Donald Trump und andere Narzissten: Ich! Ich! Ich!

Gesellschaft : Ich! Ich! Ich!

Teamgeist war einmal. Was jetzt zu zählen scheint, ist die One-Man-Show, der erfolgreiche Egomane. Aber: Narzissten sind oft unsicher, anfällig für Kränkungen, nachtragend. Eine Gesellschaft kann so nicht funktionieren. Eine Analyse

Auf einmal ist es wieder attraktiv, "Ich" zu sagen. Nicht meine Leute, meine Mannschaft, wir. So wie noch vor Kurzem, als alle von Teamgeist sprachen, von flachen Hierarchien, und Bescheidenheit zumindest rhetorisch zum guten Stil gehörte. Heute wird bewundert, wer sich selbstbewusst zu inszenieren versteht, wer Machtbewusstsein ausstrahlt, seine One-Man-Show genießt. Erfolg hat, wer Menschen für sich einnehmen und einen Raum beherrschen kann. Oder eine politische Bühne.

Es ist, als ob der Individualismus der Moderne in die Sackgasse des selbstgefälligen Egozentrismus liefe. Erst hat sich der Einzelne von engen Normen befreit, hat sich Spielraum zur Gestaltung seines persönlichen Lebensstils erobert. Doch was als Befreiung begann, gewinnt an Verbissenheit. Das Ich kreist in immer engeren Zirkeln um sich selbst, krampfhaft bemüht, ein gutes Bild abzugeben, Zuspruch zu bekommen. Gemocht zu werden.

Der Hunger wächst

In Zeiten, da viele Bindungen verhandelbar sind, ist Anerkennung ein knappes Gut. Etwas, das Sicherheit gibt. Also wächst der Hunger, gesehen zu werden, und immer mehr Menschen starren mit dem Blick der Anderen auf sich selbst, gierig nach dem eigenen Abbild.

Als Apple 2010 das erste Mobiltelefon auf den Markt brachte, das die Kameraperspektive wenden und auf den Fotografen richten konnte, schien das Phänomen der neuen Ich-Bezogenheit sein technologisches Äquivalent gefunden zu haben. Das Selfie als Ausdruck manischer Selbstvernarrtheit. Viel ist seitdem von Narzissmus die Rede, von dem krankhaften Selbstbespiegelungsverlangen einer ganzen Gesellschaft, vom kollektiven Wunsch, endlich aus Selbstzweifeln und Entfremdung erlöst zu werden - im Einswerden mit sich selbst.

Viele Verhaltensweisen der Gegenwart gelten als Symptome für diese Diagnose. Da muss man gar nicht mehr Touristen beschreiben, die mit dem Handy-Stick durch die schönsten Landschaften laufen und eigentlich nur sehen wollen, wie sie selbst aussehen. Wenn Jugendliche heute eine Party feiern, ist das Handy auf Live-Stream geschaltet. Dann wird für die Kamera Party gemacht und ängstlich registriert, welche Freunde andernorts sich zuschalten und Kommentare senden.

Es geht nicht mehr nur ums Beisammensein. Es geht ums Gesehenwerden. Darum, cool rüberzukommen, sexy auszusehen - im Urteil der anderen zu bestehen. Verbindliche Wertungsmuster haben sich ja aufgelöst. Die Frage "Bin ich okay?" ist nur im Spiegel der anderen noch zu beantworten.

Dazu passt der Boom der Fitness-Studios, in denen Körper auf Idealmaß gebracht werden. Dass Casting-Shows weiter Quote machen, die Fantasien vom Entdecktwerden bedienen. Dass immer mehr Menschen ihr Geld für Schönheits-OPs zusammenkratzen - darunter auch Männer. Dass Kindergeburtstage in Beautysalons für die Kleinen gefeiert werden, während die Erwachsenen in den sozialen Netzwerken an der Darstellung ihres Egos arbeiten. Man kann das für harmlose Trends halten. Man kann darauf hinweisen, dass der Begriff Narzissmus aus der griechischen Mythologie stammt, Selbstverliebtheit also eine alte menschliche Schwäche zu sein scheint. Und dass Egomanen wie Donald Trump wieder verschwinden werden. Möglich.

