Essay: Warum Einsamkeit eine Folge unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist

Essay zu gesellschaftlichem Problem : Endstation Einsamkeit

Einsamkeit ist die pathologische Form des Alleinseins. Und eine Folge unserer gesellschaftlichen Entwicklung, in der das Einzelne gepriesen und zum Einzigartigen erklärt wird.

Einsam scheint ja kaum jemand zu sein. Zumindest, wenn man dieses Thema so in die Runde hinein anspricht. Sicher, das Alleinsein kennt möglicherweise die eine oder der andere ganz gut. Und auch der Wunsch nach Geselligkeit bleibt gelegentlich unerfüllt. Aber echte Einsamkeit? Um dies auch anderen offen und ehrlich gestehen zu können, bedarf es Mut. Zunächst den anderen, am Ende sich selbst gegenüber. Das Bekenntnis, tatsächlich einsam zu sein, ist eine lebensbittere Erkenntnis.

Das Thema Einsamkeit ist hochgradig schambesetzt. Schließlich charakterisiert es Menschen, die sozial isoliert sind, die nicht nur zeitweilig am Rande der Gesellschaft stehen, die von der sogenannten Norm abweichen. Aristoteles hatte den Menschen als ein „Zoon politikon“ bezeichnet, als Lebewesen in der Gemeinschaft. Einsamkeit stigmatisiert ihn; sie ist in gewisser Weise unmenschlich. Aber: Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Denn Einsamkeit ist kein Privatproblem, sondern auch die Folge prekärer Entwicklungen in unserer Gesellschaft.

Es ist darum bezeichnend, dass in den zurückliegenden Jahren haufenweise Studien erstellt wurden, um das Phänomen zu fassen und vor allem den Grad der Vereinsamung der Menschen in modernen Gesellschaften herauszufinden. Dazu gehört auch der jüngste Bericht des Gesundheitsministeriums zur Einsamkeit in Deutschland sowie zu den gesundheitlichen Auswirkungen.

Die Ergebnisse ähneln einander, vor allem mit dem Befund, dass Einsamkeit in den zurückliegenden Jahren in westlichen Ländern zugenommen hat. Eine Tendenz, die nur auf Befragungen fußen kann. Denn es gibt keine überprüfbare Kategorie für diesen Lebenszustand. Die Zahl steigender Single-Haushalte hierzulande ist keine brauchbare Maßeinheit. Denn die oft selbst gewählte Lebens- und Wohnform sagt nichts über die soziale Einbindung der Bewohner aus.

Menschen „sind“ nicht einsam, sondern sie „fühlen“ sich einsam. Ein solches Einsamkeitsempfinden macht die Nöte keineswegs kleiner. Nur: Es stellt sich bei jedem Menschen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen ein. Ein 35-jähriger Berufstätiger kann sich durchaus einsamer fühlen als eine allein lebende Rentnerin. Es ist nicht ausschließlich vom sozialen Umfeld abhängig, ob Menschen von Einsamkeit bedrängt werden.

Einsamkeit ist die pathologische Form des Alleinseins. Die Gefahr einsamer Menschen, Ängste und Depressionen zu entwickeln, soll 2,5 mal häufiger sein als bei anderen. Medizinisch betrachtet wird der Einsamkeit eine vergleichbare lebensbedrohliche Wirkung attestiert wie dem Rauchen und der Fettleibigkeit.

Das Alleinsein kann durchaus gewollt sein und so gesehen eine geeignete Lebensform darstellen. Das Gefühl der Einsamkeit ist hingegen immer ungewollt. Es markiert Verluste von sozialen Beziehungen, die zumeist aus eigenem Antrieb nicht wieder wettzumachen sind. Das Drama der Einsamkeit nährt sich auch aus der Empfindung, dass dieser Zustand unabänderlich ist.

Nun werden Forderungen laut, eine Art Koordinierungsstelle für Einsamkeit in Deutschland einzurichten. Ein Vorschlag, der keine Exklusivität beanspruchen darf. Bereits im vergangenen Jahr wurde in Großbritannien ein Ministerium dafür geschaffen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? So simpel wird das Problem nicht aus der Welt zu schaffen sein. Denn es spricht vieles dafür, dass die Einsamkeit ein Phänomen unserer modernen Lebensweise und Arbeitswelt ist. Das Unvermögen, mit der Welt in Kontakt zu treten, droht der fatale Ausläufer einer vormals emanzipatorischen Errungenschaft zu sein: der Freisetzung des Individuellen, wie es der Kultursoziologe Andreas Reckwitz nennt. Das Lob des Einzelnen als Einzigartigen zerlegt die Gemeinschaft in viele kleine Einzelteile. Gefördert wird dies zudem von einer neuen Ökonomie. Für die industrielle Produktion war einst eine Großzahl von Menschen im Zusammenwirken nötig. Das digitale Expertentum macht jetzt den Einzelnen zum ökonomisch Erfolgreichen.

Eine Gesellschaft der Singularitäten entsteht, die kaum noch eine Gesellschaft genannt werden kann. Gipfel der Vereinzelung ist dann das scheinbar hohe Gut der sogenannten Selbstverwirklichung. Wir spiegeln uns nicht mehr im anderen, sondern ausschließlich in uns selbst. Das Selfie wird zum unwidersprochenen Abbild dieser Entwicklung. Wozu noch Bindungen? Auch die Individualisierung ist ein Grund für die Krise von Institutionen, die wesentlich auf Gemeinschaft setzen – allen voran der christlichen Kirchen. Ihr Glaubenskern ist die „communio“, das Gemeinschaftliche.

Neben den bedrohlichen Befunden, die seit ein paar Jahren vielerorts erstellt werden, gibt es auch Therapie-Vorschläge. Man soll sich einen Aktionsplan machen, soziale Energie entwickeln und vielleicht beim Laientheater mitwirken, heißt es. Vor allem: Gleichgesinnte suchen. Oder auch: Das Beste von den Mitmenschen erwarten. Das ist alles nicht falsch, für einen einsamen Menschen aber ein unerreichbares Ziel.

Wirklich wirkungsvoll lässt sich das Übel wohl nur durch wahrhaftiges Umdenken bekämpfen. So wie es der Soziologe Heinz Bude kürzlich mit einem offenkundig uralten Wort beschrieb – den der Solidarität. Dieser Begriff beschwört nach seinen Worten eine Welt, die wir mit anderen Lebewesen teilen. Dabei spiele es „keine Rolle, was sie sagen oder wie sie mich mit ihren Blicken, ihren Gesten und ihren Berührungen bedrängen. Sie sind da, und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne diese vielen Anderen sein könnte.“ Die gesellschaftliche Wiederentdeckung der Solidarität ist eine Möglichkeit des Einzelnen aus dem Gefängnis der Einsamkeit zu entkommen.

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