Experten zu sexuellem Missbrauch: "Die Kinder senden Signale"

Experten zu sexuellem Missbrauch: "Die Kinder senden Signale"

Düsseldorf (RPO). Die zahlreichen Missbrauchsfälle in Schulen und Internaten, die seit einigen Wochen an die Öffentlichkeit dringen, schockieren Deutschland. Oftmals schweigen die Opfer über Jahre – oder ihre Hilferufe werden nicht als solche erkannt. Worauf muss man achten und was kann getan werden? Experten beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema Missbrauch.

Düsseldorf (RPO). Die zahlreichen Missbrauchsfälle in Schulen und Internaten, die seit einigen Wochen an die Öffentlichkeit dringen, schockieren Deutschland. Oftmals schweigen die Opfer über Jahre — oder ihre Hilferufe werden nicht als solche erkannt. Worauf muss man achten und was kann getan werden? Experten beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema Missbrauch.

Woher kommen die Täter? Menschen, die sich an Kindern vergehen, kommen zu 85 Prozent aus dem sozialen Umfeld. Bei diesem "Nahbereich" handelt es sich um Nachbarn, Freunde, Lehrer oder Sport-Trainer handeln. Eltern und Verwandschaft gehören ebenfalls dazu. Als Täter treten fast ausnahmslos Männer in Erscheinung. "Ihnen geht es weniger um Sexualität als um die Ausübung von Macht", sagte Annette Becker, Hauptkommissarin bei dem Kommissariat Vorbeugung der Polizei in Düsseldorf.

Wie viele Kinder sind betroffen? Die Polizei geht davon aus, dass jedes dritte bis fünfte Mädchen und jeder sechste bis achte Junge in Kontakt mit sexuellem Missbrauch kommt. Allerdings werden bereits vergleichsweise geringfügige Fälle wie beispielsweise ein Spanner im Schwimmbad statistisch gewertet. "Die wirklich gravierenden Fälle liegen deutlich geringer", erklärte Becker. Von den Opfern seien rund zwei Drittel Mädchen, da diese aufgrund ihrer oftmals zurückhaltenden Art weniger Widerstand leisteten.

Laut einer Statistik des Bundeskriminalamts wurden 2008 rund 15.000 Kinder sexuell missbraucht. Doch das sind nur die Fälle, die den Behörden gemeldet wurden. Die Dunkelziffer liegt nach Expertenschätzungen bei 90 Prozent.

Was kann auf einen Missbrauch hinweisen? "Es gibt keine typischen Hinweise, das ist das Problem", sagte Becker. "Kinder, die betroffen sind, senden Signale. Diese zu verstehen, ist schwierig. Sie verändern sich." Solche Verhaltensänderungen sollten Alarmsignale sein. Wenn sich ein Kind plötzlich weigert bzw. nur noch ungern zum Großvater oder zum Nachhilfelehrer geht, sollten Eltern hellhörig werden. Allerdings müssen Verhaltensänderungen keinesfalls immer auf Missbrauch beruhen. So mache sich zum Beispiel Mobbing in der Schule genauso bemerkbar, sagte der Psychologe Andreas Böhmelt aus Münster. Er warnte zudem vor "Hysterie" und vorschnellen Verdächtigungen.

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Wie sollten Eltern reagieren? Sie sollten das Gespräch mit den Kindern suchen, wenn sich deren Verhalten auffällig ändert. Allerdings dürfen sich die Kinder nicht bedrängt fühlen. Eine konfrontative Aufforderung sei nicht sehr erfolgsversprechend, warnte Böhmelt. "Sie müssen sich vorsichtig an ein solches Gespräch herantasten", empfahl Becker. Als Ausweg bleibt zudem, sich an eine professionelle Beratungsstelle zu wenden.

Wie wichtig ist das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern? Entscheidend ist, dass Eltern den Kontakt und den Gesprächsfaden zu ihren Kindern nicht verlieren. In einem gesunden Umfeld könnten sich die Kinder irgendwann offenbaren, zeigte sich Böhmelt überzeugt. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bleibe ein Missbrauch etwa an einer Schule oder in einem Verein dann nicht unerkannt.

Wieso schweigen viele Opfer? Viele Täter setzen ihre Opfer unter Druck. Meistens besteht ein Vertrauensverhältnis. "Die Täter wissen, was sie den Kindern erzählen müssen", sagte Becker. Drohungen, dass der Bekannte ins Gefängnis muss oder die Mutter krank wird, wenn die Kinder reden sollten, sind ein übliches Vorgehensmuster. Viele Opfer können zudem gar nicht artikulieren, was mit ihnen gemacht wird.

Wenn die Kinder etwas älter sind, realisieren sie eher, was genau ihnen angetan wird. In fortgeschrittenem Alter kommt die Scham als Hemmschwelle für eine Offenbarung gegenüber Vertrauensperson hinzu. Zudem fühlen sich viele Opfer schuldig. "Dass Opfer sich nicht outen, kann ich in der Regel gut nachvollziehen. Viele leiden unter post-traumatischen Stressstörungen, die meisten sind nach einem Missbrauch ziemlich gestört", sagte Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Aachen.

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