Ein Syer erzählt - das Leben vor der Flucht

Geschichte einer Flucht : Der syrische Springreiter, der zum Flüchtling wurde

Der Syrer Mahmoud Alabed war ein erfolgreicher Springreiter – dann zwang ihn der Krieg zur Flucht. Der Website amnullpunkt.de hat er seine Geschichte erzählt. Wir dokumentieren sie.

Der Syrer Mahmoud Alabed war ein erfolgreicher Springreiter — dann zwang ihn der Krieg zur Flucht. Der Website amnullpunkt.de hat er seine Geschichte erzählt. Wir dokumentieren sie.

Heute lebt er als Flüchtling in Berlin. Foto: Erna Linst Illustration

Ich kam 1980 in Damaskus zur Welt, mitten in der Stadt. Zwar nicht im historischen Zentrum, aber dennoch mittendrin. Sieben Jahre lang lebte ich dort, gemeinsam mit meinen Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen. Und mit meinen Eltern und meinen Geschwistern. Ich habe einen älteren Bruder und drei jüngere Schwestern.

Wir bewohnten ein traditionelles Damaszener Haus. Der geschlossene Innenhof, von dem man in unsere Wohnräume ringsherum gelangte, war das Zentrum des Familienlebens. Unser Haus war wie eine kleine Stadt, eine Stadt mit anderen Regeln als draußen vor der Tür. Meine Oma, meine Mutter, meine Tanten — ich hatte das Gefühl, dass sie drinnen unbeschwerter lebten als draußen. Nicht dass sie sich in der Öffentlichkeit unfrei gefühlt hätten, aber die Stimmung im Haus war doch immer besonders. Wir ließen keinen Scherz aus, schallendes Lachen erfüllte die Räume, während gerade die Frauen meiner Familie sofort zurückhaltender wurden, wenn sie sich verschleierten und unsere Burg verließen.

Ich stand kurz vor der Einschulung, als meine Eltern beschlossen, dass wir Damaskus verließen. Wir zogen aufs Land, nicht sehr weit weg, aber so weit, dass ich das bunte, spannende Leben, den Trubel der Stadt bald schon vermisste in der ländlichen Ruhe. Nicht die ganze Familie zog mit. Wir gingen mit meinen Großeltern und einem meiner Onkel und seiner Familie. Immerhin noch 16 Leute, davon 10 Kinder. Wieder lebten wir in einem Damaszener Haus, aber es war doch anders. Als wir noch alle zusammen in der Stadt lebten, war einfach mehr los. Ich mochte das sehr und es fehlte mir nun.

Dann kam ich zur Schule und hatte — wider Erwarten — die Stadt schon bald vergessen. Weil ich etwas entdeckte, was mich von der ersten Sekunde, der ersten Begegnung an faszinierte: Pferde. Ich träumte davon, ein erfolgreicher Reiter zu werden, obwohl ich noch viel zu jung war. Dieser Traum ließ mich nicht mehr los, bis ich mit 14 Jahren — endlich — Mitglied eines staatlichen Reitklubs in unserer Nähe werden durfte. Ich saß schnell mehr im Sattel als in der Schule. In meinem Reitklub gab es über 200 Pferde und ich setzte sprichwörtlich alles auf eines: In der 8. Klasse verließ ich — halb freiwillig, halb gezwungen — die Schule und verbrachte die nächsten Jahre ausschließlich mit Reittraining.

"Womit sollte ich meinen Lebensunterhalt verdienen?"

Reitklubs funktionieren in Syrien ein bisschen anders als hierzulande. Während sich Reiter hier um alles kümmern, auch um die Pflege der Pferde, das Ausmisten der Boxen, das Aufsatteln, hatte in Syrien jeder seine Aufgabe. Es gab Stallburschen, Pferdepfleger, Reiter. Ich war nun Reiter, Springreiter.

Ich trainierte drei Jahre lang und konnte mit 17 Jahren an den ersten Turnieren teilnehmen. Gleichzeitig musste ich mir Gedanken machen, womit ich meinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Das Reiten brachte mir kein Geld ein, und anders als viele Reiter in meinem Klub kam ich aus einfachen Verhältnissen. Ich konnte es mir nicht leisten, nur zu reiten.

Ich fing an, in einer Schreinerei zu arbeiten. Auch mein Vater war Tischler. Zunächst half ich aus, aber mein Meister brachte mir in kurzer Zeit sehr viel bei. Ich spezialisierte mich auf den Bau von Türen, Fenstern, Rahmen. Jeden Morgen ging ich sehr früh in die Werkstatt, arbeitete dort vier Stunden, verbrachte dann den Tag bei den Pferden und kehrte abends in die Werkstatt zurück, um weitere vier Stunden zu arbeiten.

