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Zwickauer Neonazi-Gruppe: Fahndung wie zur RAF-Zeit

Zwickauer Neonazi-Gruppe : Fahndung wie zur RAF-Zeit

Zwölf Jahre mordete, raubte und terrorisierte das Neonazi-Trio unerkannt in Deutschland. Sträflich lange brauchten die Behörden, um zu reagieren. Jetzt wollen sie anscheinend vieles nachholen. Mit Fahndungsplakaten bittet das BKA die Bevölkerung um Mithilfe. Inzwischen werden immer neue Details aus dem Alltag des Trios öffentlich. Phasenweise führten die Neonazis ein normales Leben – Urlaub auf dem Campingplatz inklusive.

Warum Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe so lange unentdeckt bleiben konnten, wird inzwischen zumindest im Ansatz deutlich. Die Rechten waren keine tumben Neonazis, sie "handelten planvoll und wollten nichts dem Zufall überlassen", sagte der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Karlsruhe.

Mit einer Fahndungsmaschinerie wie zu Zeiten der Roten Armee Fraktion wollen die Behörden nun Versäumtes wieder gut machen. Ziercke sprach gar von einer "Kampfansage an den gesamten Rechtsextremismus". Diesen Kampf führen Ziercke und Generalbundesanwalt Harald Range unter anderem mit einer breit angelegten Öffentlichkeitsfahndung. Dazu gehört ein Plakat mit Fotos des Neonazi-Trios, das die Zahl der Hinweise aus der Bevölkerung erhöhen soll. Begleitet wird dies von einer aufwändigen Auswertung der vorhandenen Beweisstücke.

Ferien-Videos mit Paul Panther

Die Ermittler hatten inzwischen drei Wohnungen des Trios in Zwickau identifiziert, sagte Ziercke. Es gebe aber auch noch zeitliche Lücken, wo der Aufenthaltsort der Neonazis nach ihrem Abtauchen 1998 ungeklärt sei. Zeitweise hätten die drei auch am ganz normalen Leben teilgenommen und an der Ostsee Urlaub auf einem Campingplatz gemacht. Sie hätten Urlaubsbekanntschaften gepflegt und diesen Ferien-Videos mit der auf den Bekenner-DVDs ebenfalls verwendeten Comic-Figur Paul Panther zugeschickt.

Dass Mundlos und Böhnhardt akribische Planer waren, erweist sich für die Fahnder dabei im Nachhinein als hilfreich. In dem von Zschäpe in Brand gesetzten Unterschlupf in Zwickau und dem brennenden Wohnmobil, in dem Mundlos und Böhnhardt tot gefunden wurden, blieben offenbar viele Schriftstücke und Spuren vom Feuer verschont oder können auf verkokeltem Papier wieder sichtbar gemacht werden. Zu den rund 420 Beamten, die bereits an dem Fall arbeiten, sollen die Länder nun 100 weitere für die Auswertung dieser 2500 Asservate abstellen.

54 Provider angeschrieben

Eine andere Wahl bleibt den Ermittlern auch nicht, da Telefon- und Computer-Verbindungsdaten nicht gespeichert werden müssen. "Wir haben 54 Provider angeschrieben und von 18 Antwort erhalten", sagte Ziercke. Doch weil den zu Rechnungszwecken gespeicherten Telefonnummern jeweils die letzten drei Stellen fehlen, nutzen sie den Ermittlern nichts, um mehr über die Verbindungen der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund herauszufinden.

Ziercke bleibt deshalb vor allem die Auswertung der Asservate, und die scheint sich zu lohnen. Die Ermittler wissen inzwischen, dass die Gruppe bei ihren Banküberfällen mehr als 600.000 Euro erbeutete und für ihre Morde und Überfälle 56 Fahrzeuge gemietet hatte. 53 der Anmietungen sind nun aufgeklärt. Dabei ergaben sich Verbindungen vom Mord an einem türkischen Imbissbudenbesitzer im Jahr 2004 bis zu dem an der Heilbronner Polizistin am 25. April 2007. Dass der Mord an der Polizistin kein Zufall war, sondern die aus Thüringen stammende Frau von den beiden Ostdeutschen gezielt getötet wurde, davon geht Ziercke im Übrigen weiterhin aus.

"Schlussfolgerungen soll Politik ziehen"

Der BKA-Chef setzt in diesem Fall ebenso auf die weitere Auswertung der Beweismittel wie in der politisch brisanten Frage, inwieweit die NPD in das Netzwerk der Terrorgruppe verstrickt war. Die Festnahme des Ex-NPD-Funktionärs Ralf Wohlleben am vergangenen Dienstag deutet auf solche Verbindungen hin.

Der 36-jährige soll der Terrortruppe eine Schusswaffe verschafft haben. Ziercke ist deshalb "überzeugt, dass wir weitere Beziehungen zur NPD entdecken werden". "Die Schlussfolgerungen" daraus müsse dann aber "die Politik ziehen", sagte Ziercke zu der wieder entflammten Debatte um einen neuen Anlauf zum Verbot der Partei.

Tausende Altfälle werden untersucht

Range und Ziercke zeigten sich zudem optimistisch, über die insgesamt drei bereits in Untersuchungshaft sitzenden mutmaßlichen Unterstützer hinaus bald weitere Festnahmen verkünden zu können. Laut Range haben die Fahnder "eine gute Handvoll" Verdächtiger im Visier.

Neben diesen aktuellen Ermittlungen hat sich das BKA noch eine Sisyphus-Arbeit vorgenommen. Die Behörde will tausende rechtsextremistischer Altfälle seit dem Untertauchen des Trios im Jahr 1998 daraufhin überprüfen, ob es Muster gibt, die mit der den Drei zugeschriebenen Verbrechen übereinstimmen. Dies und die Mithilfe der Öffentlichkeit sollen "weitere Hinweise auf die Mörderbande" bringen, um ihr Netzwerk bis in die Wurzeln aufzuklären", sagte Ziercke.

Neuigkeiten gab es auch zum Fall der erschossenen Polizistin Michele Kiesewetter. Es sei auffällig, dass es in der Biografie der Beamtin Berührungspunkte zur Tätergruppierung gebe, so Ziercke. So sei etwa eine Kneipe im Heimatort an den Schwager des inzwischen verhafteten Ralf Wohlleben verpachtet worden.

"Wir ermitteln nicht gegen die Familie des Opfers", betont der BKA-Chef dennoch. Jedoch müsse diesen Spuren nachgegangen werden. Ein Zufallsopfer soll die junge Frau jedenfalls nicht gewesen sein.

(csi)