der Bundesinnenminister.
  • 7/30/19 1:45 PM
    Viele der anwesenden Journalisten stellen weiterhin Fragen zu Auswirkungen auf die Außen- und Zuwanderungspolitik Deutschlands:

    43.000 unerlaubte Einreisen soll es laut Seehofer im Jahr 2018 in Deutschland gegeben haben. Die Dunkelziffer sei sicherlich deutlich höher.
  • 7/30/19 1:42 PM
    Aus Rücksicht auf die Familie des mutmaßlichen Täters, die in der Schweiz lebt, werden zu seiner Person keine weiteren Angaben gemacht, betonen die Behördenvertreter.
  • 7/30/19 1:40 PM
    Auf Nachfrage betont Seehofer abermals die Schutzrolle Deutschlands in Europa: "Wer Hilfe benötigt, muss sie hier auch bekommen." Den Vorfall zu nutzen, um damit Politik zu machen, sei der falsche Weg.
  • 7/30/19 1:31 PM
    Man werde sich, um den Vorfall lückenlos aufzuklären, auch intensiv mit der Deutschen Bahn austauschen, kündigt Seehofer an.
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(mro/mja/epd/AFP)
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