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DLRG-Umfrage: Fast 60 Prozent der Zehnjährigen können nicht sicher schwimmen

Umfrage im Auftrag der DLRG : Fast 60 Prozent der Zehnjährigen können nicht sicher schwimmen

Sommerzeit ist Badezeit, insbesondere für Kinder. Doch die Mehrheit der Zehnjährigen in Deutschland kann nicht sicher schwimmen. Das geht aus einer aktuellen Forsa-Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hervor. Das habe sowohl familiäre als auch schulische Gründe.

Jahr für Jahr sterben hunderte Menschen beim Baden: Im vergangenen Jahr etwa hat die DLRG 537 Badetote in Deutschland registriert, 76 davon allein in Nordrhein-Westfalen. Die Lebensretter schätzen, dass bundesweit ein Drittel der Kinder und ein Viertel der Erwachsenen Nichtschwimmer oder schlechte Schwimmer sind, die sich entsprechend in der Badezeit in Gefahr begeben.

Nun hat die DLRG eine Umfrage des Instituts Forsa vorgestellt, die zeigt, wie gut oder schlecht die Deutschen schwimmen können. Gerade bei den Kindern im Grundschulalter stellten die Forscher fest, dass viele nicht mehr richtig schwimmen können. Demnach sind 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer.

Die Anzahl der schlechten Schwimmer hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, wie ein Vergleich mit der Forsa-Umfrage der DLRG im Jahr 2010 zeigt. Damals wurden 50 Prozent der Zehnjährigen als nicht sichere Schwimmer eingestuft.

Nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen mit Jugendschwimmabzeichen

Zwar haben nach der Umfrage 77 Prozent der Grundschüler das "Seepferdchen" absolviert, doch nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen haben ein Jugendschwimmabzeichen. Die DLRG aber betont, dass man erst als sicherer Schwimmer gilt, wenn man die Disziplinen für das Bronze-Abzeichen beherrsche. Das "Seepferdchen" bescheinige nur, dass sich ein Kind auf einer Strecke von 25 Metern über Wasser halten könne.

Ursachen dafür, dass immer weniger Kinder gut schwimmen können, sieht die DLRG sowohl im familiären als auch im schulischen Bereich. "In der Grundschule ist die Schwimmausbildung offenbar aus der Mode gekommen", sagt Achim Haag, Vizepräsident der DLRG. So hätten bei den befragten 14- bis 29-Jährigen nur 36 Prozent gesagt, sie hätten das Schwimmen in der Grundschule gelernt, bei den über 60-Jährigen waren es noch 56 Prozent. Auch von den Eltern hätten nur 27 Prozent geantwortet, ihre Kinder hätten Schwimmen in der Schule gelernt.

Rund 25 Prozent der Grundschulen ohne Zugang zu Schwimmbad

Die DLRG sieht einen Zusammenhang mit dem Rückgang des Schulschwimmunterrichts. Schon vor einem Jahr hatten Experten gewarnt, Stundenkontingente, Qualifikation der Lehrer und die Räume reichten nicht aus, um Nichtschwimmern bis zum Ende der Grundschulzeit Sicherheit im Wasser zu vermitteln.

Ein weiterer Grund laut der DLRG: Rund 25 Prozent der Grundschulen haben keinen Zugang zu Schwimmbädern. Denn oftmals sparen klamme Kommunen in diesem Bereich und schließen Bäder. Der Lehrplan in NRW sieht zum Beispiel vor, dass Grundschüler ein Jahr lang mindestens einmal pro Woche Schwimmunterricht haben müssen. DLRG-Vizepräsident Haag sagt: "Wenn diese Entwicklung so weitergeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer wird."

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Eine Alternative könnten Schwimmkurse sein, doch die Nachfrage ist vielerorts groß, wie einige Beispiele aus unserer Region zeigen: In Langenfeld und Monheim etwa sind die Kurse in der Regel sehr voll, zum Teil gibt es Wartezeiten von bis zu einem Jahr, ebenso in Grevenbroich. Auch in Tönisvorst und Willich hieß es vonseiten der DLRG im September 2016: "Bis Ende 2017 sind wir voll", auf die Warteliste werde erst einmal niemand mehr genommen. Im Kreis Viersen betrug die Wartezeit im vergangenen Jahr sogar bis zu drei Jahre. Im Bergischen Land bestehen ebenfalls lange Wartezeiten für Kinder, die bereits mit zwei oder drei Jahren angemeldet werden. Inzwischen helfen DLRG-Mitglieder mit Lehrscheinausbildung in zwei Grundschulen bei der Schwimmausbildung, denn bis zu 40 Prozent der eingeschulten Kinder konnten nicht schwimmen, sagt Günter Schuh, zweiter Vorsitzender der DLRG Wermelskirchen.

Im Kreis Heinsberg zeigt ein Projekt beim Unterfangen die Nichtschimmerquote zu reduzieren erste Erfolge. Dabei konnte die Quote der Kinder ohne Seepferdchen von 34 bis 70 Prozent auf 17 bis 35 Prozent gesenkt werden, zudem konnte die Quote der Kinder, die mindestens das Schwimmabzeichen in Bronze erreichten, auf durchschnittlich 34 Prozent erhöht werden.

In Mönchengladbach hat eine Umfrage vor zwei Jahren ergeben, dass jeder fünfte Viertklässler nicht schwimmen kann. Seitdem bietet die Stadt zusammen mit dem Stadtsportbund in den Ferien sehr kostengünstige Schwimmkurse für Grundschüler an. Die Nachfrage ist groß vor allem in den innerstädtischen Bädern, wo die Wasserzeiten aber knapp sind. Schwimmbad-Angestellten beobachten, dass die Schwimmfähigkeit der Kinder abgenommen hat. "Auch bei der Motorik gibt es immer mehr Defizite", sagt eine Sprecherin vom städtischen Bäderbetrieb NEW. Und: "Wir haben auch immer wieder Anrufe von Lehrern der Klassen 5 bis 10, die anfragen, ob wir einen Nichtschwimmerbecken haben, weil es einige Schüler gibt, die nicht schwimmen können."

"Das Ziel, dass alle Viertklässler schwimmen können, werden wir nie zu 100 Prozent erreichen", sagt Mönchengladbachs Schulamtsdirektor Ralf König. Dafür gebe es zu viele Faktoren, die eine Rolle spielen — familiäre, soziale, "und ein Kind mit extremer Angst vor Wasser wird auch nie richtig schwimmen lernen", sagt König. Dass Kindern heute nachgesagt wird, sie hätten große motorische Defizite, seien auch die Erwachsenen sowie die vielen Sicherheitsvorschriften schuld.

Die Umfrage zeigt übrigens nicht nur ein Problem bei den jüngeren Schwimmern, sondern auch bei den älteren. Demnach bezeichnen sich in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen 61 Prozent als gute Schwimmer, bei den Befragten ab 60 Jahre sind es nur noch 36 Prozent der Befragten, die das von sich behaupten.

Mitarbeit: Gabi Peters, Thomas Gutmann

(das)