1. Panorama
  2. Deutschland

Entsetzen nach Amoklauf: „So etwas im ruhigen Heidelberg“

Entsetzen nach Amoklauf in Heidelberg : „Man kennt das ja nur aus dem Fernsehen“

Ein Amoklauf erschüttert die ansonsten beschauliche Universitätsstadt Heidelberg. Eine junge Frau stirbt, drei Menschen sind verletzt. Der Täter richtet sich selbst. Die Menschen in der Stadt sind fassungslos, schockiert und entsetzt.

Mitten in der Vorlesung fallen Schüsse. Mit einem Gewehr soll ein Mann auf die Studierenden der Universität Heidelberg losgegangen sein. Ein 23-jähriges weibliches Opfer überlebt die Schussverletzungen am Montag nicht, drei Menschen werden verletzt.

Kurz nach dem Amoklauf grenzen rot-weiße Absperrbänder auf dem riesigen Universitätsgelände den Tatort ab, die Polizei kontrolliert die Zufahrten. In der Luft ist ein Polizeihubschrauber, unweit kreuzt ein Patrouillenboot der Wasserschutzpolizei auf dem Fluss. Am rechten Ufer wirkt der Touristenmagnet Heidelberg, die weltberühmte Barockperle am Neckar, an diesem sonnigen Januartag wie im Ausnahmezustand.

„Den Ermittlungen zufolge ist der Täter kurz vor halb eins in den Hörsaal gekommen und hat um sich geschossen“, sagt ein Polizeisprecher. Die Einsatzkräfte seien durch einen Anruf alarmiert worden. „Der Täter ist geflüchtet und hat sich selbst gerichtet.“ Auf dem labyrinthartigen Gelände habe ein Spezialeinsatzkommando nach einem möglichen zweiten Täter gesucht, teilte die Polizei mit. Gegen 15.15 Uhr dann die Entwarnung: Der Mann sei ein Einzeltäter gewesen. „Derzeit ist keine Gefahrenlage mehr gegeben.“

Der Täter soll ersten Erkenntnissen zufolge 18 Jahre alt gewesen sein und zwei Gewehre dabeigehabt haben, sagte Siegfried Kollmar, Polizeipräsident des Präsidiums Mannheim, bei einer Pressekonferenz am Montagabend in Mannheim. Die Waffen soll er nicht im Internet sondern vor einigen Tagen persönlich im Ausland gekauft haben. Es gebe Kaufbelege. Zu klären sei nun, wer jemandem ohne Waffenschein eine Waffe verkaufe. Um den Verkäufer nicht vorzuwarnen, nannten die Ermittler nicht das Land, in dem die Waffen gekauft wurden. Er habe noch mehr als 100 Schuss Munition dabei gehabt. Warum er mit dem Schießen aufgehört habe, wisse man noch nicht. Das sei spekulativ, es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass eine bestimmte Person getroffen werden sollte. Der Täter hätte noch nachladen können. Und weil bei der Leiche des jungen Mannes ein Rucksack mit unbekanntem Inhalt gewesen sei, habe die Polizei lange nicht zu dem Toten gekonnt. Es hätte sich um Sprengstoff handeln können. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg habe daher auch Entschärfer geschickt, die den Rucksack untersuchten. Der Amokläufer sei bisher nicht polizeilich erfasst.

  • Attacke in Heidelberger Uni-Hörsaal: Mehrere Verletzte - Angreifer tot
  • Amoklauf an Heidelberger Uni : 18-Jähriger kündigte Tat über WhatsApp an
  • Im Vorraum der Sparkasse beschädigte das
    Feuer in Wermelskirchener Bankfiliale : Brandstiftung in der Sparkasse – Täter polizeibekannt

Er habe auch keinen Führerschein gehabt. „Das ist schon sehr außergewöhnlich, diese Sachlage.“ Er habe in Mannheim gewohnt. Und kurz zuvor soll der Schütze seine Tat angekündigt haben. Nach Angaben der Polizei schickte er unmittelbar zuvor eine Whatsapp-Nachricht an „eine Person“. Er habe geschrieben, „dass Leute jetzt bestraft werden müssen“, so Kollmar.

