Stadt plant "Verrichtungsboxen": Essen protestiert gegen "Open-Air-Bordell"

Stadt plant "Verrichtungsboxen" : Essen protestiert gegen "Open-Air-Bordell"

Essen (RP). Der ThyssenKrupp-Konzern zieht 2009 nach Essen um – noch befindet sich auf dem Areal der Straßenstrich. Jetzt will die Stadt den Prostituierten ein neues Gelände mit "Verrichtungsboxen" in der Nähe der Innenstadt zuweisen. Die Anwohner sind empört.

Essen (RP). Der ThyssenKrupp-Konzern zieht 2009 nach Essen um — noch befindet sich auf dem Areal der Straßenstrich. Jetzt will die Stadt den Prostituierten ein neues Gelände mit "Verrichtungsboxen" in der Nähe der Innenstadt zuweisen. Die Anwohner sind empört.

Joanna Fuhrmann ist 21 Jahre alt. Sie hat einen Job bei der Post, arbeitet im Nachtdienst. Jeden Abend, wenn sie zur Schicht muss, fährt sie gegen 22 Uhr mit dem Bus zur Arbeit. Die Haltestelle liegt am Rande eines Wohngebiets an der Gladbecker Straße. Ein Ort, an dem sich die junge Frau bislang halbwegs sicher fühlt. Aber das wird sich bald ändern.

Joanna Fuhrmann sammelt Unterschriften. "Nein zum Open-Air-Bordell auf dem Kirmesplatz", lautet der Slogan der Bürgerinitiative, der sich die Frau aus Essen angeschlossen hat. Die Stadtverwaltung plant, auf dem nahe der Innenstadt gelegenen Areal den Straßenstrich anzusiedeln. "Eine Unverschämtheit", findet Joanna Fuhrmann. "Hier leben viele Familien mit Kindern, nebenan liegen die Sportanlagen der Universität. Der Standort ist völlig ungeeignet." Die Essener Stadtverwaltung sieht das jedoch anders.

Der Umzug des ThyssenKrupp- Konzerns vom Rhein nach Essen hat die Stadtplaner in ein Dilemma gebracht. Auf dem Areal, auf dem das neue "Headquarter" bis Ende 2009 errichtet werden soll, bieten bislang Prostituierte auf dem Straßenstrich ihre Dienste an. Die müssen jetzt weichen — käufliche Damen sind vor der Zentrale unerwünscht.

Nach Schätzungen der Essener Stadtverwaltung arbeiten auf dem Straßenstrich rund 200 Prostituierte. Nachdem die Bauarbeiten auf dem ThyssenKrupp-Gelände begonnen haben, ist der Strich auf angrenzende Straßen ausgewichen. "Früher standen die Frauen in einem Bereich von 800 Metern", sagt Essens Sozialdezernent Peter Renzel (CDU). "Jetzt haben wir eine Ausdehnung von vier Kilometern. Wir können den Kinder- und Jugendschutz nicht mehr gewähren."

Das neue Areal auf dem alten Kirmesplatz soll Abhilfe schaffen. Der liege nicht in unmittelbarer Nähe von Kinder- und Jugendeinrichtungen, argumentiert die Stadt. Zäune und ein zwei Meter hoher Erdwall sollen den Straßenstrich "sozialverträglich" machen. Die Stadt will zehn "Verrichtungsboxen" mit Alarmanlagen aufstellen. Gesamtkosten für das Projekt: 400 000 Euro. Viel Geld, finden Kritiker, die die Prostituierten am liebsten ganz aus der Stadt verbannen wollen.

In Köln, wo in in den vergangenen Jahren drei Prostituierte ermordet worden waren, wurde der Straßenstrich erfolgreich von der Innenstadt in ein weit außerhalb gelegenes Industriegebiet mit Busanbindung verlagert. Dort waren 30 Standorte geprüft worden, überall hatten Anwohner Protest eingelegt. Ärger gibt es jedoch, wie auch im Dortmunder "Sex-Drive-In", selten. Kontrollierte Areale schreckten gewalttätige Freier und Zuhälter offensichtlich ab.

Beratungseinrichtungen wie "Nachtfalter", "Bella Donna" und der Sozialdienst Katholischer Frauen Essen-Mitte setzen sich daher nachdrücklich für den Umzug in ein geschützes Umfeld ein. In einer Containereinheit sollen Ausstiegs- und Drogenberatungsgespräche tattfinden. Dabei sollen auch Dolmetscher und mehrsprachige Broschüren eingesetzt werden. Der Standort Kirmesplatz weise "positive Voraussetzungen auf", heißt es in einer Stellungnahme.

Die Anwohner fürchten, dass der Platz auf Prostituierte und Freier eine Sogwirkung ausüben wird. "Dann breitet sich das Gewerbe in die umliegenden Straßen aus", glaubt Herbert Kühn, Mitinitiator der Bürgerinitiative gegen das "Open-Air-Bordell". Dann seien auch Schulhöfe und Kinderspielplätze nicht mehr sicher.

Schon wird das Thema Straßenstrich im schwarz-grün regierten Essen zum polarisierenden Kommunalwahlkampfthema. Die Sozialdemokraten haben dem Umzugsbeschluss im Rat eine Absage erteilt. Die Partei befürchtet, dass sich "einzelne Gruppierungen" der Frauen abspalten und dann in anderen Bereichen des Stadtgebiets zu finden sind.

Schleuserbanden aus Ost- und Südosteuropa, die Frauen im Ruhrgebiet zur Prostitition zwingen, werden kaum ein Interesse daran haben, die Frauen in die Obhut von Sozialarbeitern zu entlassen. Die Stadt Essen will deshalb den Sperrbezirk, in dem Prostitution verboten ist, massiv ausweiten und Verstöße konsequent ahnden. "Dann müssen die Zuhälter sich nach Standorten in den Nachbarstädten umsehen", sagt ein Essener Kripo-Ermittler. "Das Problem verschiebt sich."

Ralf Witzel, FDP-Kreis-Chef in Essen und parlamentarischer Geschäftsführer der Liberalen im Düsseldorfer Landtag, hat damit kein Problem. "Wir können unsere Politik nicht an illegalen Banden orientieren. Mir ist es lieber, Essen profiliert sich als Wissenschaftsstandort — und nicht als Eldorado des Rotlicht-Millieus."

(RP)