Interview zum Weltfrauentag: Gleiches Recht statt schöner Reden

Interview zum Weltfrauentag: Gleiches Recht statt schöner Reden

Brüssel (RP). Der 8. März ist Weltfrauentag. Als Kampftag für den Feminismus ist er gedacht. Aber eine Frau würde ihn am liebsten abschaffen: Viviane Reding. Im Gespräch mit unserer Redaktion nennt die luxemburgische EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien ihre Gründe.

Sie werden mit dem Satz zitiert, Sie würden den Internationalen Frauentag am liebsten abschaffen. Warum?

Reding So lange wir den Weltfrauentag haben, haben wir keine Gleichberechtigung. Ich würde mir wünschen, dass man nicht mehr das Feigenblatt eines symbolhaltigen Tages bräuchte, sondern dass man 365 Tage im Jahr in der konkreten Praxis dafür sorgt, dass es Fortschritte für Frauen gibt.

Und da schadet der Weltfrauentag?

Reding Nein, er schadet nicht. Aber, sehen Sie, leider setzt sich die Gleichberechtigung allein durch Feiertage in der Praxis nicht durch. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit — das ist ein Grundrecht, welches bereits 1957 in den Europäischen Verträgen niedergelegt wurde. Dennoch ist allein in Deutschland die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau im vergangenen Jahr nochmals um ein Prozent zu Gunsten der Männer gewachsen. So etwas stimmt mich nachdenklich.

Ist ein Tag, der darauf aufmerksam macht, dann nicht umso wichtiger?

Reding Und am nächsten Tag ist alles wieder vergessen! Ich wünsche mir konkrete, erfolgreiche Aktionen im Alltag statt feierliche Reden an einem Tag.

Sie stehen für die Initiative "Code of Best Practices", die mehr Frauen in IT-Berufe bringen soll. Fünf große IT-Konzerne, darunter Microsoft und Motorola, haben diesen Verhaltenskodex bereits unterzeichnet. Wie lange mussten Sie dafür kämpfen?

Reding Die Erarbeitung dieses Kodex hat die Europäische Kommission im vergangenen Jahr angestoßen. Dessen Unterzeichnung nach nur einem Jahr ist nun ein erster, wichtiger Schritt. Ich musste dabei gar nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten, weil die Industrie größtenteils selbst das Ausmaß des Problems erkannt hat: In Europa fehlen uns 500.0000 Spezialisten im IT-Bereich, davon 87.800 allein in Deutschland. Die kriegen wir nicht zusammen, wenn wir uns nur auf die Männer verlassen. Ich hoffe, dass bald auch ein deutsches Technologie-Unternehmen den europäischen Kodex unterzeichnet.

Es gibt in der Gesellschaft eine ungerechte Bewertung der Geschlechterrollen. Niemand fragt beispielsweise, ob Väter berufstätig sein sollten, obwohl sie kleine Kinder haben, oder ob ein männlicher Politiker gutaussehend ist oder nicht.

Reding Ich habe es eigentlich auch ganz gerne, wenn männliche Politiker gut aussehen. Ich habe zugleich die Erfahrung gemacht: Wenn Frauen in der Politik sind, können sie sehr große gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Nehmen Sie Angela Merkel oder Ursula von der Leyen als Beispiel: Die haben die neue Regelung zum Elterngeld durchgebracht, sogar gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen, wo die neue Regelung teilweise als "Wickel-Volontariat" bezeichnet wurde. Mehr solche durchsetzungsstarken Frauen braucht das Land.

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Wird das auf die Wirtschaft übergreifen?

Reding Ich sehe dafür erste Anzeichen. Leider gibt es noch sehr wenige Frauen in Spitzenpositionen. Dabei sind Frauen starke und gute Managerinnen. Es gibt Studien, denen zufolge Firmen, die Frauen in ihren Vorständen haben — wie das vor allem in Skandinavien der Fall ist —, bessere Ergebnisse erbringen.

Es gibt auch Untersuchungen, nach denen familienfreundliche Unternehmenspolitik den Profit steigert. Eigentlich wissen wir das — warum handeln die Firmen nicht danach?

Reding Weil nicht genug Frauen da sind, wo die Entscheidungen getroffen werden. Wichtige Abteilungen werden von Männern auf Männerart geführt, und das schadet der Wirtschaft. Deshalb brauchen wir positive Beispiele und Vorreiterinnen. Und insbesondere mehr Selbstbewusstsein bei den Frauen: Wir können es doch! Wir haben es bewiesen! In der derzeit unter Präsident Barroso amtierenden Kommission sind 10 der 27 Kommissare Frauen und dabei verantwortlich für wichtige Politikfelder wie Handel, Wettbewerb, Verbraucher oder die EU-Finanzen. Im EU-Parlament haben wir 30 Prozent weibliche Parlamentarier. Das ist ein sehr großer Fortschritt im Vergleich zu den Anfangsjahren des Parlaments. Ich würde mir für die Wirtschaft wünschen, dass aus den heutigen sieben Prozent Frauen in Vorständen in einigen Jahren die doppelte Prozentzahl wird. Es würde den Entscheidungen, die dort getroffen werden, gut tun.

Was muss die Gesellschaft konkret leisten, um so weit zu kommen?

Reding Frauen eine reelle Chance geben, in ihrem Beruf weiterzukommen. Dafür sorgen, dass Frauen im Elternurlaub weitergebildet werden, um den Wiedereinstieg in den Beruf zu schaffen. Schon in der Grundschule muss Mädchen beigebracht werden, dass es cool ist, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Ich wünsche mir Frauen, die das tun, und Männer, die das mit ihnen teilen.

Sie sind Jahrgang 1951, Sie haben die Emanzipationsbewegung als junge Frau miterlebt. Hat Sie das geprägt?

Reding Sehr intensiv. Kurz nach dem Mai 1968 habe ich an der Sorbonne in Paris studiert, in dieser Zeit hat sich die Frauenbewegung sehr stark entwickelt. Der Feminismus entstand damals aus Frustration darüber, wie diese Revolution geführt worden war: Wir haben sie mitgemacht, und es wurde uns nicht zu Gute gehalten. Das beeinflusst mich bis heute. Auch darum habe ich jetzt als EU-Kommissarin die Initiative angestoßen, Frauen zu helfen, in der Technologie-Wirtschaft Fuß zu fassen.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass in Sachen Emanzipation Rückschritte gemacht werden?

Reding Ich beobachte eine gewisse Müdigkeit. Den Tatendrang, die Euphorie der 70er Jahre gibt es nicht mehr so sehr. Frauen finden vieles selbstverständlich. Und wenn die Lage dann in der Praxis ganz anders aussieht, geben sie schnell auf. In den 70ern haben wir noch mehr gekämpft. Deswegen ist es heute so wichtig, dass Politikerinnen wie Merkel und von der Leyen dem Patriarchat einen Riegel vorschieben.

(RP)
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