Berlin diskutiert über Coffeeshops: Ein Hauch von Amsterdam in Kreuzberg

Berlin diskutiert über Coffeeshops : Ein Hauch von Amsterdam in Kreuzberg

Die Kreuzberger Bürgermeisterin will mit einem "deutschlandweit einzigartigen Modellprojekt" Coffeeshops zum Verkauf von Drogen einführen. Ob das klappen kann?

Kurz hinter dem Eingang zum Park dauert es keine 30 Sekunden. "Hallo Schwester, kann ich dir helfen?" Ein Dealer bietet auf Englisch Gras an. Zehn Euro kostet das Gramm. Nach einem "Nein, danke" gibt er auf und ruft in der Dunkelheit hinterher: "Bist du von der Polizei?" Solche Szenen sind Alltag im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Der Drogenhandel hat so zugenommen, dass Anwohner die Auto-Kennzeichen der Käufer kennen und genervt sind, wenn die Dealer im Spalier stehen oder Frauen "sexy, sexy" zuraunen.

Die Polizei rückte in den ersten neun Monaten des Jahres zu mehr als 100 Razzien aus. Das bringt aus Sicht der in Kreuzberg regierenden Grünen zu wenig. Die neue Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann will daher Coffeeshops wie in den Niederlanden einführen, wo Joints legal an Erwachsene verkauft werden. Ein Hauch von Amsterdam weht durch Berlin.

Der Verkauf von Drogen ist in Deutschland verboten. Die Grünen hoffen bei ihrem "deutschlandweit einzigartigen Modellprojekt" auf eine Ausnahmegenehmigung aus öffentlichem Interesse. Am besten soll der Staat selbst das Cannabis an- und verkaufen: "Ich gehe da vielleicht ein bisschen weit", sagt Herrmann. Bei ihr haben sich nach eigenem Bekunden schon Landwirte gemeldet, die Pflanzen in Biosiegel-Qualität anbauen wollen.

Herrmanns Plan wirft auch im kifferfreundlichen Kreuzberg viele Fragen auf. Das zeigt sich am Dienstagabend bei einer überfüllten Podiumsdiskussion, bei der ums Mikrofon gekämpft wird. Vom Park zieht zwischendurch eine Brise Hasch-Geruch durchs Fenster. Zwei Stunden reden sich die Kreuzberger die Köpfe heiß. Ein Mann mit grauem Zopf trägt einen Button an der Jacke: "Kiez wehrt sich".

"Ich sehe die Dealer als Opfer"

Es geht nicht nur um Drogen, sondern auch um Alltagsrassismus - viele Dealer sind Afrikaner - und die Probleme von Flüchtlingen, die wegen des Asylrechts nicht arbeiten dürfen. "Ich sehe die Dealer als Opfer", sagt eine Anwohnerin, die auf die Hintermänner des Drogenhandels verweist.

Ein Zwischenrufer, angeblich selbst ein Dealer, wird aggressiv: "Görlitzer Park ist schlimmer als die Bronx." Andere sehen es lockerer: Mit den Drogenverkäufern könne man doch reden. Die Lage sei lästig, aber nicht bedrohlich.

Herrmann beschwört die offene Gesellschaft im Umgang mit den Afrikanern und erklärt, warum sie Coffeeshops will. "Cannabis ist eine Alltagsdroge wie Alkohol und Zigaretten." Den Umgang müsse man lernen. Coffeeshops bieten ihrer Meinung nach Jugend- und Verbraucherschutz: Bislang sei nicht unter Kontrolle, ob Jugendliche die Drogen kauften und welche Qualität der Stoff habe. Herrmann nennt Fälle von Bleivergiftung durch gestreckte Drogen.

Die Sorge, ein Drogenladen könnte noch mehr Partyvolk anlocken, will die Grünen-Politikerin ausräumen: "Nur ein Coffeeshop im Görlitzer Park wird es nicht sein." Im Idealfall soll das Konzept in anderen deutschen Städten Schule machen. Aber ob das klappen kann?
Der Berliner Innensenator und die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) haben den Kreuzberger Plan schon in Bausch und Bogen abgelehnt. "Cannabis ist keine harmlose Droge", so Dyckmans.

Bezirksbürgermeisterin Herrmann erinnert an die Debatte um Methadon-Abgabe und Fixerstuben, sie sieht eine Chance für Coffeeshops: "Es ist nicht unmöglich." Selbst Kundin wird die Politikerin wohl nicht. Sie habe noch nie einen Joint geraucht, noch nicht mal in der Jugend, sagt die 49-Jährige. Die Geschichte der drogensüchtigen Christiane F. und der "Kinder vom Bahnhof Zoo" hat sie abgeschreckt.

Hier geht es zur Infostrecke: Das sollten Sie über Cannabis wissen

(dpa)
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