Bombenfund im Bonner Hauptbahnhof: Die islamistische Gefahr am Rhein

Bombenfund im Bonner Hauptbahnhof : Die islamistische Gefahr am Rhein

Die Polizei sucht nach dem Bombenfund im Bonner Hauptbahnhof nach einem dunkelhäutigen Mann im Alter zwischen 30 und 35 Jahren. In der Nacht wurde ein Phantombild veröffentlicht. Ein Schüler will den Gesuchten beim Ablegen der Tasche beobachtet haben. Der aktuelle Fall macht deutlich: Das Rheinland wird immer wieder Schauplatz islamistischer Gewalt.

Zuvor hatten die Behörden zwei zunächst in Gewahrsam genommene Männer wieder freigelassen. Ein erster Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen, teilte die Polizei am Dienstagabend mit. Die Männer waren zuvor als mutmaßliche Islamisten ins Visier der Ermittler geraten. Allerdings hätten sie nie als Tatverdächtige gegolten, sagte der Bonner Staatsanwalt Robin Faßbender.

Es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass das Rheinland ins Visier der Islamisten rückt. Wieder ist es Bonn. Wieder der Bahnhof. Gewaltbereite Islamisten haben es augenscheinlich weiterhin auf die Rheinschiene abgesehen. Vor sechs Jahren sollten viele Menschen in Regionalzügen auf dem Weg zwischen Koblenz und Köln sowie Aachen und Dortmund sterben. In Düsseldorf nahmen die Fahnder eine Islamistenzelle unter Anschlagsverdacht hoch. Der Düsseldorfer Prozess gegen die Sauerland-Gruppe, die gewaltige Bomben zusammenmischen wollte, ermöglichte tiefe Einblicke in die islamistische Terrorszene. Und gerade erst ist der Prozess gegen einen Islamisten zu Ende gegangen, der in Bonn mit dem Messer auf Polizisten eingestochen hatte.

Auslöser Mohammed-Karikaturen

Stets ist Reue anschließend ein Fremdwort. Die Islamisten, die bislang dingfest gemacht werden konnten, wollten mit Gewalt ihre Überzeugungen durchsetzen — und fühlten sich durch ihren Glauben dazu berufen. Bei den Kofferbomben vom Sommer 2006 war für den zu lebenslanger Haft verurteilten Attentäter die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in deutschen und dänischen Zeitungen der Auslöser.

"Der Angeklagte sah in diesen einen nicht zu verzeihenden Angriff auf den Propheten Mohammed, den Islam und damit die gesamte islamische Welt, den er auf keinen Fall tatenlos hinzunehmen bereit war", lautete die Überzeugung des Gerichtes nach monatelanger akribischer Aufklärung der Beweggründe von Youssef El H. (24). Seine Zünder hatten zwar funktioniert, wegen einer Fehlkonstruktion hatten sie aber nicht zur Detonation der Gasflaschen geführt, sonst hätten sich die Abteile zweier Regionalzüge in Feuerhöllen verwandelt, wären viele Menschen ums Leben gekommen.

In Abwesenheit zu lebenslang verurteilt

"Lebenslang wegen versuchten vielfachen Mordes", lautete das Urteil. Der Täter behauptete, er habe die Sprengsätze bewusst zur Attrappe machen wollen. Dagegen sprachen Zeugenaussagen, wonach H. ursprünglich vorgehabt haben soll, während der Fußball-WM einen Bombenanschlag auf ein Stadion zu verüben und die Hohenzollernbrücke in Köln in die Luft zu jagen. Sein Komplize war im Libanon zuvor schon zu zwölf Jahren, er selbst in Abwesenheit ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Sechs Jahre verhängte das Bonner Landgericht inzwischen gegen einen 26-jährigen Islamisten, der am 5. Mai dieses Jahres "wie unter Strom" auf Polizisten am Rande einer in Gewalt ausufernden Salafisten-Demonstration eingestochen hatte. Er sei "gläubiger Muslim" und daher "verpflichtet" gewesen, gegen die Polizisten vorzugehen, gab er vor Gericht zu Protokoll. Schließlich hätten diese das Zeigen von islamfeindlichen Karikaturen durch eine rechtsextreme Partei nicht verhindert.

