Essen: Prozess um Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet startet

Prozess startet in Essen: In Chats sollen junge Männer Gruppen-Vergewaltigungen geplant haben

Der Fall hat bundesweit für Entsetzen gesorgt: Eine Gruppe junger Männer soll im Ruhrgebiet mindestens vier Schülerinnen vergewaltigt haben. Am Freitag startet in Essen der Prozess gegen fünf Angeklagte.

Es war nicht so, dass die Mädchen sich zu Fremden ins Auto gesetzt haben. Zumindest fühlten sie sich offenbar sicher, da sie immer mindestens einen der jungen Männer lange und gut kannten. Dass der sie in eine Falle locken würde, ahnte wohl keine der Schülerinnen. Vier Mädchen sollen nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in Essen und Erkrath mehrfach vergewaltigt worden sein, in drei weiteren Fällen blieb es beim Versuch. Noch immer ist mindestens ein weiteres mutmaßliches Opfer unbekannt. Die Auswertung von Chats legt außerdem nahe, dass es auch noch weitere Täter geben könnte, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Fünf Männer sitzen ab Freitag auf der Anklagebank im Landgericht Essen. Einer von ihnen ist gerade erst 17 geworden, die anderen sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Sie stammen aus Gelsenkirchen, Essen und Wuppertal, haben deutsche Pässe. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Freiheitsberaubung vor.

Planung im Chat

Die Angeklagten sollen sich zwischen Sommer 2016 und Anfang dieses Jahres in unterschiedlicher Konstellation zu den Taten verabredet haben. In WhatsApp-Gruppen tauschten sie sich demnach über die Mädchen aus – vor und nach den Taten. Hunderte Chats waren es, die die Ermittler lesen und auswerten mussten, auch auf Facebook, wie ein Polizeisprecher sagte. Alle Taten sollen ähnlich abgelaufen sein: Einer der Männer verabredete sich mit einem der Mädchen. Ließ es sich darauf ein, wurde das Mädchen mit dem Auto abgeholt – in dem dann bis zu vier Männer saßen, wie die Ermittlungen ergeben haben. Es soll Abende gegeben haben, an denen im Kofferraum zwei weitere Männer waren. Man kaufte Alkohol an Tankstellen, trank Wodka, fuhr scheinbar ziellos durch die Gegend. Die Täter sollen den Schülerinnen unter einem Vorwand die Handys abgenommen haben, etwa weil einer angeblich telefonieren oder man über das Telefon auf der Fahrt Musik hören wollte. Dann ging es mit dem Auto an den Stadtrand, in einen Wald oder an ein Feld.

Die Täter sollen den Mädchen mit Prügel, aber auch mit dem Tod gedroht haben oder damit, dass sie sie im Wald lassen, wenn sie nicht machten, was sie von ihnen verlangten. „Entweder du machst, was ich sage, oder ich schlage dich kaputt“, soll einer gesagt haben. Drei Mädchen weigerten sich vehement, Sex mit den Männern zu haben und schafften es, dass die sie gehen ließen. Eine der Schülerinnen sprang aus dem fahrenden Auto, als sie merkte, was passieren sollte, sie soll dann aber von den Tätern wieder eingeholt worden sein. Vier Mädchen wurden offenbar derart unter Druck gesetzt, dass sie taten, was die Männer forderten. Auf dem Rücksitz des Autos, einmal aber auch in einem Hotel, das einer der Angeklagten vor der Tat gebucht haben soll. Das Opfer hatte dort noch versucht, sich im Badezimmer einzuschließen, sah aber laut Ermittlern offenbar irgendwann keine Chance mehr zur Flucht, weil immer einer der Täter vor der Tür stand. Nachdem sie die jungen Frauen vergewaltigt haben sollen, bekamen die ihre Handys zurück und wurden nach Hause gefahren. Im Chat heißt es sinngemäß: „Wenn die Frauen aus meinem Auto raus kommen, müssen die erstmal Therapie machen.“ In einem Fall soll einer der Angeklagten einem der Mädchen gesagt haben, dass sie es gehen lassen, wenn es ihnen eine Freundin bringen würde.

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Polizei fahndete mit Foto nach einem der Täter

Drei 16 Jahre alte Mädchen gingen schließlich zur Polizei. Der Prozess wird zum Schutz der Opfer vor einer Jugendstrafkammer verhandelt, die volljährigen Täter werden aber strafrechtlich wie Erwachsene behandelt.

Rechtsanwalt Hans Reinhardt verteidigt den Angeklagten aus Gelsenkirchen, nach dem mit einem Foto öffentlich gefahndet worden war. „Mein Mandant ist deshalb das Gesicht des Falls geworden“, sagt er. Er habe aber in der Gruppe eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Der 18-Jährige soll nur in einem Fall an den sexuellen Übergriffen beteiligt gewesen sein, in zwei anderen Fällen zugeschaut haben. „Einmal war er so betrunken, dass er im Auto geschlafen hat“, sagt der Rechtsanwalt. Der Angeklagte soll aber nach Auffassung des Anklägers mit einigen der Mädchen befreundet, eines der Opfer soll sogar einige Jahre mit ihm zusammen gewesen sein. Ob er für die Gruppe den Lockvogel machte und welche Rolle seine Mitangeklagten spielten, muss das Gericht nun klären. Eines der Opfer soll den 18-Jährigen einmal gebeten haben, ihr zu helfen, doch er lehnte ab mit der Begründung, gegen Drei ohnehin keine Chance zu haben. Ein weiterer Mann, der der Polizei namentlich bekannt ist, soll ebenfalls „Mädchen besorgt haben“, wie es heißt. Zwei der Angeklagten haben bei der Polizei ausgesagt, die anderen schweigen bislang.

Ein Urteil ist für Mitte November geplant.

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