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Kritik nach Hitzepannen reißt nicht ab: Die Bahn erlebt ein Kommunikationsdesaster

Kritik nach Hitzepannen reißt nicht ab : Die Bahn erlebt ein Kommunikationsdesaster

Düsseldorf (RPO). Für die Bahn entwickelt sich das Hitze-Chaos in ihren Zügen zu einem echten Desaster. Es sind weniger die technischen Herausforderungen, die den Managern Sorgen bereiten dürften. Vielmehr erweisen sich die dreisten Beschwichtigungsversuche des Konzerns als Bumerang. Die Medien haben für die Bahn nur noch ätzenden Zynismsus übrig.

Man muss sich die Dinge noch einmal vor Augen führen: Ein Konzern erhebt den Anspruch, zu den globalen Profis in Sachen Personenbeförderung zu zählen - und ist nicht in der Lage, in ihren Zügen für erträgliche Temperaturen zu sorgen. Stattdessen finden zahllose Passagiere dort Bedingungen vor, die eher an eine Extremsituation in einem Survival-Training erinnern als an eine komfortable Reise. Am Samstag kollabierten gleich dutzende Jugendliche, Passagiere lagen auf den Gängen, bei manchen machte sich Panik breit. Ein Sprecher der Bahn versuchte daraufhin die Lage als Einzelfall zu bagatellisieren.

Schon schnell aber zeigt sich, dass davon nicht die Rede sein kann. Kunden klagen bundesweit über überhitzte Züge. Der Fahrgastverband Pro Bahn sagte unserer Redaktion, es seien keinesfalls nur drei Züge betroffen gewesen. "Dass die Bahn dies als Einzelfälle bezeichnet, ist völlig falsch", erklärt Sprecher Harmut Buyken. Es komme immer wieder vor, dass Klimaanlagen bei der Deutschen Bahn ausfielen. Schon am Montag bestätigt sich die Aussage. Das Technische Hilfswerk (THW) hat auf dem hannoverschen Hauptbahnhof tausende überhitzte und im Verkehrschaos gestrandete Reisende mit Wasser versorgen. Ein Notfallmanager der Bahn habe das THW um den Einsatz gebeten.
Weitere Hinweise der Bahn zur Erklärung der Ausfälle machen die Sache eher schlimmer. Es sei die Kombination von überfüllten Zügen und außergewöhnlich hohen Temperaturen gewesen, hieß es. Der Eindruck, den die Aussage hinterlässt, weckt noch mehr Zweifel an dem Unternehmen: Sind die Züge der Bahn nur für den Durchschnittsfall gebaut? Auch die Vorfälle vom Wochenende zeigten: Die Bahn war nicht auf den Krisenfall vorbereitet.

Nicht das erste Kommunikations-Desaster

Nicht zum ersten Mal erlebt die Bahn damit ein Kommunikations-Desaster. Schon im Winter hatte die Bahn Probleme — sowohl mit dem Wetter als auch dem Umgang mit Kunden und Öffentlichkeit. Damals im Februar legte der schneereiche Winter die Bahn lahm. Das Unternehmen beklagte sich über die Kälte und machte auch noch den Pulverschnee für die Ausfälle verantwortlich. Der einzige Schluss, den mögliche Bahnkunden für sich daraus ziehen können: Lieber auf die Fahrt mit der Bahn verzichten. Weitere Hitze-Pannen sind im Sommer nicht auszuschließen und wenn die Klimaanlage versagt, hat das Unternehmen noch nicht einmal für den Notfall vorgesorgt.

Die Reaktionen, die nun seit Sonntag auf das Unternehmen einprasseln, sind verheerend. Kunden sind verschreckt, Politiker und Gewerkschafter kritisieren, die Bahn habe für den angestrebten Börsengang an der Sicherheit der Kunden gespart, die Kommentatoren in den Medien schütten ganze Kübel voller Hohn und Spott über dem Unternehmen aus. Der Konzern möge doch am besten in ein Land umsiedeln, wo es weder friert noch heiß ist, heißt es da mit bissigem Zynismus.

Die Bahn versucht zu retten, was zu retten ist. Sie sagt den Opfern Entschädigung zu sowie eine lückenlose Aufklärung. Der Vorwurf, dem sie sich zu stellen hat, ist von Gewicht. Um eine bessere Rendite erwirtschaften zu können, habe sie über Jahre überfällige Investitionen zurückgestellt und an der Wartung gespart. "Da hat man über Jahre hinweg an den laufenden Ausgaben gespart, damit man eine schöne Börsenbilanz bekommt", bemängelte am Dienstag Winfried Hermann, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag, im Interview mit der "Neuen Presse" aus Hannover. Man habe zu lange bei der Wartung und den Erneuerungen gespart. "Jetzt ist es heiß, und jetzt hat man den Schlamassel", so Hermann.

Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht die Verantwortung für die Probleme nicht allein bei der Bahn, sondern spielt den Ball zurück in die Politik. "Wenn die Bahn an der Wartung und an der Ausstattung der ICE-Züge mit besserer Technik spart, dann ist das das Ergebnis der Politik der Regierungen Kohl, Schröder und Merkel," erklärt Rainer Engel, Rechtsexperte bei Pro Bahn. Das Problem der Klimaanlagen zeige, dass die Deutsche Bahn AG vor dem finanziellen Kollaps steht, wenn die Bundesregierung die Rahmenbedingungen nicht ändert.

Mit Agenturmaterial

Hier geht es zur Infostrecke: Hitzepannen: Kübel voll Hohn und Spott für die Bahn

(rpo/afp/ddp/ots/dapd)