Serie Deutsche Momente (10): Die Schleyer-Entführung

Serie Deutsche Momente (10) : Die Schleyer-Entführung

Düsseldorf (RP). Am 5. September 1977 entführten RAF-Terroristen in Köln Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Es begannen die spektakulärsten sechs Wochen der Bundesrepublik: Am 13. Oktober 1977 folgte die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut". Nach deren erfolgreicher Erstürmung wurde Schleyer von seinen Kidnappern ermordet.

25. Oktober 1977: Requiem für den von RAF-Terroristen ermordeten Hanns Martin Schleyer in St. Eberhard, Stuttgart. Kirchenbank, erste Reihe.

Niemand, der damals Zeitzeuge war, wird je das Bild vergessen, das eine furchtbare Vorgeschichte hatte: Waltrude Schleyer, die Witwe, dunkel getönte Brillengläser, regungslos in ihrer tiefen Bitterkeit. Rechts neben ihr Bundeskanzler Helmut Schmidt, mehr hockend als sitzend, emotional sichtbar bis ins Mark getroffen, schuldlos schuldig gewordener, auf klassische Weise tragisch verstrickter Repräsentant der Staatsräson.

Man fragte sich als Beobachter der grausig-bedrückenden Szene, wie ein Mensch, und sei er sonst auch so ein harter, selbstbeherrschter Knochen wie der Kanzler Schmidt, das psychisch durchstehen kann: auf Tuchfühlung neben der Witwe Schleyers, dessen Ermordung vom Staat in Kauf genommen wurde (werden musste), weil der Staat der Erpressung der Terroristen nicht nachgeben wollte (konnte).

"Ich war verstrickt in Schuld"

Die Witwe sagte noch Jahre später, sie habe sich nie damit abgefunden, dass der Staat ihren Mann geopfert habe. Helmut Schmidt, der schweigend Leidende aus der Kirchenbank, die Fleisch gewordene Res publica im Trauerrock, drückte drei Jahrzehnte danach aus, was wir Zeitzeugen damals sehen, spüren konnten: "Ich war verstrickt in Schuld — Schuld gegenüber Schleyer und gegenüber Frau Schleyer."

Auch die eingangs erwähnte "furchtbare Vorgeschichte" der Szene beim Stuttgarter Requiem hat sich uns Älteren ebenso eingebrannt wie schockartige Momente jüngeren Datums: unvergesslich, atemraubend das Bild des Grauens am 5. September 1977, kurz vor 18 Uhr in der Vincenz-Statz-Straße in Köln. Die ruhige Wohnstraße war zu einem der schlimmsten Tatorte in der Geschichte der Bundesrepublik geworden.

Auch wenn es abgegriffen klingt: Man hielt den Atem an bei dem, was man sah, sehen musste: die — wie die Spurensicherung feststellte — von 119 Schüssen zerfetzten Leichen von Schleyers Chauffeur Heinz Marcisz und der Sicherheitsbeamten Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer. Natürlich wurden sie mit Planen zugedeckt.

An dem bis spät in den Abend grell ausgeleuchteten Ort eines Massakers standen drei Mercedes-Pkw — einer zur Hälfte auf Bürgersteig und Straße, als Hindernis quergestellt von den Attentätern, dann die kollidierten Wagen Schleyers und der Polizisten — zerschossene Scheiben ringsum, zwischen den Leichen Splitter und Karosserie-Bruchstücke.

Bedrückend und anspannend

Schleyer jedoch, der bullige Präsident des Arbeitgeberverbandes, war nicht da, wie vom Erdboden verschwunden, von der RAF entführt, wie am Tag nach der Tat die Verbrecher des "Commandos Siegfried Hausner" der Bundesregierung Schmidt mitteilten.

Wir rätselten: Würde Kanzler Schmidt, der in Bonn rasch einen überfraktionellen Großen Krisenstab ins Leben rief, den Forderungen der Mörder und Entführer nachgeben? Die Forderung lautete: Freilassung Schleyers gegen Freilassung der zu lebenslanger Haft verurteilten, im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim einsitzenden Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Irmgard Möller und anderer Schwerverbrecher.

44 Tage verstrichen. Man empfand die sechs Wochen als so bedrückend und anspannend, wie man es zuvor nicht erlebt hatte. Ein Staat im Ausnahmezustand, die Regierung, der Große Krisenstab des Landes erpresst, genötigt, herausgefordert wie noch nie seit Gründung der Bonner Republik 1949. Uns Zeitzeugen packten ohnmächtige Wut und heiliger Zorn beim Anblick der wenigen Lebenszeichen Schleyers.

