1. Panorama
  2. Deutschland

Angklage spricht von "Böswilligkeit": Eltern versteckten verhungerten Zweijährigen in einer Tonne

Angklage spricht von "Böswilligkeit" : Eltern versteckten verhungerten Zweijährigen in einer Tonne

Stendal (ddp). Eine 27-Jährige und ein 28-Jähriger aus Schlagenthin sollen ihre sechs Kinder über Jahre gequält haben. Die stark verweste Leiche eines zweijährigen, verhungerten Sohnes wurde im Februar in einer Tonne gefunden. Vor Gericht kommem nun immer mehr Details darüber ans Licht, wie er und seine Geschwister leiden mussten. Die Anklage wirft den Eltern "Eigensucht und Bequemlichkeit" vor.

Die Eltern des verhungerten zweijährigen Jungen aus Schlagenthin in Sachsen-Anhalt müssen sich seit Donnerstag vor dem Landgericht Stendal verantworten. Die 27 Jahre Frau und der 28 Jahre alte Mann, die des gemeinschaftlichen Totschlags angeklagt sind, schwiegen zunächst vor Gericht. Ins Rollen gebracht hatte den Fall eine Ärztin, die bei der Untersuchung eines anderthalbjährigen Bruders deutliche Symptome von Vernachlässigungs feststellte und Anzeige erstattete.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Eltern von insgesamt sechs Kindern vor, sich ab August 2003 nicht um ihre Kinder gekümmert zu haben. Zwei andere Kinder erlitten laut Anklageschrift durch "böswillige Vernachlässigung" und aus "Eigensucht und Bequemlichkeit" erhebliche Gesundheitsschäden. Die Kinder seien mindestens ein Jahr in ihrer Entwicklung verzögert gewesen, sagte die als Zeugin geladene Kinderärztin des Kreiskrankenhauses Burg, Cornelia Hesse. Der Bruder des zweijährigen toten Kindes sei stark unterernährt gewesen. Zudem habe sie Erfrierungen bei dem Kind festgestellt.

Der Haushalt der Familie soll in einem stark verwahrlosten Zustand und durch Exkremente verunreinigt gewesen sein. Die Wohnung sei in einem "grauenvollen" Zustand gewesen, sagte eine Zeugin.

Eine andere Zeugin berichtete, dass die Familie bereits vor ihrem Umzug nach Schlagenthin in Stresow mit mehr als fünf Katzen und mehreren Hunden zusammenlebte. In den Räumen habe es "stark gerochen". Bei dem zweijährigen Jungen sei ihr aufgefallen, dass er nicht gespielt und nicht wie andere Kinder reagiert habe. Zudem habe er nur flüssige Nahrung zu sich nehmen wollen.

Mehrere Zeugen beschrieben die Familie vor Gericht als eher verschlossen. Vor allem die 27-jährige Frau habe sehr zurückgezogen gelebt und sich mehr für ihre Tiere als für ihre Kinder interessiert. Auf Kritik habe der 28-Jährige meist "wie ein kleiner Junge reagiert", sagte ein ehemaliger Nachbar vor Gericht. Durch mehrere Umzüge hätten sich bereits drei Jugendämter um die Familie gekümmert und doch sei offenbar nichts passiert.

Bei den Ermittlungen waren auch Vorwürfe gegen die Behörden laut geworden. Die Staatsanwaltschaft kam aber zu dem Ergebnis, dass es keinen Tatverdacht gegen das Jugendamt gebe. Deshalb wurde kein Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter des Amtes eröffnet.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Insgesamt sind zehn Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil wird voraussichtlich am 25. Oktober verkündet.

(afp2)