In meinem Reitklub standen die teuersten Pferde der Welt. Ich durfte diese edlen Tiere nicht einmal anfassen, reiten schon gar nicht. Ich bekam Pferde, die als hoffnungslose Fälle galten, Ackergäuler, mit denen kein Blumentopf zu gewinnen war. Dachten sie. Ich habe monatelang mit diesen Pferden trainiert und schleichend wurden die Ausgemusterten zu Geheimfavoriten. Mein erstes Pferd, das ich vom Reitklub bekam, hieß Rabeh. Rabeh bedeutet Gewinner, ich vermute, dass der Name ursprünglich Ironie war. Als ich mit Rabeh schließlich die ersten Turniere ritt, machte er seinem Namen allerdings alle Ehre. Bis zu einer Hindernishöhe von 1,20 Meter waren wir unschlagbar. Ich ritt Rabeh dann nicht mehr lange. Jedes Mal, wenn eines meiner Pferde plötzlich anfing zu gewinnen, nahm man es mir weg und gab es einem anderen Klubmitglied. Ich war so etwas wie der Bereiter für die Reichen. Ich beschwerte mich nicht, der Klub war meine einzige Chance, überhaupt zu reiten. Und ich empfand jedes neue Pferd als neue Herausforderung.

"2006 flog ich aus dem Team"

Mit 19 Jahren wurde ich Mitglied der syrischen Nationalmannschaft der Springreiter. Ohne jede klassische Reitausbildung. Was ich über Pferde wusste, hatte ich mir selbst beigebracht. Wir waren sieben, mal acht Reiter im Team, die Konkurrenz untereinander groß. Es blieb die Herausforderung, die Nase vorn zu behalten, auch wenn sich der Trainer wenig um mich kümmerte. Auch in diesem Team gab es wichtigere Sprösslinge einflussreicher Familien. Ich bin sehr ehrgeizig, wollte natürlich besser sein als die anderen Reiter. Allerdings hatte ich auch noch einen Job, acht Stunden am Tag. Einige Jahre gelang es mir gut, Arbeit und Sport unter einen Hut zu bringen. Wir feierten große Erfolge. Es muss ungefähr 2005 gewesen sein, als ich mich plötzlich immer häufiger mit meinem Trainer stritt. Wir hatten sehr verschiedene Ansätze im Umgang mit den Tieren, und ich bin wahrlich kein einfacher Mensch, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Der Preis, den ich für meine Sturheit zahlte: 2006 flog ich aus dem Team, überdies aus dem Reitklub und verlor von einem Tag auf den anderen jede Möglichkeit zu reiten. Ein eigenes Pferd hätte ich mir niemals leisten können.

Durch einen glücklichen Zufall lernte ich im gleichen Jahr noch Hiba und Khaled kennen. Die Beiden bauten gerade im Umland von Damaskus den "National Horse Riding Club" auf — einen privaten Reitklub — und suchten Trainer. Ich stellte mich vor, und sie gaben mir eine Chance.

Nun war ich also Reitlehrer und fing überdies an, mich intensiv mit dem Thema "Pferdepflege" auseinanderzusetzen. Ich wollte wissen, woran man kranke Pferde erkennt, wie man sie behandeln kann. Und ich hatte begonnen, Reitunterricht für Kinder anzubieten. Ich empfand es als große Herausforderung, so kleinen Menschen, die noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hatten, einerseits die natürliche Angst vor diesen imposanten Tieren zu nehmen und ihnen andererseits das Reiten beizubringen. Schnell meldeten immer mehr Eltern ihre Kids bei mir an.

Ende 2007 bekam ich ein Angebot: Ein Klub in Dubai wollte mich als Reitlehrer engagieren. Der Vertrag war so verlockend, dass ich meine Sachen packte. Doch als ich nach drei Monaten für einen kurzen Besuch nach Hause kam und mir die Kids, die ich vor meiner Abreise trainierte, nicht mehr von der Seite wichen, mich inständig baten, sie wieder zu trainieren, konnte ich nicht anders und blieb. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Ambitionen, die Motivation dieser Kids nicht enttäuschen konnte. Ich kehrte zurück in den "National Horse Riding Club" und ließ den Vertrag in Dubai sausen. Ich empfand diese Arbeit als sinnvoller im Vergleich dazu, reichen, gelangweilten Leuten das Reiten zu lehren. Außerdem brauchte ich damals nicht viel. Ich hatte noch keine Familie, musste nur mich über die Runden bringen.

