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Blutige Spur durch Deutschland: Eine beispiellose Mordserie

Blutige Spur durch Deutschland : Eine beispiellose Mordserie

Jahrelang hat die Polizei einen Einzeltäter gesucht, der seit 2000 zwischen München und Rostock mindestens neun Kleingewerbetreibende türkischer oder griechischer Herkunft mit Schüssen ins Gesicht tötete. Diese These hat wohl in die Irre geführt, wie der Fund der Tatwaffe bei den rechtsextremen mutmaßlichen Mördern einer Polizistin in Zwickau belegt.

Fünf Kugeln trafen Mehmet K. mitten ins Gesicht. Der Dortmunder war sofort tot. Geld wurde aus seinem Kiosk nicht geraubt. Schon bald nach der Tat am 4. April 2006 war klar, dass der 39-jährige kurdischstämmige Vater dreier Kinder das Opfer eines unheimlichen Serientäters war, der mindestens seit 2000 eine blutige Spur durch Deutschland zog.

In Nürnberg hatte die Mordserie am 9. September 2000 begonnen: An einer großen Kreuzung verkaufte Enver S. Blumen aus seinem Transporter heraus. Da tauchte ein Mann mit einer Pistole auf, die er in einer Plastiktüte verborgen hatte, und tötete S. mit mehreren Schüssen. Ein Jahr später traf es einen Schneider. Im Juni 2001 töteten Pistolenkugeln einen Obsthändler in Hamburg und einen Gemüsehändler in München. Die Serie schien schon beendet, ehe in Rostock im Februar 2004 ein Dönerverkäufer ermordet wurde. Im Juni wurde abermals in Nürnberg ein Dönerbudenbesitzer niedergestreckt. Im gleichen Monat starb in München der Besitzer eines Schlüsseldienstes. Auch er wurde während der Geschäftszeit in seinem Laden erschossen.

Immer dieselbe Mordwaffe

Bei der Tat wurde immer die selbe Waffe verwendet: eine Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit Schalldämpfer. Mehmet K. war das achte Opfer der längsten unaufgeklärten Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik. Zwei Tage nach den Schüssen von Dortmund töteten Kugeln aus der Ceska einen Internet-Cafébesitzer in Kassel. Wie K. war er aus der Türkei zugewandert.

Ansonsten gab es zwischen ihm und den übrigen Opfern keinen Zusammenhang. Die erschossenen Männer hatten lediglich gemeinsam, dass sie Kleinunternehmer aus Zuwandererfamilien waren. Acht der Opfer hatten türkische Wurzeln, der in München ermordete Schlüsseldienstbesitzer war Grieche. Weil zwei der Mordopfer einen Döner-Imbiss betrieben, erhielt die Verbrechensserie den Namen "Döner-Morde".

Die Ermittlungsansätze konzentrierten sich zunächst auf das türkische Milieu. Die in Nürnberg gebildete Sonderkommission — dort wurden drei der Morde verübt — , an der zeitweise bis zu 160 Beamte mitarbeiteten, erhielt den Namen "Bosporus". Da einige der Opfer Kontakte zur Drogenszene hatten, wurden dort zeitweise mögliche Auftraggeber für die Taten vermutet. Doch dieser Ansatz verlief ebenso im Sande wie die Theorie, nationalistische türkische Gruppierungen oder der türkische Geheimdienst könnten ihre Finger im Spiel haben. Im Zuge des Bundesliga-Wettskandals wurde eine Zeitlang sogar eine Verstrickung der Wettmafia in den Mordfall für möglich gehalten. Zuletzt verfolgte die Kommission Spuren in die Schweiz. Ein angeblicher Kontaktmann des Verfassungsschutzes gab an, er könne die Tatwaffe aus der Schweiz besorgen. Der Mann forderte Straferlass für seine Dienste. Weil man sich nicht handelseinig wurde, blieb ungeklärt, was hinter den Versprechungen des Kriminellen stand.

