Gender-Debatte: Kampf um geschlechtergerechte Sprache

Debatte um geschlechtergerechte Sprache : Liebe Leser_innen und Leser*innen

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat am Freitag über eine geschlechtergerechte Sprache diskutiert - und fasste den Entschluss, doch lieber keinen Entschluss zu fassen. Der Gender-Kampf tobt also weiter.

Einen Irrtum sollte man bei Fragen zur geschlechtergerechten Sprache auf keinen Fall begehen: nämlich zu glauben, dies sei hierzulande eine Art Diskussion. Denn schon lange wird darüber nicht mehr debattiert, sondern nur noch der ideologische Frontverlauf abgesteckt zwischen Sprachtraditionalisten und emanzipatorischen Reformern. Die deutsche Sprache ist zum Kampfplatz gesellschaftlicher Positionen mutiert.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe LeserInnen, liebe Leser_innen und liebe Leser*innen, genau darum geht es: um das Bemühen, möglichst alle Geschlechter in der Sprache einzubeziehen, mit­zumeinen, sichtbar zu machen. Und die linguistischen Möglichkeiten sind, wie gerade gezeigt, beachtenswert vielfältig geworden. Mit dem Binnen-I, dem Gender-Sternchen oder dem sogenannten Gender-Gap, also der Geschlechter-Lücke. Die Varianten greifen unterschiedlich stark ins Schriftbild ein, sprechbar sind die meisten kaum. Die Vorschläge scheinen in diesem Sinne auch weniger eine Sprachreform zu sein (wie etwa die der kaum minder umkämpften Rechtschreibreform von 1996), sondern mehr das sichtbare Abbild eines gesellschaftlichen Wandels.

Dazu gehört dann auch, dass der Rat für deutsche Rechtschreibung darüber bereits seit ein paar Monaten nachdenkt, obwohl er eigentlich nicht die richtige Adresse ist. Weil dieses Gremium mit seinen 41 Mitgliedern aus sieben Ländern und Regionen sich – wie eben der Name schon sagt – ausschließlich um die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum kümmern soll und auch nur Empfehlungen aussprechen darf.

Davon aber wollte der Rat selbst am Freitag auf seiner Sitzung in Passau keinen Gebrauch machen. Nach einer „sehr langen und sehr kontroversen Diskussion“ – wie es hieß – fasste man den Entschluss, lieber keinen Entschluss zu fassen, da man die gesellschaftliche „Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts“ nicht durch „vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen“ beeinflussen wolle.

Wie lang diese Erprobungsphase dauert, blieb verständlicherweise offen. Zumal letztendlich nur die Gesellschaft selbst entscheiden kann. Man darf also gespannt darauf sein, wann und vor allem wie sie sich zu Wort melden wird. Es herrsche eine große „emotionale Verunsicherung“, sagte Kathrin Kunkel-Razum vor der Sitzung, die im Rat mitarbeitet und Leiterin der Duden-Redaktion ist. Für sie ist die Debatte keineswegs ein Zeichen sprachlicher Erosion; sie findet es „unheimlich spannend, in welchem Tempo sich die Sprache auch in der Breite verändert“.

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Bleibt fraglich, ob eine wirklich offene Diskussion dazu überhaupt geführt werden kann, zumal sie in hohem Maß moralisch und gesellschaftlich vorbestimmt zu sein scheint. Denn wer kann schon gegen Gleichberechtigung sein und die sprachlich angemessene Anerkennung aller Menschen ablehnen? Also wird der Kampf von den Kritikern einer Gender-Sprache vor allem linguistisch geführt – abgesehen von ein paar polemischen Ausfällen wie dem Hinweis, ob nach der generellen Auslöschung der verdächtigen -er-Endungen künftig auch von „Salzstreuerin“ die Rede sein.

Zu den ernstzunehmenden Beiträgern zählt der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg, der betont, dass das generische Maskulinum – etwa bei den Wörtern Bäcker und Ärzte – stellvertretend für Männer und Frauen gelte, da sie ein Handwerk und einen Beruf beschreiben und alle jeweiligen Mitglieder einbeziehen würden. Grundsätzlich wird von den Gegnern neuer Schreibvarianten der Unterschied zwischen dem Genus, dem grammatischen Geschlecht, und Sexus, dem physischen Geschlecht, ins Feld geführt. Alle Gerechtigkeitsmodifizierungen seien, so Eisenberg, daher überflüssig, mehr noch: „Es gibt niemanden, der das Recht hat, in die Sprache einzugreifen.“

Alice Schwarzer gilt als bekanntestes deutsche Feministin. Foto: dpa, ks aen tba

Von einem Eingriff wollen die Befürworter auch gar nicht reden. Da die Sprache unser wichtigstes Verständigungsmedium ist, prägt es auch unser Bewusstsein. Gendern heißt dann, dass es verschiedene Angebote gibt, geschlechtliche Vielfalt sichtbar zu machen. Das generische Maskulinum sei nach den Worten von Anne Wizorek, Medienberaterin und feministische Aktivistin, „dabei die Form, die wir am längsten kennen und die unseren Alltag bisher am stärksten prägt. Männlichkeit ist eine Form von Gender. Wer anderes behauptet, etabliert Männer als Norm“, schreibt sie in ihrem jüngsten Buch „Gendern – Gleichberichtigung in der Sprache“. So vielschichtig die Fragen sind, so vielschichtig sind auch die Antworten. Gegenüber unserer Redaktion erklärte Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer, dass wir „mit Sprache fühlen, denken und kommunizieren und Sprache etwas ganz Existenzielles ist. Kommen Frauen beziehungsweise das weibliche Prinzip nicht darin vor, existieren sie nicht. Ich bin darum für eine Feminisierung, eine geschlechtergerechte Sprache.“ Aber Schwarzer gibt auch zu bedenken: „Das lässt sich nicht übers Knie brechen. Sprache muss wachsen, sich gelebt entwickeln. Und vor allem: Es muss Sprache bleiben und darf sich nicht in abstrakten Zeichen wie Sternchen und Unterstriche verirren.“

Dass in absehbarer Zeit geschlechtergerechte Sprache vermehrt auch in literarischen und journalistischen Texten auftauchen wird, dürfte nicht wahrscheinlich sein. Anders hingegen in Gesetzes- und Verwaltungstexten. So beschäftigte sich der Rat für deutsche Rechtschreibung mit der geschlechtergerechten Sprache bezeichnenderweise auf eine Anfrage des Bezirksparlaments Berlin-Mitte. Dort wird man jetzt ohne Empfehlung auskommen müssen.

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