Gammelfleisch-Skandal Großhändler begeht Selbstmord

München (rpo). Der Inhaber eines in den Gammelfleisch-Skandal verwickelten Münchener Unternehmens hat Selbstmord begangen. Der 74-jährige Großhändler hat sich nach Angaben der Polizei in seiner Wohnung erhängt. Angehörige fanden den Mann am Morgen tot im Keller seines Hauses.

Wie an jedem Morgen ging Georg B. gegen sechs Uhr in den Keller seines Einfamilienhauses. Frühsport habe er dort immer gemacht, sagte seine neun Jahre jüngere Ehefrau später den Ermittlern. Doch an diesem Mittwoch kehrte ihr Mann nicht zum gemeinsamen Frühstück aus dem Keller zurück. Als sie nach dem Rechten sehen wollte, fand sie ihren Mann um 7.30 Uhr erhängt am Treppenaufgang. Georg B., der im Münchner Gammelfleischskandal wegen Betrugs, Urkundenfälschung und wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz im Visier der Ermittler stand, hatte offenbar den Druck nicht mehr ausgehalten.

Der Großhändler hinterließ weder seiner Frau noch seinem Sohn einen Abschiedsbrief. Die Polizei ist sich jedoch sicher, dass sich Georg B. wegen des Fleischskandals das Leben nahm. Mehrfach hatte er seiner Familie gegenüber angedeutet, dass ihn die vor allem auch in den Medien erhobenen Vorwürfe extrem belasteten, dass er das alles nicht mehr ertrage. Doch weder seine Frau noch sein Sohn nahmen die Andeutungen ernst.

Gegen 10.30 Uhr wird die Leiche des Fleischgroßhändlers mit einem silberschwarzen Leichenwagen abtransportiert. Wenig später versammeln sich zahlreiche Journalisten und Kamerateams rund um das Anwesen in München-Freimann. Auch einige Nachbarn stehen in ihren Vorgärten und beobachten das Geschehen auf dem Anwesen. Nachbar Winfrid P. erzählt, dass in den vergangenen Tagen schon einiges los war bei Georg B. Öfter seien Pressevertreter da gewesen.

Näheres habe er aber nicht beobachtet, sagt der Nachbar. Er sei allerdings der Meinung, dass die Person Georg B.s nicht so sehr im Mittelpunkt des Skandals hätte stehen sollen. Vielmehr solle sich die Gesellschaft lieber Gedanken "über den Umgang mit Tieren und der Natur machen", meint der Nachbar. Vorverurteilen wolle er Georg B. in jedem Fall nicht, er wolle die Ermittlungen abwarten. Außerhalb des Medienrummels bleibt es am Haus von Georg B.s an diesem Vormittag relativ ruhig. Eine Briefträgerin kommt vorbei und liefert die Post aus. Die Polizei hat die Straße abgesperrt. Von der Familie ist nichts zu sehen.

Sohn und Ehefrau werden befragt

Ein Polizeisprecher sagt vor Ort, Ehefrau und Sohn würden derzeit zu den Vorkommnissen befragt. Am Nachmittag sollte die Leiche Georg B.s obduziert werden. Doch die Ermittler rechnen nicht mit neuen Erkenntnissen. "Der erste Eindruck ist eindeutig", sagt der Polizeisprecher.

Unterdessen herrscht im Kühlhaus von Georg B. in München-Johanneskirchen geschäftiges Treiben. Lebensmittelkontrolleure sind noch immer damit beschäftigt, rund 400 Tonnen eingelagerte Ware zu überprüfen. 43 Tonnen Gemüse und Obst sowie bis zu 70 Tonnen Fleisch, dessen Haltbarkeit um zum Teil vier Jahre überschritten war, wurden bereits aussortiert. Im Büro im ersten Stock des Gebäudes sind die orangenen Vorhänge zugezogen. Auch nach mehrmaligem Klingeln meldet sich niemand. Eine ältere Dame, die aus der Einfahrt kommt, winkt ab: "Kein Kommentar."

Nach dem Selbstmord des Großhändlers hat dessen Anwalt schwere Vorwürfe gegen Medien und Behörden erhoben. "Es ist offensichtlich, dass die Vorverurteilung durch die Medien - gefördert durch die überobligatorische Pressearbeit der Ermittlungsbehörden - den Selbstmord meines Mandanten zumindest mitverursacht haben", erklärte der Münchner Anwalt Daniel Amelung am Mittwoch.

Ohne dass der Beschuldigte über seinen Verteidiger überhaupt Einsicht in Ermittlungsakten habe nehmen können, habe dieser "tagtäglich seinen Namen in einer die Unschuldsvermutung verletzenden, vorverurteilenden Medienberichterstattung" lesen müssen. So sei ohne jeden Beweis behauptet worden, dass das Gammelfleisch "zum Großteil schon verzehrt" sei. Der Anwalt kündigte an, "die Verletzung der Unschuldsvermutung durch Presse und Ermittlungsbehörden kritisch zu prüfen".