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Staatsanwalt ermittelt nach Prügelattacke in Solln: Gaffer-Vorwurf "schlichtweg falsch"

Staatsanwalt ermittelt nach Prügelattacke in Solln : Gaffer-Vorwurf "schlichtweg falsch"

München (RPO). Bei der tödlichen Gewaltorgie an einer Münchner S-Bahn-Station haben offenbar zahlreiche Zeugen versucht, in irgendeiner Form dem Opfer zu helfen. Die Darstellung, 15 Passanten hätten tatenlos zugesehen, sei "schlichtweg falsch", sagte Staatsanwalt Laurent Lafleur in einem Interview. Unterdessen warnt Kanzlerin Angela Merkel vor einer Kapitulation vor der Gewalt.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wertet eine Woche nach dem tödlichen Angriff auf den Manager Dominik Brunner die Aussagen von Augenzeugen aus. Demnach erweist sich das Bild der untätigen Menge aus tatenlosern Gaffern als falsch. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte einen "Spiegel"-Bericht, wonach sogar ein Mann vom gegenüberliegenden Bahnsteig auf die Gleise sprang, um einzugreifen. Er habe jedoch umkehren müssen, da in diesem Moment eine S-Bahn eingefahren sei.

Zunächst hatte es Kritik an der Staatsanwaltschaft gegeben, weil sie sich nicht veranlasst sei, wegen unterlassener Hilfeleistung zu ermitteln. Die Ermittler hatten in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dieser Eindruck habe sich bislang nicht bestätigt. "Bisher gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass irgendjemand sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben könnte", bekräftigte Lafleur gegenüber dem "Focus". Den Ermittlern zufolge versuchten Zeugen, die Schläger durch Zurufe zu stoppen, zudem gingen mehrere Notrufe bei der Polizei ein.

Anders stellt sich die Beschreibung des Tathergangs durch ein 13-jähriges Mädchen dar. Es war eines der Kinder, die Brunner an diesem Abend beschützte und die Schreckenstat aus nächster Nähe beobachten mussten. "Wir haben 'Helft uns!' geschrien, aber die Leute sind vorbeigegangen. Nur am anderen Bahnsteig haben welche 'Aufhören!' rübergeschrien", schildert die 13-Jährige das Geschehen. >>>mehr

Der Sprecherin der Staatsanwaltschaft zufolge leisteten ein älterer Mann und eine Arzthelferin sowie eine weitere Person, bei der es sich laut "Spiegel" um einen Gymnasiasten handeln soll, Erste Hilfe. Von 20 Zeugen hatten die Ermittler bis zum Donnerstag 17 vernommen, deren Aussagen sich weitgehend deckten.

Der 50-jährige Geschäftsmann war am vergangenen Samstag von zwei Jugendlichen mit mehr als 20 Faustschlägen und Fußtritten umgebracht worden. Der Mann hatte vier Kinder vor einem Raubüberfall der beiden Täter schützen wollen. Gegen diese wurde ebenso Haftbefehl erlassen wie gegen einen Komplizen, der zwar an dem Raubüberfall, aber nicht an der Tötung beteiligt war.

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Behörden weisen Vorwürfe zurück

Der "Focus" berichtete weiter, einer der beiden Schläger habe am 20. Juli im Internet gedroht, eine Polizeiwache in die Luft zu jagen. Die Staatsanwaltschaft ermittele seither wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Demnach schrieb Markus S., er wolle "ein Bullenrevier" sprengen - "natürlich voll besetzt". Die Staatsanwaltschaft äußerte sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht dazu.

Einer der beiden mutmaßlichen Täter hatte bei der Tat rund 1,8 Promille Alkohol im Blut. Der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer, forderte laut "Focus", "Alkoholeinfluss sollte künftig strafverschärfend wirken". Immer mehr Jugendliche betränken sich wild, manche seien dann völlig hemmungslos.

Merkel schaltet sich ein

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte indes vor einer Kapitulation des Staates vor der Jugendkriminalität. Sie forderte zugleich in der "Bild am Sonntag", mehr Polizisten einzusetzen. Die Lösung der Probleme mit der Jugendkriminalität sei "eine der größten Herausforderungen, vor denen der Staat steht", sagte die Kanzlerin der "BamS". Merkel sprach sich bei 18- bis 21-Jährigen für die häufigere Anwendung des Erwachsenenstrafrechts anstelle des milderen Jugendstrafrechts aus. Zurückhaltend äußerte sie sich zu Forderungen etwa aus Bayern nach einem schärferen Jugendstrafrecht. Insgesamt müsse der Staat möglichst früh eingreifen. Auf 14-Jährige lasse sich noch viel leichter Einfluss nehmen als auf ältere Jugendliche.

Der Staat sei gefordert, den öffentlichen Raum zu schützen, sagte Merkel der Zeitung. Wenn die Bürger den Eindruck gewännen, "dass der öffentlichen Raum nicht geschützt ist, dann werden auch weniger Zivilcourage zeigen". Merkel forderte daher mehr Polizisten und eine umfangreichere Video-Überwachung: "Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass wir bei der Personalstärke der Polizei und der Bundespolizei zulegen." Auf Bahnhöfen seien mehr Videokameras gefragt und "ausreichend Polizeikräfte vor Ort".

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(AP/felt)