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Geflüchtete aus Afghanistan landen in Viersen

Geflüchtete aus Afghanistan landen in Viersen : „Wir hatten großes Glück“

Laila Ahmadi ist eine der insgesamt 740 aus Afghanistan evakuierten Personen in NRW. Sie gehörte zu den ersten, die in Viersen untergebracht wurden. Hier schildert sie ihre Flucht aus Kabul.

Laila Ahmadi war vier Jahre alt, als die radikal-islamistischen Taliban ihren Turban nehmen und in Afghanistan abdanken mussten. Ahmadi konnte zur Schule gehen. Sie durfte mit dem Fahrrad fahren. Und als sie älter wird, braucht sie keinen Schleier zu tragen, kann wählen gehen, darf arbeiten – in der afghanischen Staatsverwaltung in der Hauptstadt Kabul. Für dieses bessere Afghanistan, in dem Frauen gleichberechtigt sind und dieselben Rechte wie Männer haben. Ahmadi hilft als sogenannte Ortskraft den westlichen Alliierten. Sie ist 24 Jahre alt, kennt ihr Land nur mit den Truppen des Westens, die für Schutz und Sicherheit sorgen.

Und dann ist mit einem Schlag alles anders. Die Taliban sind zurück. „Sie standen vor unserer Stadt, und jeder wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde“, sagt Ahmadi. Kampflos ist Kabul an die radikalen Islamisten gefallen. Und die 24-Jährige macht das, was Zehntausende andere Ortskräfte auch tun. Sie hofft auf Hilfe, will fliehen, aus Angst um ihr Leben.

Sie bekommt die Papiere. „Wir hatten die Möglichkeit und mussten sie so schnell wie möglich ergreifen“, sagt Ahmadi. Zeit, viel zu packen, hat sie nicht. Das Wichtigste: Ihr Mann, ihr Kind, ihr Bruder dürfen mit. Die vierköpfige Gruppe schafft es durch die Kontrollen der Taliban bis zum Airport – und aufs Flughafengelände. In der Nacht zu Montag steigen die vier in eine Militärmaschine. Ein letzter Blick auf die Heimat – dann bringt die Maschine sie nach Usbekistan. In der Hauptstadt Taschkent landet das Militärflugzeug; wieder ist Warten angesagt, bis der Flieger nach Frankfurt bereit steht.

 Mit einem Militärflugzeug startete Laila Ahmadi vom Flughafen in Kabul nach Taschkent in Usbekistan. Von dort ging es nach Frankfurt am Main. Gut 24 Stunden nach Beginn der Reise kam sie in Viersen an.
Mit einem Militärflugzeug startete Laila Ahmadi vom Flughafen in Kabul nach Taschkent in Usbekistan. Von dort ging es nach Frankfurt am Main. Gut 24 Stunden nach Beginn der Reise kam sie in Viersen an. Foto: dpa/U.S. Air

In Frankfurt, berichtet Ahmadi, sei erstmals das Gefühl der Unsicherheit von ihr gewichen. Am Flughafen seien sie von deutschen Beamten mit den Worten empfangen worden: „Habt keine Angst, ihr seid jetzt in Sicherheit.“ Das habe ihr Mut gemacht. Am Dienstagmorgen um 6 Uhr steigt Laila Ahmadi aus einem Bus, der sie und 38 weitere Ortskräfte und Familienangehörige aus Afghanistan von Frankfurt nach Viersen gebracht hat. Es sind die ersten Evakuierten aus Afghanistan in NRW – bis Freitag kommen insgesamt 740 Männer, Frauen und Kinder. Davon werden 285 in Viersen am Lichtenberg untergebracht  in einem geschichtsträchtigen Hochhaus. Früher war darin einmal die Firmenzentrale der Supermarktkette „Kaiser’s“ untergebracht – seit sechs Jahren hat das Land NRW die Immobilie gemietet, als „ZUE“. Das Kürzel steht für „Zentrale Unterbringungs-Einrichtung“. Hier werden die ersten 39 afghanischen Ortshelfer in NRW untergebracht. „Es wird dort durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geprüft, welchen Aufenthaltsstatus die Menschen erhalten können oder ob sie zunächst ein Asylverfahren durchlaufen müssen“, erklärt ein Sprecher des NRW-Ministeriums für Flüchtlinge. Nach wenigen Tagen sollen die Evakuierten dann einzelnen Kommunen zugewiesen werden.

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Ahmadi sagt, sie sei „glücklich und erleichtert“. Ihr ist gelungen, was tausende andere Ortskräfte, die den Deutschen geholfen haben, nicht schafften: Sie ist in Sicherheit. „Mehr können wir nicht verlangen“, sagt sie. „Deutschland hat uns geholfen. Wir hatten großes Glück.“

Was sie schmerzt: Die Familie ist auseinandergerissen. Ihre Eltern und ihre Schwester mussten in Kabul bleiben. Auch sie wollen das Land verlassen. Noch am Donnerstag teilten sie Laila Ahmadi mit, dass sie versuchen würden, zum Flughafen zu kommen. „Die Straßen zum Flughafen sind blockiert“, sagt Ahmadi. „Die Taliban lassen nicht mal mehr Personen durch, die eine offizielle Bescheinigung haben, dass sie das Land verlassen dürfen.“