Ein Amtskandidat in Bayern hat offenbar eine ältere Rede des Dorstener Bürgermeisters Tobias Stockhoff in großen Teilen plagiiert.

Plagiat : Die Raubrede zu Rugendorf

Offenbar hat ein Amtskandidat in Bayern eine ältere Rede des Dorstener Bürgermeisters Tobias Stockhoff in großen Teilen plagiiert.

Eine fulminante Rede war das, die Tobias Stockhoff da hingelegt hatte. Mit ihr stellte sich der CDU-Mann den Dorstenern als neuer Bürgermeisterkandidat vor. Die Mühe lohnte sich: Stockhoff obsiegte, zwar nicht im ersten Wahlgang, aber dann doch überzeugend in der Stichwahl gegen seinen sozialdemokratischen Kontrahenten. Und obwohl sich dies alles bereits im Jahre 2014 nach Christi Geburt zugetragen hatte, blieben schöne Rede und nachfolgende Wahl ein attraktives Gesamtpaket, das man offenbar später und andernorts gerne in Empfang nahm. Kurzum: In Rugendorf bei Kulmbach soll sich jetzt der frisch gebackene Bürgermeister-Anwärter nahezu wörtlich an der Stockhoff-Rede bedient haben. Das hat die in Kulmbach erscheinende „Frankenpost“ herausgefunden. Aber nicht, weil die Journalisten dort jede politische Verlautbarung durch den Plagiats-Rechner schicken, sondern weil es ihnen doch irgendwie merkwürdig vorkam, warum der Kandidat der ÜWG (Überparteiliche Wählergemeinschaft) fürs Rugendorfer Bürgermeisteramt die Big Band Young People erwähnte. Die stammt aus Wesel, musizierte seinerzeit in Dorsten – und dürfte in Bayern so gut wie unbekannt sein.

Die Young People brachten also an den Tag, was man in der Wissenschaft gerne Plagiat nennt, was diesmal aber unter dem Etikett der „Raubrede“ firmiert. Klingt ein bisschen martialisch, also auch ein wenig politischer.

Wie blöd, könnte man nun böse denken; allerdings muss man einräumen, dass die Big-Band-Textpassage doch zu schön gewesen ist, in der Stockhoff, gebürtiger Dorstener und Diplom-Physiker, geradezu literarisch übers Bürgermeisteramt nachsinnt: Das sei nämlich wie das Amt des modernen Dirigenten, der „moderiert und motiviert, der Ideen und Ziele abfragt, der Interessen zusammenführt und gute Kompromisse anstößt“ usw.

Im unerbittlichen Kampf ums Bürgermeisteramt zu Rugendorf – im Gemeinderat hat Pro Rugendorf sieben Sitze, die ÜWG bloß fünf – waren diese Worte zu verführerisch gut, um sie nicht noch ein zweites Mal zu Gehör zu bringen. Der beschuldigte Amtsanwärter hat auf die Anfragen so reagiert, wie echte Politiker eben reagieren: Seiner Heimatzeitung gegenüber stritt er die Vorwürfe zunächst ab, sprach schließlich aber von so ein paar Leitfäden, bei denen man sich bedienen könnte. Während Stockhoff die Episode so kommentierte, wie es Sieger zu tun pflegen: generös nämlich. Das 39-jährige Plagiatsopfer bezeichnete das Gebahren des Bayern zwar als „dreist“, will aber in eigener Sache nichts unternehmen. Offenbar sei seine Rede – die damals auf der Homepage des Stadtspiegels hochgeladen wurde – ja wirklich gut gewesen, gab er zu bedenken. Überdies sei die Plagiatsenthüllung für den ÜWG-Mann „Katastrophe“ genug.

Zu bedenken ist aber auch, dass Politiker sich bei diversen Tiefsinnigkeiten berühmter Vorgänger ohnehin mal mehr, mal weniger bedienen. In aller Regel aber schmückt man sich dann mit der Quelle: wie schon Cicero sagte, oder Churchill oder auch Majestix. Warum also soll man sich künftig nicht ehrlicherweise auf den Dorstener berufen. „Wie schon Stockhoff sagte, sind Bürgermeister so etwas wie moderne Dirigenten ...“ Alle wüssten dann Bescheid, und vielleicht spielen anschließend noch die Young People. Wahlkampf in postmodernen Zeiten.

Was bleibt? Vielleicht noch der kleine, vermutlich ja unbedeutende und bestenfalls am Rande erwähnenswerte Hinweis, dass Rugendorf im Bundeswahlkreis Kulmbach liegt, in dem einst Karl-Theodor zu Guttenberg erfolgreich antrat.