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Düsseldorferin entkommt mit Tochter: "Flucht war unsere letzte Chance"

Düsseldorferin entkommt mit Tochter : "Flucht war unsere letzte Chance"

Düsseldorf (RP). Weil ihr tunesischer Ehemann das gemeinsame Kind angeblich nicht herausgeben wollte, ist die Düsseldorferin Tina R. mit ihrer neunjährigen Tochter auf einem Flüchtlingsboot nach Lampedusa geflohen. Mutter und Kind sind mittlerweile wohlbehalten zurück auf dem Weg nach Deutschland.

Lampedusa Die Strapazen sind Tina R. kaum noch anzusehen. Nach 20 Stunden in einem überfüllten tunesischen Flüchtlingsboot kann die 40-jährige Düsseldorferin wieder lächeln. Sie hat viel riskiert und gewonnen — eine gemeinsame Zukunft mit ihrer neunjährigen Tochter Amira Jasmine.

Weil R.s Ex-Ehemann, ein tunesischer Arzt, das Kind nach ihrer Aussage nicht gehen lassen wollte, hatte die Waldorf-Lehrerin den verzweifelten Entschluss gefasst, mit ihrer Tochter über das Meer zu fliehen. Fast täglich versuchen tausende Tunesier, den instabilen Verhältnissen im Land zu entkommen. "Die Flucht war unsere letzte Chance", erzählte R., "aber ich hatte keine Angst. Die Menschen auf dem Schiff waren wie meine Brüder und Schwestern."

In Italien war das Interesse an den ungewöhnlichen Passagieren groß. "Unter den 1000 Tunesiern, die in der vergangenen Nacht auf Lampedusa ankamen, war auch eine wunderschöne, große und blonde 40-Jährige mit einem neunjährigen Mädchen", schrieb der "Corriere della Sera".

Rund 130 Kilometer Distanz müssen die Boote von der tunesischen Küste bis zur italienischen Insel zurücklegen, meist sind die Kutter überladen und in einem miserablen technischen Zustand.

Für die Überfahrt nehmen die Schlepper 2000 Dinar pro Person, das sind 1000 Euro — ein lohnendes Geschäft. R. berichtete von Männern mit Baseballschlägern, die unter den an Bord zusammen gepferchten Passagieren für Ruhe sorgten. Sie habe nur Tochter und Gepäck an sich gepresst und gehofft, alles gut zu überstehen.

Die Kälte habe ihnen sehr zu schaffen gemacht. "Es war unbeschreiblich", so R., "aber für mich bei weitem nicht der schlimmste Moment der vergangenen Jahre."

Dem Fluchtdrama vorausgegangen war laut R. ein jahrelanges Ringen um ihre Tochter. Ihren Ex-Mann schilderte die Mutter als rücksichtslosen Tyrannen: Der auf der Ferieninsel Djerba praktizierende Arzt habe die gemeinsame Tochter nach der Scheidung vor vier Jahren nach Tunesien entführt.

Mehrmals habe sie versucht, ihr angeblich auch von einem tunesischen Richter zugesprochenes Sorgerecht durchzusetzen und ihre Tochter nach Deutschland zurück zu bringen. Der Vater habe alles getan, um diesen Plan zu verhindern. Sie habe sich sogar in Tunis einen Anwalt genommen, aber auch auf diesem Wege ihr Recht nicht durchsetzen können.

"Die Korruption in Tunesien ist furchtbar", sagte R. Zudem soll ihr Ex-Mann über sehr gute Verbindungen zur Diktatorenfamilie Ben Ali verfügen und es ihr unmöglich gemacht haben, das Land zu verlassen. Die tunesische Polizei habe ihr den Reisepass entzogen und sie damit ihrem Mann ausgeliefert. Aus Verzweiflung floh die Lehrerin mit ihrer Tochter in die Berge zu Bekannten und versuchte später auch eine Flucht über Libyen.

Wegen des dort ausgebrochenen Bürgerkriegs platzte auch dieser Plan. Weil ihr die Ausreise per Flugzeug ohne gültige Papiere verweigert wurde, blieb am Ende nur der Weg übers Meer, den auch verzweifelte Flüchtlinge seit Ausbruch der Krisen in Nordafrika wieder wählen. Von einem Strand in Djerba schiffte sich R. ein — ihre arabisch sprechende Tochter musste dolmetschen.

Nach ihrer Ankunft wurde R. mit ihrer Tochter zur Aufnahme der Personalien zunächst in das wieder eröffnete und bereits völlig überfüllte Flüchtlingslager der Insel gebracht. Insgesamt leben dort mehr als 1000 Bootsflüchtlinge unter schwierigen Bedingungen, denn das Lager ist nur für 850 Menschen ausgelegt.

Die Lehrerin nahm Kontakt mit dem deutschen Generalkonsulat in Palermo auf und bestand als EU-Bürgerin darauf, ein Hotelzimmer zu beziehen. Die Beamten kamen ihrer Forderung nach.

Laut der Deutschen Botschaft in Rom verließen Tina R. und ihre Tochter Amira Jasmine gestern Nachmittag die Insel Lampedusa in Richtung Deutschland. Der Tochter soll es laut der Mutter gut gehen, sie habe nur nach der Überfahrt etwas gefiebert.

In Düsseldorf lebt Tina R. angeblich mit ihrem neuen Lebenspartner und ihrem gemeinsamen Sohn zusammen. Das Kind soll eineinhalb Jahre alt sein. Laut unbestätigten Informationen aus ihrem persönlichen Umfeld hat Tina R., die gebürtig aus Straelen kommen soll, noch zwei Kinder aus der Beziehung mit einem Musiker, bevor sie ihren späteren tunesischen Mann kennenlernte.

Etwa um das Jahr 2000 herum sei sie nach Tunesien gegangen und habe dort geheiratet. Angst vor ihrem Ex-Mann habe sie nicht, erzählte Tina R. in Lampedusa: "Er hat nur in Tunesien Macht über mich und meine Tochter."

(RP)