Vorgehen "berechtigt"

Als "Problem" sah er nicht seine Bluttat an, sondern dass der deutsche Staat die Karikaturen erlaube. Die islamischen Werte erlaubten nicht, den Propheten anzugreifen. Deshalb sei sein Vorgehen "berechtigt" gewesen, ja mehr als das: Er habe nur islamische Vorschriften befolgt. Und die besagten nach Überzeugung der Gelehrten: "Wer den Propheten beleidigt, der verdient den Tod."

Genau an diesem Punkt setzte die Kritik der Polizeigewerkschaft an. Die Anklage hatte nämlich den Tötungsvorsatz von Murat K. fallen gelassen. Der Täter hatte jedoch mit "voller Wucht" auf die Oberschenkel dreier Polizeibeamter eingestochen. Zwei von ihnen, ein Mann und eine Frau, konnten in Notoperationen gerettet werden. Der Dritte blieb leicht verletzt. Nach dem Eindruck von Polizisten habe der Täter auch ihren Tod in Kauf genommen. Nur wenige Zentimeter weiter Richtung Hauptschlagader — und die Kollegen wären vielleicht verblutet.

Grenzenloser Hass

Die Gerichtsverfahren enthüllen den grenzenlosen Hass von Islamisten, die als kleine, aber sehr gewaltbereite Minderheit in deutschen Städten leben. Und die insbesondere von der salafistischen Szene, für die nur noch die angeblich "reine Lehre der Altvorderen" die Erfüllung im Glauben verspricht, leicht aktiviert werden kann. Bei der Bonner "Demonstration" wurden 29 Polizisten verletzt und 109 Gewalttäter festgenommen.

NRW-Innenminister Ralf Jäger reagierte auf die Eskalation mit Entsetzen. Von einer "besonderen Gefährdung für die Sicherheit Deutschlands" sprach auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit Blick auf den Salafismus. Er liefere die ideologische Basis für diejenigen, die dann gewalttätig würden. Wenige Wochen später reagierte Friedrich mit einer bundesweiten Razzia gegen Einrichtungen unter Islamismus-Verdacht und mit dem Verbot der Organisation Millatu Ibrahim.

"Abrechnung mit Deutschland"

Doch einige der davon Betroffenen gingen nach Erkenntnissen deutscher Verfassungsschützer in den Nahen Osten, um dort eine Art deutschsprachiges Medienzentrum aufzubauen. Darüber versuchen sie, Einfluss auf Islamisten in Deutschland zu nehmen. Prompt gab es kurz darauf ein erstes Drohschreiben unter der Überschrift "Abrechnung mit Deutschland", in dem zum Mord an deutschen Politikern aufgerufen wurde.

Die hektischen Reaktionen nach dem Fund der verdächtigen Tasche in Bonn erinnerten mit den Straßenkontrollen an die erhöhte Sicherheitsstufe, die der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière im November vor zwei Jahren ausgerufen hatte. Auf allen deutschen Flughäfen zogen Polizisten mit Maschinenpistolen auf, die Zugänge zum Reichstag wurden weiträumig abgesperrt, nachdem es konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag auf das deutsche Parlament gegeben hatte. Auch von einem Attentat "im Mumbai-Format" war die Rede. In der indischen Küstenstadt hatten zwei Jahre zuvor Terroristen ein Hotel gestürmt, über 160 Menschen starben bei den Feuergefechten.

Der verschärfte Terroralarm wurde zwar Ende Januar vergangenen Jahres wieder ausgesetzt, eine völlige Entwarnung konnte de Maizière jedoch "in absehbarer Zeit nicht in Aussicht stellen". Und auch sein Nachfolger Friedrich sagte unserer Zeitung: "Wir haben eine unveränderte Gefährdungslage, es gibt keine Entwarnung." Nach wie vor befänden sich deutsche Städte "im Fadenkreuz des Terrors".

(may-)
Mehr von RP ONLINE