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Immer wieder Kontaktleute im Visier

Auffällig war jedenfalls, dass immer wieder angebliche oder tatsächliche Kontaktleute des Verfassungsschutzes ins Visier der Ermittler gerieten. Das wurde besonders deutlich in dem Kasseler Mordfall. Dort hielt sich exakt zu der Zeit, als die tödlichen Schüsse fielen, ein V-Mann des Verfassungsschutzes in dem Internet-Café auf. Der Mann wurde erst durch polizeiliche Ermittlungen ausfindig gemacht. Als Grund für sein Schweigen gab er an, ihm sei peinlich gewesen, dass er im Internet auf Kontaktbörsen unterwegs gewesen sei. Die Spur dürfte jetzt noch einmal untersucht werden. Es ist bekannt, dass die rechtsextreme Szene mit V-Leuten des Verfassungsschutzes durchsetzt ist.

Doch eine rechtsextreme Gruppierung, die ihren Lebensunterhalt mit Banküberfällen bestritt und in Brutalität und Vorgehensweise an die schlimmsten Zeiten der linksterroristischen Rote- Armee-Fraktion erinnert, lag damals offensichtlich noch außerhalb der Vorstellungswelt der Ermittler. Aufgrund von Analysen kriminalistischer Profiler wurde insbesondere die Spur eines fanatisierten Einzeltäters verfolgt, der aus Ausländerhass mordete und ansonsten ein unauffälliges Leben führte. Das allerdings passte nicht dazu, dass bei zwei Taten mindestens zwei Männer beteiligt waren.

Auch wurde die These erwogen, dass Auftragskiller einer kriminellen Organisation unterwegs sein könnten. Doch gegen diese Annahme sprach, dass die Opfer mit keiner kriminellen Organisation gemeinschaftliche Beziehungen unterhielten. Zuletzt musste in diesem Jahr eine Ermittlerin der Kommission "Bosporus" nach der Auswertung von 3500 Spuren, der Überprüfungen von 11 000 Personen und nach einem ergebnislosen Fahndungsaufruf in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" zugeben, dass man "noch nicht einmal das Schwarze unter dem Fingernagel" ermittelt habe.

Das hat sich mit dem Fund der Ceska in dem in die Luft gesprengten Haus in Zwickau schlagartig geändert. Die Entdeckung ermöglicht es nun, Puzzleteile zusammenzusetzen, von denen die Ermittler bislang nicht einmal ahnten, dass sie zusammengehören könnten. Der Mord an der aus Thüringen stammenden Heilbronner Polizistin, die neunfache Dönermord-Serie und 14 Banküberfälle in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern sind möglicherweise nur Teile eines Bildes, das sich allmählich abzeichnet.

So könnte auch der Mord an einem 41 Jahre alten Dönerbuden-Besitzer in Döbeln dem Trio um Beate Z. und den in einem Wohnwagen erschossen aufgefundenen Uwe M. und Uwe B. zuzuschreiben sein. Der Mann war vor kurzem von einem maskierten Täter erschossen worden. Mit Sicherheit ausschließen können die Ermittler bislang lediglich eine Verbindung zu dem Mord an einem Augsburger Polizeibeamten, der in der Nacht zum 28. Oktober bei der Kontrolle zweier Motorradfahrer erschossen worden war. Die DNA-Spuren passen offenbar nicht zu dem Neonazi-Trio in Sachsen.

Nach dem Waffenfund von Zwickau dürften bundesweit Mitarbeiter von Ermittlungskommissionen wieder in den Aktenkeller steigen. So auch in NRW: Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte, das Landeskriminalamt und die Polizeibehörden würden nun prüfen, ob sich durch die Spuren neue Ermittlungsansätze in bislang ungelösten Fällen ergäben. "Wir müssen die Hintergründe sorgfältig aufklären, aber was wir bisher wissen, ist in seinem Ausmaß erschütternd", sagte Jäger. "Wir müssen Konsequenzen daraus ziehen, dass die Täter sich jahrelang im Untergrund in Deutschland bewegen konnten. Aus Rechtsextremisten sind Terroristen geworden."

In dem von Beate Z. in die Luft gesprengten Haus wurden DVDs mit Propagandamaterial eines "Nationalsozialistischen Untergrund" gefunden, das an islamische Organisationen geschickt werden sollte. Es wird interessant sein zu erfahren, welche Verbindungen das Trio zu anderen rechtsextremistischen Organisationen hatte und was der Verfassungsschutz wusste. Auch ist nicht gesagt, dass die Blutspur nur durch Deutschland führt. So sollen sich die mutmaßlichen Täter auch längere Zeit im Ausland aufgehalten haben.

Hier geht es zur Infostrecke: Blutspur durch Deutschland

(RP/felt/rm)