In der Nachricht habe er sich außerdem eine Seebestattung gewünscht. „Auch das werden wir noch verifizieren müssen, auch das werden wir noch nachvollziehen müssen“, betonte Kollmar. „Wir werden sein Umfeld jetzt durchleuchten in den nächsten Tagen, mit Hochdruck.“ Die Ermittler wollen alle seine Aufenthaltsorte und Gesprächspartner der vergangenen Tage überprüfen. Die Ermittler machen noch keine Angaben zu einem möglichen Motiv. Dafür sei es noch zu früh, sagte Andreas Herrgen, Leiter der Staatsanwaltschaft Heidelberg, am Montagabend in Mannheim. Es gebe noch keine belastbaren Informationen dazu. Nach bisherigen Erkenntnissen war der mutmaßliche Täter nicht vorbestraft, wie Herrgen sagte. Weder der Mann noch nahe Angehörige hätten Waffen besitzen dürfen. Ermittelt werde nun auch, ob Dritte strafrechtlich zur Mitverantwortung gezogen werden müssen. Kollmar berichtete von sieben Notrufen innerhalb von 43 Sekunden, die bei der Polizei eingegangen seien. Die Beamten seien schnell von einer Amoktat ausgegangen. Mehr als 400 Beamte seien im Einsatz gewesen. Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen war der Mann selbst Student. Er soll demnach keine politischen oder religiösen Motive gehabt haben.

„Wir sind unendlich schockiert. Das ist eine Katastrophe, die sich allem Denkbaren zwischen Vorlesungen, Klausuren und Unileben entzieht“, sagte Peter Abelmann, Vorsitzender der Verfassten Studierendenschaft.

„Zuerst haben wir das gar nicht geglaubt, was da über Telegram und Whatsapp rein kam“, erzählt der 32-Jährige, der am benachbarten Campus Bergheim Soziologie, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Doch die Helikopter in der Luft hätten dann keinen Zweifel gelassen - etwas Schlimmes war passiert. Einige Studenten seien nach Hause gegangen, andere wie er selbst seien wegen der unklaren Situation in den Räumen geblieben. Ohnehin seien die Busse nicht mehr gefahren.

Eine Mitarbeiterin des Uniklinikums war gerade auf dem Weg in die Mittagspause. „Eigentlich wollte ich nur kurz zum Bäcker, da sind mir schon richtig viele Streifenwagen entgegengekommen. Im Zehn-Sekunden-Takt. Da dachte ich mir, dass irgendwas passiert sein muss.“ In der Klinik sei eine Art Notfallprotokoll ausgelöst worden, alle Türen seien verriegelt worden.

„So etwas im ruhigen Heidelberg“, sagt eine Frau, die am Nachmittag mit anderen Angestellten der Universität unweit der Polizisten steht. „Man kennt das ja nur aus dem Fernsehen.“ Ihre Begleiterin schüttelt den Kopf. „Erst vor ein paar Jahren ist ein Mann hier in Heidelberg mit dem Auto Amok gefahren und hat einen Mann getötet“, sagt sie. „Alle waren schockiert. Das hier ist genauso schlimm.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich "zutiefst betroffen" gezeigt. "Meine Gedanken sind bei den Familien und Angehörigen - wir sind an ihrer Seite", erklärte Kretschmann am Montag in Stuttgart. Er hoffe "inständig, dass die Verletzten wieder gesund werden". "Unsere Polizei ermittelt mit Hochdruck und tut alles dafür, um die Hintergründe der Tat schnell aufzuklären", erklärte Kretschmann. Der Regierungschef dankte zugleich den Einsatz- und Rettungskräften für ihre Arbeit.

Fassungslosigkeit auch bei Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner. „Der heutige Tag ist ein fürchterlicher für uns alle“, schreibt der parteilose Politiker auf Facebook.

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) besuchte am Nachmittag den Tatort. „Ich bin entsetzt. Es lässt einen sprachlos zurück, wenn unschuldige junge Menschen im Hochschulbetrieb so etwas erleben müssen.“

Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich nach dem Amoklauf tief erschüttert gezeigt. „Es zerreißt mir das Herz, solch eine Nachricht zu erfahren“, sagte der SPD-Politiker am Montag nach einer Konferenz mit den Ministerpräsidenten in Berlin. Er sprach den Angehörigen, den Opfern und den Studentinnen und Studenten der Universität Heidelberg sein Beileid aus.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Verletzte und Tote bei Angriff in Uni-Hörsaal in Heidelberg

(felt/dpa)