Die Videobotschaften der Verbrecher zeigten einen gedemütigten Gefangenen, einen erniedrigten Mann im Unterhemd, ja einen Märtyrer. Mit jeder Woche, die verstrich, ohne dass Schleyers Versteck ausfindig gemacht wurde und ohne dass die Staatsführung den Verbrechern nachgab, ahnten wir: Schleyer wird das nicht überleben.

Irrflug der "Landshut"

Dann folgte der 13. Oktober, das Massaker in Köln lag fünf Wochen zurück. Ich erinnere mich an die erste Meldung, wonach eine Lufthansa-Maschine, die von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main fliegen sollte, "offenbar gekidnappt" worden sei. Sodann die ungeheuerliche Gewissheit, welche die Dimension bisheriger Terrortaten überstieg: Palästinensische Gesinnungsgenossen der Schleyer-Entführer hatten den Jet mit dem harmlosen, unvergesslichen Namen "Landshut" in ihre Gewalt gebracht.

Nicht nur der arme Schleyer, auch 86 Passagiere und sechs Crew-Mitglieder waren plötzlich Geiseln von Terroristen zum Zwecke der Gefangenen-Befreiung im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Wir dachten: Das hält der Kanzler nicht durch, er wird nicht Schleyer und 92 andere Menschen durch Hartbleiben in den sicheren Tod schicken. Es begann der mehrtägige Irrflug der "Landshut", der für die 92 mit jedem Zwischenstopp, ob in Rom, Athen oder Aden, mehr zur Höllenqual wurde.

In Aden ein weiteres Schreckens-Bild, das man nicht vergisst: Die Verbrecher entledigten sich des Leichnams von "Landshut"-Kapitän Schumann. Er war von dem Anführer der Kidnapper exekutiert worden. Wiederum kalte Wut, heiliger Zorn, Entsetzen über das Böse schlechthin, das kein Film, vielmehr die nackte Wahrheit war. Und dazu das überbordende Gefühl: Das kann kein gutes Ende nehmen für die nunmehr nur noch 91. An den armen Hanns Martin Schleyer dachte man da bereits weniger, es stand die akute Lebensgefahr für die vielen gegen das furchtbare Los eines Einzelnen.

Doppelakt des Erlösenden und Grausamen

Wenn man es nicht schon seit dem 5. September war — ab dem 13. Oktober jenes Terror-Jahres vor 34 Jahren wurde jedermann zwischen Kiel und Konstanz zum Nachrichten-Junkie. Und — ich gestehe es — Hass- und Rachegefühle gegen die ruchlosen Mörder, Kidnapper, Erpresser keimten, und sie kämpften gegen das Wissen an, dass der Rechtsstaat sich nie und nimmer auf das erbärmliche Niveau derjenigen begeben durfte, die ihn bis aufs Äußerste herausforderten.

Dann das Ende, es war ein Doppelakt des einerseits Erlösenden und andererseits Grausamen in der Nacht des 18. Oktober in Mogadischu (Somalia) und am 19. Oktober in Mühlhausen (Elsass). Man hatte das Ohr am Radio, mochte die Nachricht aus dem fernen afrikanischen Somalia kaum glauben, als es nach Mitternacht hieß, eine Sondereinheit des Bundesgrenzschutzes habe die "Landshut" auf dem Flugplatz in Mogadischu gestürmt, die vier arabischen Kidnapper unschädlich gemacht und sämtliche Geiseln weitgehend unversehrt befreien können.

Wir Deutschen waren im Freudentaumel — aber nur für kurze Zeit. Irgendwo im französisch-deutschen Grenzgebiet fällten Schleyers Entführer als Antwort auf "Mogadischu" ein Todesurteil. Sie schleppten ihr Opfer in ein Waldgebiet, fesselten es und schossen ihm dreimal in den Hinterkopf. Ich erinnere mich an das Zeitungs- und Fernseh-Standbild mit dem "Audi 100", in dessen Kofferraum der Leichnam Schleyers lag.

Ein Ende mit Schrecken, obwohl Schleyers Tötung niemanden wirklich überraschte. Sie entsprach der kranken Logik der RAF. Ich höre noch heute Kanzler Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling mit vor Zorn bebender Stimme und um Fassung ringend sagen, jetzt werde man Schleyers Mörder jagen.

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