Germanwings-Absturz: Tod in den Alpen

Absturz einer Germanwings-Maschine : Der Tod in den Alpen

Eine der schwersten Katastrophen der deutschen Luftfahrt erschüttert Europa. Am späten Dienstagvormittag stürzte in den französischen Alpen ein Airbus A 320 der Lufthansa-Tochtergesellschaft Germanwings ab. Die Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf und hätte dort um 11.55 Uhr landen sollen.

Offenbar starben alle 144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. Germanwings ging von 67 toten Deutschen aus. Davon sind 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Gymnasiums von Haltern im Kreis Recklinghausen. Die Zehntklässler eines Spanischkurses waren nach Angaben der Stadt zu einem Austausch in der Nähe von Barcelona gewesen. Die Nationalität der restlichen Passagiere war zunächst unklar.

Auch Geschäftsreisende verloren ihr Leben. Eine Henkel- Mitarbeiterin und ein Bayer-Angestellter starben, wie die Konzerne bestätigten. Barcelona ist ein wichtiger Chemiestandort. Ebenso war ein Manager des Ratinger Modekonzerns Esprit an Bord, wie eine spanische Internetseite berichtete.

Flug 4U 9525 zerschellte offenbar an einer Felswand; Fernsehbilder zeigten Trümmer auf einer Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern. Die Absturzort liegt im bis zu 3000 Meter hohen Estrop-Massiv nahe Digne im Département Alpes-de-Haute-Provence. Die Stelle sei für Fahrzeuge nicht erreichbar, teilte das französische Verkehrsministerium mit. Hubschrauber und ein Militärflugzeug waren auf der Suche nach Wrackteilen. Die Klärung der Absturzursache könnte Wochen dauern. Einer der Flugschreiber, von dem sich Experten Aufschluss erhoffen, wurde bereits gefunden.

Der örtliche Abgeordnete Christophe Castaner sprach von "entsetzlichen Bildern", nachdem er an einem Suchflug teilgenommen hatte: "Es bleibt nichts außer Trümmern und Körpern." Die Bergung der Leichen werde vermutlich Tage dauern, erklärte die Polizei. Eine Sporthalle in Seyne-les-Alpes wurde für die Aufbahrung der Opfer vorbereitet.

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zum Absturz

Nach Angaben des Online-Dienstes Flightradar 24 sank die Maschine in den Minuten vor dem Absturz mit einer Geschwindigkeit von 3000 bis 4000 Fuß — etwa 900 bis 1200 Metern — pro Minute. Das sei vergleichbar mit der normalen Geschwindigkeit bei Landeanflügen. Die Piloten setzten zudem keinen eigenen Notruf ab. Deshalb schlossen Sicherheitsbehörden einen Terroranschlag aus. "Nach allem, was wir wissen, war es ein kontrollierter Gleitflug", sagte Markus Wahl, Vorstandsmitglied der Pilotenvereinigung Cockpit.

Was zur Katastrophe führte, war zunächst unklar. Das Wetter in den Alpen sei trocken gewesen, der Wind schwach, der Himmel wolkenlos, berichtete die Zeitung "Le Monde" unter Berufung auf französische Wetterdienste.

Die Unglücksmaschine war nach Angaben von Germanwings gut 24 Jahre alt. Deren Chef Thomas Winkelmann sagte, der Jet sei noch am Montag in Düsseldorf überprüft worden. Weltweit sind rund 6200 Maschinen vom Typ A 320 im Einsatz, 60 davon bei Germanwings. Die Airline will den Betrieb ohne Einschränkungen fortsetzen. Auch Lufthansa, Air Berlin und die Ferienfluggesellschaft Condor nutzen ihre A 320-Maschinen vorerst weiter. Zum Piloten sagte Germanwings-Chef Winkelmann: "Der Kapitän war seit über zehn Jahren für Lufthansa und Germanwings im Einsatz und hatte rund 6000 Flugstunden im Airbus absolviert."

In Pilotenkreisen wird spekuliert, dass das Computersystem des A 320 zu dem Absturz geführt haben könnte. Der Computer soll Pilotenfehler ausgleichen, könnte aber durch ein vereistes Messinstrument falsche Daten erhalten haben. Ein ähnlicher Fall soll im November fast zum Absturz einer Lufthansa-Maschine in Spanien geführt haben. Nach Winkelmanns Angaben wurde der Bordcomputer der Unglücksmaschine aber schon ausgetauscht.
Nach Informationen aus Pilotenkreisen gab es wegen des Absturzes wilde Streiks bei Germanwings und Lufthansa. Crews hätten sich geweigert, in Maschinen des Unglückstyps zu fliegen; andere ständen unter Schock. Deshalb seien mehrere Flüge gestrichen worden. Die Lufthansa bestätigte die Vorfälle. Nach Angaben der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo muss kein Kollege, der von den Vorfällen schockiert sei, in den kommenden Tagen fliegen. Das sei Regel im Lufthansa-Konzern.

Der Absturz löste weltweit Entsetzen und Trauer aus. Bundespräsident Joachim Gauck, derzeit in Peru, sagte den Angehörigen: "Ich bin weit weg von Ihnen und ganz nah bei Ihnen mit meiner Trauer." Gauck brach seine Reise wegen des Unglücks ab. Auch das spanische Königspaar beendete seinen Besuch in Frankreich vorzeitig. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, das Leid der Familien sei unermesslich. Jede Spekulation über die Unfallursache verbiete sich. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft betonte, ihre Gedanken seien bei Freunden und Angehörigen der Opfer.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sprach von einem dramatischen Unfall. "Wir werden das Unglück mit unseren europäischen Partnern aufklären", kündigte er an: "Unsere Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung werden vor Ort helfen, die genauen Ursachen herauszufinden. Wir stehen mit allen beteiligten Behörden in engem Austausch", betonte der Minister, der an der Unglücksstelle gemeinsam mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor Ort war und mit den Helfern dort sprach. Dobrindt sagte: "Meine Gedanken und Gebete sind bei Denjenigen, die ihre Angehörigen an Bord der Unglücksmaschine verloren haben."

Dobrindt reiste mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier an die Absturzstelle und sprach mit Helfern. Am Mittwoch will Merkel gemeinsam mit Kraft nach Frankreich kommen. Das nordrhein-westfälische Kabinett sagte am Dienstag seine Sitzung ab; Mittwoch finden keine Sitzungen im Landtag statt. Innenminister Ralf Jäger ordnete Trauerbeflaggung an.

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(RP)
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