Verwahrlostes Kind im Keller entdeckt: Erste Konsequenzen für das Jugendamt

Verwahrlostes Kind im Keller entdeckt: Erste Konsequenzen für das Jugendamt

Ein Dreijähriger ist im Keller eingesperrt - völlig verwahrlost. Das Jugendamt will nichts gewusst haben: "Wir sind betrogen worden." Doch die Behörden in Schleswig-Holstein ziehen Konsequenzen.

Das Drama um einen verwahrlosten Dreijährigen in Schleswig-Holstein hat Folgen. Das Jugendamt erklärt zwar, nichts gewusst zu haben. Doch der Kreis Segeberg will die Verantwortlichkeiten in der Jugendhilfe künftig besser verteilen. Jugendamtsleiter Georg Hoffmann kündigte außerdem die Einstellung zusätzlicher sozialpädagogischer Fachkräfte an.

Der Dreijährige war im Juni in einem völlig verdreckten Keller in Bad Segeberg entdeckt worden. Obwohl die Familie regelmäßig von einem freien Träger im Auftrag des Jugendamtes betreut wurde, hatte niemand das Kinderdrama bemerkt. Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) betonte, dass weder der Behörde noch dem freien Träger Fehler vorzuwerfen seien.

Katastrophale Zustände trotz Betreuung

"Dieser Fall macht uns alle sprachlos vor Entsetzen. Der Dreijährige war nicht nur vernachlässigt und verwahrlost, die Umstände, unter denen er gefunden wurde, waren auch vollkommen unhaltbar", sagte Hartwieg. Das Kind soll im Kot gestanden haben, als die Polizei es fand und befreite.

Das Jugendamt hatte die Familie nach eigenen Angaben seit Jahren betreut. Seit Mai 2012 hätten zwei Familienhelfer die Familie regelmäßig zweimal in der Woche besucht. "Dabei ist immer alles in Ordnung gewesen. Jetzt wissen wir: die Eltern haben den Betreuern etwas vorgespielt. Wir sind schlicht und ergreifend betrogen worden", sagte Amtsleiter Hoffmann.

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Familie war bereits auffällig geworden

Bereits im Juni 2010 seien die drei ältestens Kinder - drei Mädchen im Alter von heute dreizehn, zwölf und elf Jahren - aus der Familie herausgenommen worden. Ein heute fünfjähriges Mädchen und der jetzt Dreijährige blieben bei den Eltern, 2011 wurde noch ein sechstes Kind geboren. "Es gab keine Hinweise auf Misshandlungen oder eine akute Gefährdung des Kindeswohls", sagte die Landrätin.

Hoffmann ergänzte, nur in solchen Fällen gestatte es das Gesetz, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen. "Das Elternrecht genießt einen hohen Stellenwert", sagte er. Vorwürfe, wonach das Jugendamt Hinweisen aus der Bevölkerung auf eine Vernachlässigung nicht nachgegangen sei, wies er zurück.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, fordert eine unabhängige Untersuchung des Falls. Die angekündigten personellen Maßnahmen seien ein richtiger Schritt, sagte er. "Ob sie das Grundproblem fehlender Fachstandards für die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern und freien Trägern lösen werden, erscheint mehr als fraglich", sagte Ehrmann.

(dpa)
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