Geld und Ansehen

Doch leben wir in einer Zeit, die wegen des technologischen Fortschritts auf Perfektion setzt. Und rigoros definiert, was das ist. Behinderung etwa gilt dank Pränataldiagnostik inzwischen als vermeidbarer Unfall. Ob ein Leben glückt, wird nicht daran gemessen, ob ein Mensch sich nach seinen eigenen Maßstäben entfaltet, Bindungen aufbaut, Glück empfindet. Es geht um Erfolg, der sich in Geld und Ansehen messen lässt. In gestrafften Bildungsgängen lernen junge Leute, dass sie auf Effizienz setzen müssen, Erfolg aber niemandem mehr garantiert ist. Man fordert Flexibilität, meint aber Anpassung.

Es ist kaum verwunderlich, dass es vielen um Karriere geht. Um normiertes Glück. Um ein Aussehen, das Heidi Klums strengen Blicken genügt. Um Dinge und Erlebnisse, die in den sozialen Netzwerken Anklang finden. Um die Glücksversprechen des Konsums. Je wichtiger diese Dinge werden, desto größer wird die Angst, sie zu verpassen, nicht zu genügen, ausgeschlossen zu sein. Und mit dieser Angst wächst der Drang, das eigene Auftreten zu optimieren. In der neoliberalen Gesellschaft hat der Einzelne verinnerlicht, dass er allein für sein Glück verantwortlich sein soll. Natürlich überlässt er nichts dem Zufall. Und dann fotografiert man sich eben ständig selbst und sieht nach, ob alles okay ist. Und teilt das mit ein paar lässigen Sprüchen den anderen mit.

Jede Zeit entwickelt ihre Spielarten von Narzissmus. Vielleicht ist es deswegen so schwer, das Phänomen empirisch zu erfassen. Psychologische Studien zeigen, dass narzisstische Typen im Kern unsicher sind, anfällig für Kränkungen, nachtragend. Das kann daran liegen, dass sie als Kind vergöttert oder auch vernachlässigt wurden. In jedem Fall wurden sie nicht gesehen, wie sie sind, mussten sich verstellen, um zu hohen Erwartungen zu genügen oder wahrgenommen zu werden. Im Innern bleibt ein Gefühl des Ungenügens, das der Narzisst durch jene demonstrative Selbstgewissheit überspielt, die ihn attraktiv macht. Er konzentriert sich auf den eigenen Anblick wie der Jüngling in Caravaggios berühmtem Gemälde, weil er nur so sicherstellen kann, dass dem perfekten Bild, an dem ihm so viel liegt, nichts geschieht.

Wir müssen uns erinnern

Darum sind Narzissten oft mitreißend, setzen sich in Unternehmen durch. Doch eine Gesellschaft von Narzissten kann nicht funktionieren: Denn für ein Zusammenleben braucht es Menschen, die von sich selbst absehen und Bedürfnisse des anderen wahrnehmen können. Wenn eine Gesellschaft zu viele Egomanen hervorbringt und deren vermeintliche Stärke verehrt, schwindet auch die Fähigkeit, das Unperfekte zu akzeptieren, das Starke im Schwachen zu sehen.

Im griechischen Mythos wird der selbstverliebte Halbgott Narziss von einer Zurückgewiesenen mit den Worten verflucht: "So soll er denn sich selbst lieben, auf dass er niemals in der Liebe glücklich sei!" Vor langer Zeit wusste der Mensch bereits, dass er nur in Verbindung zu anderen glücklich werden kann. Zeit, sich daran zu erinnern.

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(dok)
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