Gendersternchen: Wie geschlechtergerechte Sprache funktioniert

Diskussion um Gendersternchen: Wie geschlechtergerechte Sprache funktioniert

Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob die deutsche Sprache Frauen und transgeschlechtliche Menschen diskriminiert. Die Debatte spaltet das Land. Doch was ist grammatikalisch überhaupt erlaubt und was nicht? Ein Überblick.

In Passau ging es am Freitag um die Zukunft der deutschen Grammatik. Der Rat für deutsche Rechtschreibung beriet über seine „Empfehlungen für geschlechtergerechte Schreibung“. Auf der Tagesordnung stand das Gendersternchen. Eine Antragstellerin hatte dafür geworben, es in die Rechtschreibregeln zu integrieren. Der Rat will aber vorerst keine konkreten Schreibweisen für eine geschlechtergerechte Sprache empfehlen.

Das Gendersternchen ist nur eine von vielen Ideen, die die deutsche Sprache geschlechtergerecht machen sollen. Einige der Schreibweisen erlaubt der Duden, andere sind offiziell Rechtschreibfehler. Wir haben die gebräuchlichsten Varianten zusammengestellt.

VOM DUDEN ERLAUBTE SCHREIBWEISEN

  • Generisches Maskulinum („Leser“) Das Generische Maskulinum ist der grammatische Regelfall in der deutschen Sprache. Die männliche Form wird benutzt, um die Allgemeinheit zu bezeichnen. Insbesondere Feministinnen kritisierten das Generische Maskulinum. Frauen fühlten sich nicht mitgemeint. Viele Linguisten sehen das anders. „Das ist die völlig falsche, polemische Formulierung. Frauen sind bei ‚Bäcker‘ überhaupt nicht gemeint“, sagte beispielsweise Peter Eisenberg dem Deutschlandfunk. „Das ist doch der Trick am generischen Maskulinum! Und Männer sind auch nicht gemeint. Sondern: Es sind Personen gemeint, die backen.“
  • Doppelnennung („Leserinnen und Leser“) Die klassische Variante eines geschlechtergerechten Sprachgebrauchs ist die Doppelnennung femininer und maskuliner Formen. Die Duden-Redaktion nennt sie „die höflichste und eindeutigste Variante der sprachlichen Gleichstellung“. Die Doppelnennung ist vor allem in der Anrede üblich.
  • Neutralisierungen („Lesende“) Bei der Neutralisierung wird der Hinweis auf das Geschlecht entfernt. Das ist auf verschiedene Arten möglich. So werden beispielsweise Partizipien substantiviert („Studierende“ statt „Studenten“), abstrakte Begriffe gebildet („Lehrkraft“ statt „Lehrer“) oder Synonyme gesucht („Publikum“ statt „Zuhörer“). Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen so überwunden werden.
  • Umschreibungen („Das Lesen“) Eine weitere Möglichkeit, das Generische Maskulinum zu umgehen, ist die Umschreibung. Die männliche Form wird durch Satzumstellungen vermieden. Statt zu schreiben „Teilnehmer sind dazu berechtigt, das Gebäude zu betreten“ wählt man in diesem Fall die Variante „Eine Teilnahme berechtigt dazu, das Gebäude zu betreten“.
  • Schrägstrich- und Klammerschreibweisen („Leser/-innen“) „Die häufigste und zugleich von den amtlichen Rechtschreibregeln abgedeckte verkürzte Form war bisher die Variante mit Schrägstrich und Bindestreich“, schreibt die Duden-Reaktion. Auf den Bindestrich werde häufig auch verzichtet, er sei aber weiterhin vorgeschrieben. Klammerschreibweisen werden am Wortende üblicherweise nicht genutzt, sondern lediglich innerhalb von Wörtern („Kolleg(inn)en“).
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VOM DUDEN NICHT ERLAUBTE SCHREIBWEISEN

  • Binnen-I („LeserInnen“) Das Binnen-I ist eine feministische Alternative zu Doppelnennung und Schrägstrich. Es ist die liebste Form der Linguistin Luise Pusch. „Ich bin dafür, dass das große I in den Duden aufgenommen wird, endlich“, sagte sie dem Deutschlandfunk. Doch Befürworter des Gendersterns lehnen auch das Binnen-I ab. Es beschränke sich auf Mann und Frau, trans- und intergeschlechtliche Menschen würden nicht mitgemeint.
  • Gendersternchen (Leser*innen) Über ihn beriet der Rat für deutsche Rechtschreibung am Freitag in Passau. Lele Lähnemann leitete dies mit einer Mail ein, die für das Gendersternchen warb. Dass die Antragstellerein in der Berliner Senatsverwaltung arbeitet ist dabei kein Zufall. Die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin hat sich die gendergerechte Sprache zur Aufgabe gemacht und verwendete das Gendersternchen bereits durchgehend im Koalitionsvertrag.
  • Gendergap („Leser_innen“) Eine weitere Alternative zum Binnen-I ist der Gendergap. Wie der Genderstern stammt die Idee aus dem Umfeld der Queer-Theorie, die den Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht kritisch untersucht. Er ist eine weitere Möglichkeit, alle Geschlechtsidentitäten darzustellen.
  • Generisches Femininum („Leserin“) Ein radikal-feministischer Ansatz ist das Generische Femininum. Es dreht den Ansatz des Generischen Maskulinums um. Die weibliche Form wird benutzt, um die Allgemeinheit zu bezeichnen. „Wir reden von Studentinnen und Lehrerinnen und die Lehrer und Studenten sind herzlich mitgemeint“, sagt Luise Pusch. Die Universität Leipzig hat im Jahr 2013 ihre Grundordnung im Generischen Femininum verfasst.
  • Gender-x („Lesx“) Die x-Form ist ein Vorschlag von Lann Hornscheidt. Hornscheidt ist auf dem Gebiet der Linguistik tätig und bezeichnet sich selbst als neutrois, möchte also keinem Geschlecht zugeordnet sein. Der Vorschlag Hornscheidts, Wörter mit einem x enden zu lassen, wurde stark kritisiert. Hornscheidt sah sich Beschimpfungen und massiven Gewaltaufrufen ausgesetzt.
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