Neue Spuren zum Bombenfund in Bonn: Ermittler werten 300 Videofilme aus

Neue Spuren zum Bombenfund in Bonn : Ermittler werten 300 Videofilme aus

Bei der Aufklärung des gescheiterten Bombenanschlags in Bonn verfolgt die Polizei neue Spuren. Jetzt werden auch Bilder ausgewertet, die im Umfeld des Hauptbahnhofs aufgezeichnet wurden. Die Fahnder ermitteln in alle Richtungen.

Der Mann in dem hellen Mantel trägt einen Bart und hält eine blaue Tasche in der rechten Hand. Die Ermittler des Bundeskriminalamts vermuten, dass er der Täter ist, der die Bombe an Gleis eins des Bonner Hauptbahnhofs abgestellt hat. Das Bild stammt von einer Videokamera in einem Schnellrestaurant. Jetzt ist ein weiterer Film aufgetaucht, auf dem der Verdächtige zu sehen ist. Nach Informationen unserer Zeitung zeigt es den Bärtigen im Bereich des "Bonner Lochs". Der nördliche Bahnhofszugang gilt als Treffpunkt der Drogenszene und wird von Polizei und Ordnungsamt besonders überwacht.

Viel besser als die unscharfe Aufnahme aus der McDonald's-Filiale scheint das neue Material allerdings nicht zu sein. Die Fahnder konzentrieren sich jetzt auch auf Video-material, dass von Privatfirmen und Tankstellen am Tattag aufgezeichnet wurde. Möglicherweise finden sich dabei neue Indizien gegen die beiden Hauptverdächtigen, denen bislang nichts nachzuweisen ist. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" werten die Ermittler die Bilder von 300 Kameras in Bonn und Umgebung aus. Mehrere Terabyte an Daten müssten in den kommenden Wochen ausgewertet werden.

Die Bundesanwaltschaft geht von einem islamistischen Hintergrund aus und hat die Ermittlungen übernommen. Die Fahnder haben unter anderem den Somalier Omar D. im Visier. Der Islamist war nach dem Anschlag vorübergehend festgenommen worden. Omar D. war bereits 2008 in die Schlagzeilen geraten, als er mit seinem Freund Abdirazak B. aus einem Flugzeug auf dem Flughafen Köln-Bonn abgeführt wurde. Damals wurde behauptet, die beiden seien auf dem Weg in ein pakistanisches Terroristen-Ausbildungslager gewesen. Omar D. bestreitet jede Beteiligung an dem geplanten Bombenanschlag. Zeugen wollen einen Dunkelhäutigen, der mit D. starke Ähnlichkeit hat, am Tatort gesehen haben.

Neben dem Mann im Schnellrestaurant und dem Dunkelhäutigen sucht die Polizei auch noch nach einem dritten Täter. Bei ihm soll es sich angeblich um einen Mann aus dem rheinischen Langenfeld handeln, der Kontakte zur Terrorgruppe Al Kaida unterhalten soll. Die Bundesanwaltschaft ging bislang davon aus, dass der Anschlag offenbar in Deutschland geplant wurde.

Wie jetzt bekannt wurde, schließen die Ermittler aber auch nicht aus, bisher nicht die richtige Spur verfolgt zu haben. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, möglicherweise sei ein gewöhnlicher krimineller Hintergrund nicht ausgeschlossen.

Kommt der Täter aus der rechten Szene?

Angeblich wird auch darüber diskutiert, ob die Täter in der rechten Szene zu suchen sind. Rechtsradikale könnten möglicherweise den Anschlag fingiert haben, um den Druck auf die salafistische Szene in Bonn weiter zu erhöhen. "Ich halte diese Version für unwahrscheinlich", sagt Adi Plickert, Chef der Gewerkschaft der Polizei, zu solchen Spekulationen. "Aber Morde der rechtsterroristischen Gruppe NSU haben gezeigt, wie fatal es enden kann, wenn Ermittlungen einseitig in eine bestimmte Richtung geführt werden", so Plickert.

Die Auswertung aller Spuren kann sich möglicherweise noch Monate hinziehen. "Alle Hinweise werden nacheinander abgearbeitet", sagt Kay Wegermann, Vize-Landesvorsitzender des Bund Deutscher Kriminalbeamter. Auch im "Fall Mirco" habe eine Spur nach langwierigen Ermittlungen schließlich zum Täter geführt. Der Mord an einem zehnjährigen Jungen in der Nähe von Grefrath im Jahr 2010 gehört zu den aufwändigsten Ermittlungen in der deutschen Kriminalgeschichte. Bei einer Sonderkommission waren mehrere 1000 Hinweise eingegangen. Auch im Fall der Bonner Bombe könnte sich eine bislang noch unbearbeitete Spur noch als Volltreffer erweisen.

Zu den Beweismitteln, die die Polizei am Tatort sichergestellt hat, gehört neben der blauen Sporttasche unter anderem auch eine kleine Glühbirne, die den Sprengsatz zünden sollte. Auch ein Wecker und die Butangaskartuschen, die die Täter in der Bombenkonstruktion verwendeten, könnten die Fahnder auf die richtige Spur lenken.

Am Wochenende sorgte der Fund eines herrenlosen verdächtigen roten Koffers in der Bonner Innenstadt erneut für einen Großeinsatz der Polizei. Zum Glück erwies sich die Bombenwarnung als Fehlalarm: Ein Familienvater meldete sich, der das Gepäckstück vergessen hatte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bombenfund in Bonn - der brisante Tascheninhalt

(RP/felt/sap)
Mehr von RP ONLINE