Neben meinem Reitunterricht nutzte ich nun die Zeit, um mich intensiver mit Kinderpsychologie und pädagogischen Methoden auseinanderzusetzen. Mir war es wichtig, die Kids nicht zu überfordern und dennoch wollte ich das Beste aus ihnen herausholen. Ich war streng. Doch bei allem Ehrgeiz war es mir wichtig, auf dem schmalen Grat zwischen kindlichem Spaß und sportlichem Druck zu wandeln, damit die Kids ihren Enthusiasmus nicht verloren. Im Laufe dieser Monate entwickelte ich eine Trainingsmethode für Kinder, mit der ich auch Dreijährigen schon das Reiten beibrachte.

"Wir waren so gut wie unschlagbar"

Bereits seit einiger Zeit verdiente ich auch etwas Geld damit, dass ich untrainierte Pferde kaufte, sie beritt und anschließend wieder verkaufte. Mit diesem Geld und Kindern aus meinem Unterricht baute ich mir eine kleine Springreiter-Mannschaft auf. Wir brauchten kaum ein Jahr, bis wir uns zu Turnieren anmelden konnten, Ende 2008 fuhren wir zu unserem ersten Wettkampf. Wir hatten keine Chance gegen die Konkurrenz, aber es konnte nicht schaden, wenn meine Kids erfuhren, wie hoch das Niveau war. Außerdem, das muss ich zugeben, trieb mich mein Stolz dorthin. Mir war klar, dass ich bei diesem Turnier alte Weggefährten aus dem staatlichen Reitklub treffen würde. Ich wollte ein Zeichen setzen, ich wollte ihnen zeigen, dass ich noch da bin — und dass sie mit meiner Mannschaft rechnen müssten, früher oder später. Manchmal denke ich, ich hätte etwas kleinlauter sein können.

Schon bald feierten wir erste Erfolge, heimsten einen Pokal nach dem anderen ein. Mein jüngster Reiter erlebte 2009 einen regelrechten Überflug. Als Cheftrainer im "National Horse Riding Club" fing ich an, anderen Reitlehrern mein Trainingskonzept beizubringen, damit wir den Ansturm an neuen Reitschülern bedienen konnten. Das tat ich auch, um selbst mehr Zeit für meine Mannschaft zu haben — und für eine neue Arbeit, die ich gerade entdeckte.

Ich wusste seit meiner Kindheit, wie wertvoll Zeit mit Pferden ist, wie beruhigend diese Tiere auf mein Gemüt wirkten. Also hatte ich die Idee, Reitstunden für körperlich und geistig behinderte Kinder anzubieten und fand auf Anhieb sieben Schüler, darunter auch zwei Autisten. Der Vater eines autistischen Jungen reiste zuvor mit seinem Sohn durch die ganze Welt zu Spezialisten, doch schien seinem Sohn nichts zu helfen. Bis er ritt. Plötzlich entspannte er sich, blieb interessiert bei der Sache, konnte sich konzentrieren. Er schien mit seinem ganzen Wesen zur Ruhe zu kommen, wenn er auf einem Pferd saß. Sein Vater sagte, dass er noch nie eine derartig rasante Entwicklung beobachtet hatte. Auch mich berührte diese Erfahrung sehr.

Mein Springreiter-Team hatte sich mittlerweile zu einem der besten des Landes gemausert. Bis zu Hindernishöhen von 1,20 Meter waren wir so gut wie unschlagbar, obwohl wir nicht einmal über Bruchteile der finanziellen Ressourcen staatlicher Reitklubs verfügten. Die holten sich ihre Trainer mit viel Geld aus Europa und bissen sich dennoch die Zähne an uns aus. Das machte sie wütend. Und so brachte der Erfolg auch Probleme mit sich, zuallererst den Neid.

Die Vorsitzende meines früheren, staatlichen Reitklubs hasste mich. Bei jedem Turnier gab sie aufs Neue vor, mich überhaupt nicht zu kennen, um mich zu demütigen. Sie wusste ganz genau, dass ich ihren Klub einige Jahre zuvor im Streit verlassen hatte. Während der Turniere zerriss sie sich das Maul über mich, versuchte immer, uns vor wichtigen Gästen lächerlich zu machen. In ihrer Welt durfte es nicht sein, dass ein privater Reitklub, noch dazu ein Team, das von einem "Abtrünnigen aus den eigenen Reihen" aufgebaut wurde, mehr Erfolg hatte als ihr mit staatlichen Geldern verwöhnter Reitklub. Weil sie wusste, dass ihre Reiter gegen uns nicht gewinnen konnten, legte sie uns auf anderen Wegen immer häufiger Steine in den Weg. Sabotage war an der Tagesordnung, Hinterlist Programm. Sie, die Vorsitzende, war übrigens die Schwägerin des Präsidenten unseres Landes.

