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Germanwings-Tragödie: 150 fehlen — Angehörige erinnern an die Toten

Zwei Jahre nach Germanwings-Absturz : 150 fehlen — Angehörige erinnern an die Toten von Flug 4U9525

Fünf Minuten lang will Haltern an diesem Freitag in aller Stille der Opfer des Germanwings-Absturzes vor zwei Jahren gedenken. In Spanien gedachten Angehörige bereits am Donnerstag ihrer Toten.

Bei den Abiturprüfungen am Joseph-König-Gymnasium im westfälischen Haltern fehlen in diesem Frühjahr 16 Schüler. Auch zwei Lehrerinnen. Jäh endete vor zwei Jahren ihr Leben beim Absturz des Germanwings-Linienfluges 4U9525 in den südfranzösischen Alpen. Mit ihnen starben 132 weitere Menschen. Alles spricht nach Überzeugung der Ermittler dafür, dass der 27 Jahre alte, psychisch kranke Copilot Andreas Lubitz den Airbus absichtlich gegen einen Berg hatte fliegen lassen. Am Freitag ist der Jahrestag.

"Wir spüren den Verlust unserer Tochter noch genauso wie im ersten Jahr. Man kann sich wohl nicht daran gewöhnen", sagt Annette Bleß aus Haltern, die ihre Tochter Elena verlor. Elena und ihre Schulfreunde starben auf dem Rückflug von Barcelona nach Düsseldorf. Sie kamen von einem Schüleraustausch mit einer spanischen Schule. Elena wäre am kommenden Samstag 18 Jahre alt geworden.

Am 24. März 2015 um 10.41 Uhr zerschellte das Flugzeug. In Haltern will man am Freitag um diese Zeit fünf Minuten lang innehalten. Die Kirchen wollen ihre Trauerglocken läuten. Schulleiter Ulrich Wessel hat eine gemeinsame Gedenkfeier von Stadt, Schule und Kirchen auf dem Schulhof an der Gedenkstätte geplant.

Günter Lubitz hat ziemlich genau um diese Uhrzeit eine Pressekonferenz in Berlin angesetzt. Er ist der Vater des Todespiloten und will ein Gutachten des von ihm beauftragten Luftverkehrs-Experten und Fachjournalisten Tim van Beveren vorstellen.

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Günter Lubitz bezweifelt, dass sein Sohn Suizid begangen hat. "Unser Sohn war ein sehr verantwortungsvoller Mensch. Er hatte keinen Anlass, einen Selbstmord zu planen und umzusetzen, und erst recht nicht, dabei noch 149 andere unschuldige Menschen mitzunehmen", hat er der Wochenzeitung "Die Zeit" gesagt. An kaum einem anderen Tag hätte die Aufmerksamkeit für seine Sicht der Dinge größer sein können.

Schon in der Einladung zu der Veranstaltung bezweifelt Lubitz' Vater die "Annahme des dauerdepressiven Copiloten, der vorsätzlich und geplant in suizidaler Absicht das Flugzeug in den Berg gesteuert haben soll". Er schreibt: "Wir sind der festen Überzeugung, dass dies so nicht richtig ist." Der Berliner Opferanwalt Elmar Giemulla, der die Angehörigen von 42 Opfern vertritt, hat die Aktion der Familie bereits als "unverantwortlich" und "geschmacklos" kritisiert.

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Viele Angehörige werden am Freitag dort sein, wo ihre Verwandten starben. Die Lufthansa als Germanwings-Muttergesellschaft hat in Le Vernet wieder eine Gedenkfeier organisiert. Der kleine Alpenort liegt in der Nähe der Stelle des Aufschlags von Flug 4U9525.

50 der 150 Toten des Germanwings-Absturzes waren Spanier — vor dem zweiten Jahrestag der Katastrophe ist in Barcelona an sie erinnert worden. Hinterbliebene und Freunde versammelten sich am Donnerstag vor dem Terminal 2 des Flughafens. An diesem Airport war das Flugzeug nach Düsseldorf abgeflogen und nie angekommen. Die rund 200 Trauernden legten an dem vor einem Jahr enthüllten Gedenkstein einen Kranz nieder und hielten auch eine Schweigeminute ab.

Vom Sommer an soll eine Skulptur am Absturzort an das Unglück erinnern. Die Lufthansa mag noch nicht viel über das "Gedenk-Element" sagen. Es sei auf Wunsch der Angehörigen geschaffen worden. Laut "Bild am Sonntag" soll es sich um eine Art goldene Sonnenkugel aus 149 individuell geschmiedeten Einzelteilen handeln. Damit ist klar: Das Mahnmal ist nicht allen 150 Toten gewidmet, sondern dem Schicksal der 149 Menschen, die dem Mann im Cockpit vertrauten.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Lufthansa und Angehörigen um die angemessene Höhe des Schmerzensgeldes dauern unterdessen weiter an. Die Lufthansa hat laut Giemulla für die Leiden der Opfer in ihren letzten zehn Lebensminuten jeweils 25.000 Euro gezahlt. Hinzu komme ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro für jeden nahen Hinterbliebenen. Beides sei "zu wenig", sagt der Anwalt. Vorschläge für höhere Zahlungen habe die Lufthansa nach längeren Verhandlungen abgelehnt. Die Lufthansa bestätigt lediglich "laufende Verhandlungen", will sich zum Verfahrensstand aber nicht äußern.

Giemulla bereitet daher eine Klage vor — unter Berufung auf den Schadenersatzparagrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches. Sein Vorwurf an die Fluggesellschaft: "Das System in der Lufthansa hat es nicht geschafft, zu verhindern, dass ein offensichtlich psychisch kranker Mensch Pilot wird und die Verantwortung für Hunderte von Menschen hat." Ansprüche aufgrund dieses Paragrafen verjährten erst Ende 2018.

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(rent/dpa)