Streit um Studie über Muslime: Friedrich: Muslime nicht unter Generalverdacht stellen

Streit um Studie über Muslime : Friedrich: Muslime nicht unter Generalverdacht stellen

Eine neue Studie des Bundesinnenministeriums zur Integrationsfähigkeit junger Muslime sorgt für neuen Konfliktstoff in der schwarz-gelben Koalition. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warnte unmittelbar nach der Veröffentlichung am Donnerstag davor, junge Muslime unter Generalverdacht des Terrorismus zu stellen.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) stellte die Aussagekraft der Studie infrage. Es bestehe die Gefahr, damit lediglich Schlagzeilen zu produzieren, sagte sie.

Andere Unionpolitiker sehen sich durch die Studie des Innenministeriums in ihrer Integrationspolitik bestätigt. "Für mich ist das ein Argument gegen die automatische doppelte Staatsangehörigkeit", sagte Unionsfraktionsvize Günter Krings unserer Redaktion.

Es sei erfreulich, dass die Mehrzahl junger Muslime die deutsche Kultur unter Wahrung ihrer Traditionen übernehmen wolle. Als "erschreckend hoch" bezeichnete Krings jedoch die Zahl derjenigen, die sich nicht integrieren wolle, selbst unter den deutschen Staatsangehörigen. "Es zeigt sich, dass wir zu Recht bei nachziehenden Ehegatten oder Einbürgerungswilligen Sprachkenntnisse und Grundkenntnisse über Deutschland einfordern", unterstrich der CDU-Innenexperte. Aus seiner Sicht belegt die Studie, dass "die Welt junger Muslime in Deutschland nicht schwarz-weiß gesehen werden darf".

Zentraler Streitpunkt ist die Darstellung, dass 22 Prozent der deutschen Muslime zwischen 14 und 32 Jahren einer Integration eher zurückhaltend gegenüber stehen, und die eigene Herkunftskultur betonten. Bei den Muslimen ohne deutschen Pass hätten 48 Prozent starke Separationsneigungen. Innerhalb der jungen Muslime seien es wiederum 15 Prozent bei den deutschen und etwa 24 Prozent bei den nichtdeutschen Jugendlichen, die laut Studie als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz" bezeichnet werden könnten.

Uhl: Hohe Zahl ist erschreckend

Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Hans-Peter Uhl, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationswilliger Muslime sei erschreckend. "Diese Integrationsverweigerung muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen."

Die Justizministerin betonte: "Bürger, die islamgläubig sind, leben heute ganz selbstverständlich in Deutschland und sind hier zuhause. Wir sollten die Vorurteile der Vergangenheit und althergebrachte Reflexe endlich hinter uns lassen. Wir brauchen keine Debatte, die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt."

Friedrich warnte in Potsdam am Rande der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst davor, Teilergebnisse in den Vordergrund zu stellen. "Das Gesamtbild sagt, die Muslime in Deutschland lehnen Terrorismus kategorisch ab." Zudem gebe es die Muslime als Kategorie eigentlich nicht. "Das ist eine ganz vielschichtige Gruppierung."

Friedrich: Integration muss auf der Tagesordnung bleiben

Zu den angeblich nicht integrationswilligen muslimischen Jugendlichen sagte Friedrich: "Diese Zahl - unabhängig davon, ob sie in dieser Größenordnung realistisch sein mag oder nicht, bestätigt, dass wir in der Grundtendenz richtig gehandelt haben, die Integration weiter ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen."

Unter jungen Muslimen gebe es oft das Gefühl, sie würden - was den Islamismus angeht - unter Generalverdacht gestellt. "Auch das ist etwas, wo wir dagegen arbeiten müssen - auch in der öffentlichen Darstellung", mahnte Friedrich. So ein Generalverdacht sei ungerecht. "Und ich glaube auch, dass er allgemein nicht existiert." Aber junge Muslime spürten ihn.

Der "Bild"-Zeitung sagte Friedrich indessen: "Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben."

Der Jenaer Psychologe Wolfgang Frindte, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war, sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Zahlen seien für ihn nicht überraschend. Würden auch die Eltern- und Großelterngenerationen einbezogen, zeige sich, dass der Anteil radikaler Einstellungen sinke und sich die Muslime deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten.

Zum Islam bekennen sich in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge schätzungsweise vier Millionen Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Für die Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" wurden 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt. Zudem wurden 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Hans-Peter Friedrich

(RP/dpa)
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