"Zehn Monate lang leistete ich humanitäre Hilfe"

Ich hatte mittlerweile geheiratet. Meine Frau war aus Homs, 2010 kam unsere Tochter zur Welt und ich richtete uns auf dem Dach meines Elternhauses eine kleine Wohnung her. Zu dieser Zeit luden mich syrische Händler zu einer Reise nach Deutschland ein. Sie wollten dort Pferde kaufen und brauchten jemanden, der die nötige Erfahrung mitbrachte. Auf dieser Reise konnte ich wichtige Kontakte für mein Team knüpfen. Als ich zurückkam, wurde ich zum zweiten Mal Vater, dieses Mal bekamen wir einen Sohn. Obwohl die Revolution in Syrien bereits ausgebrochen war, fuhr ich 2011 ein zweites Mal nach Deutschland — nun allerdings mit meinem Team. Wir waren zu einem Intensiv-Reitkurs in Löningen eingeladen.

Unsere Rückkehr katapultierte uns aus der heilen Welt Deutschlands in ein Krisengebiet, zu dem meine Heimat in der Zwischenzeit geworden war. Ich sah, was in meinem Land vor sich ging und verließ meinen Reitklub. Zehn Monate lang leistete ich humanitäre Hilfe, half denen, die bereits alles verloren hatten in den Kämpfen. Mit dieser Arbeit machte ich mir viele Feinde, immer häufiger wurde ich persönlich bedroht. Es muss Ende 2011, Anfang 2012 gewesen sein, als ich merkte, dass auch ich tatsächlich in Gefahr war.

Ich besprach die Situation mit meiner Frau und gemeinsam hatten wir beschlossen, dass ich das Land zunächst allein verlassen sollte. Ich ging wieder nach Dubai, fand dort wieder eine Stelle als Reitlehrer. Allerdings hatte ich nur ein Touristenvisum. Mein Chef versprach mir jeden Tag, dass er sich um meine Aufenthaltsgenehmigung kümmern würde. Mit meinem festen Job waren alle Anforderungen dafür erfüllt. Leider tat er es nicht. Als mein Visum abgelaufen war, lebte ich plötzlich illegal in Dubai, ein Status, den ich mir nicht leisten konnte. Schließlich musste ich meine Familie in Syrien unterstützen. Kurzentschlossen zog ich weiter nach Ägypten. Dort durften wir damals noch ohne Visum einreisen. Als ich in Kairo ankam, holte ich meine Familie nach.

Professionelle Reitklubs gab es in Kairo nicht. Und in den Klubs, die es gab, hatte niemand auf mich gewartet. Wir zogen weiter nach Alexandria. Dort arbeitete ich als Kellner in Restaurants, als Verkäufer, auch wieder als Tischler. Am Ende meiner Zeit in Ägypten war ich arbeitslos und hatte keinen neuen Job in Aussicht. Es war eine sehr schwierige Zeit, wir mussten uns bei Freunden Geld leihen, um über die Runden zu kommen.

Gemeinsam mit einem Freund entschied ich 2013, in die Türkei zu gehen. Während meine Familie vorerst wieder zurückblieb, machten wir uns auf den Weg. Ich war nur wenige Tage in der Türkei, bekam nun aber wieder hautnah mit, was in meiner Heimat, nur einen Steinwurf entfernt, los war. Es trieb mich zurück, in den Norden Syriens. Bei Idlib tobte ein blutiger Krieg. Ich half den Menschen vor Ort. Es war die Zeit, in der sich die Lager zusehends spalteten. Ständig formierten sich neue Splittergruppen, die einander bekämpften. Ich hatte keine Waffe und ich wollte keine. Sie wollten, dass ich kämpfte, ich wollte aber nur helfen. Nach einem halben Jahr verließ ich Syrien wieder.

"Viele Versuche, die Grenze zu überqueren, scheiterten"

Ich zog nach Bursa in der Türkei. Eine Arbeit mit Pferden war dort eh reine Utopie, schon weil ich kein Wort Türkisch sprach. Stattdessen baute ich im Auftrag eines Vereins eine Unterkunft für syrische Flüchtlinge auf. Tausende Familien verließen zu dieser Zeit Aleppo, Idlib, den Norden Syriens. Wir kümmerten uns um sie, so gut es uns möglich war. Während der zwei Jahre, die ich in Summe in B