Harter Winter: Deutschland zittert vor der kältesten Nacht

Harter Winter: Deutschland zittert vor der kältesten Nacht

Eiszeit, Extremfrost und immer mehr Kältetote: Mindestens 120 Menschen sind in Europa bereits den sibirischen Temperaturen zum Opfer gefallen. In Deutschland erfroren mehrere Menschen. Heute erwartet das Land die kälteste Nacht des Jahres. Auch in NRW bereiten sich die Menschen vor.

Besonders von der Eiseskälte betroffen sind die Obdachlosen im Land, von denen laut NRW-Sozialministerium nur rund 11.000 in Notunterkünften unterkommen. Landesminister Guntram Schneider (SPD) forderte am Donnerstag, Wohnungslose sollten sich in dieser Zeit auch in U-Bahnschächten und Einkaufszentren aufwärmen dürfen. "Auch wenn Vorschriften dagegensprechen sollten, brauchen wir unkonventionelle Lösungen", erklärte Schneider in Düsseldorf.

In Magdeburg starb ein 55 Jahre alter Mann. Nach Auskunft der Polizei dürfte er der erste erfrorene Obdachlose in diesem Jahr in Deutschland sein. In Niedersachsen starb ein gehbehinderter Rentner in der Eiseskälte. Ein Spaziergänger habe die Leiche des 69-Jährigen am Donnerstag auf einem Feldweg zwischen Harderode und Bremke entdeckt, teilte die Polizei in Hameln mit. Es spreche alles dafür, dass der Mann in der eiskalten Nacht an Unterkühlung gestorben sei.

Den Toten in Magdeburg hatte eine Passantin auf einer Bank vor einem Geschäft entdeckt. Am Mittwoch war in Stendal im Norden Sachsen-Anhalts eine 73 Jahre alte Frau beim Eisbaden in einem See ums Leben gekommen. In der Nacht zum Sonntag war in Leegebruch bei Berlin eine 55-Jährige erfroren, nachdem sie in einen Wassergraben gefallen war.

Deutschland erwartet die kälteste Nacht des Winters

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet von Donnerstag auf Freitag die kälteste Nacht dieses Winters. "Es kann noch einmal zwei, drei Grad kälter werden", sagte Meteorologe Helmut Malewski am Donnerstag in Offenbach. Die Temperaturen waren an manchen Orten Deutschlands in der Nacht zum Donnerstag bereits auf bis zu minus 20 Grad gefallen. Der DWD registrierte zum Beispiel in Marienberg im Erzgebirge minus 20,6 Grad. "Es bleibt überall bei Frost", sagte der Wetterexperte. "Das wird auch die kommende Woche - so wie es aussieht - andauern."

Verkehrsprobleme gab es auch in Nordrhein-Westfalen: Gefrorenes Löschwasser hat auf den Autobahnen 59 und 3 über Stunden den Verkehr lahmgelegt. Die Feuerwehr musste brennende Fahrzeuge löschen - durch den strengen Frost gefror das Löschwasser sofort.

Probleme wird es auch an Deutschlands Küsten geben: Meteorologen erwarten ein Schneechaos. Grund dafür ist minus 45 Grad kalte Luft, die auf das relativ warme Wasser der Nordsee trifft. Dadurch entsteht ein kleines Tiefdruckgebiet. Diese Wetterlage sorgt regelmäßig für große Schneemengen an den deutschen Küsten.

Im Osten Europas ist die Lage deutlich dramatischer. Die Kirchen forderten mehr Solidarität mit Obdachlosen. Vor allem im Osten Europas ist die Lage schlimm. In der Ukraine erhöhte sich die Zahl der Erfrorenen um 20 auf 63, wie das Zivilschutzministerium am Donnerstag mitteilte. In Polen starben nach Angaben des Innenministeriums in Warschau bisher 29 Menschen.

Lage in Ukraine dramatisch

Bei Temperaturen von stellenweise minus 30 Grad Celsius wurde die Lage in der Ukraine immer dramatischer, wie Medien am Donnerstag berichteten. Die meisten Kälteopfer dort waren Obdachlose. Nach Angaben des Zivilschutzministeriums wurden in den vergangenen sechs Tagen mehr als 900 Menschen wegen Erfrierungen und Unterkühlungen in Krankenhäuser gebracht. Die Zahl der Wärmestuben stieg auf mehr als 2000.

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In Rumänien wurden bisher mindestens 22, in Bulgarien zehn Tote gezählt. In Tschechien kostete die Kälte seit Wochenbeginn mindestens sieben Menschen das Leben. In Österreich stürzte eine 83-Jährige beim Spaziergehen und erfror.

Die evangelische und die katholische Kirche mahnten zu mehr Aufmerksamkeit im Umgang mit Wohnungslosen. "Keiner soll den Kältetod sterben", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, der "Passauer Neuen Presse". Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund sagte: "Wir dürfen nicht wegsehen." Obdachlose anzusprechen und ihnen Hilfe zu vermitteln, sei "ein Gebot menschlicher Vernunft". Die Behörden im Elsass stellten mehr als 400 zusätzliche Bettenplätze für Obdachlose bereit.

Über 30 Grad Minus im Baltikum

Eisige Kälte auch im Baltikum: In Lettland wurde am Donnerstagmorgen in der Region Zoseni mit minus 30,7 Grad der bisherige Kälterekord für den 2. Februar aus dem Jahr 1976 übertroffen, teilten lokale Wetterinstitute mit. Auch am internationalen Flughafen Riga zeigte das Thermometer mit minus 23,8 Grad einen neuen Tiefstwert für die lettischen Hauptstadt für diesen Tag an - verglichen mit dem 2. Februar 1942.

In Norditalien blockierten Eis und Schnee ebenfalls Straßen und Schienen. An der südlichen Adria lag am Donnerstag Schnee, was dort sehr selten ist. Auch an den kroatischen Küsten schneite es.

Der strenge Winter machte auch den Menschen in der Türkei zu schaffen: Dort störten Schneefälle den Verkehr und die Energieversorgung. Auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul seien am Vortag 180 Flüge ausgefallen, berichteten türkische Medien am Donnerstag. Ein Frau starb in den Trümmern ihres von einer Lawinen verschütteten Hauses in dem Dorf Secmen im Südosten. In ländlichen Regionen im Osten seien etwa 1000 Straßen zu Dörfern nicht mehr zu befahren. Teilweise sei das Stromnetz zusammengebrochen.

Auch Zoos müssen heizen

Viele Zoos im Land drehen momentan extra die Heizung in ihren Tierhäusern hoch. Weil ihnen sonst Füße und Ohren einfrieren, dürfen gerade Elefanten und Nashörner immer nur ganz kurz ins Freie. Und sogar Pinguine bibbern bei dem Frost: "Wir halten hier tropische Humboldtpinguine, die haben es lieber etwas wärmer", erklärte eine Zoosprecherin in Krefeld. Deshalb habe der Zoo ihre Schlafhöhlen mit Heu ausgepolstert. Aber auch die freilebenden Tiere brauchen jetzt die Hilfe der Menschen.

Es bleibt kalt

Entwarnung gibt es noch nicht: Hoch "Dieter" bringt von Russland weiter eiskalte Luft nach Deutschland. "Es bleibt überall bei Frost", sagte der Wetterexperte. "Das wird auch die kommende Woche - so wie es aussieht - andauern." In der Nacht zum Donnerstag waren rund um Berlin minus 15 Grad gemessen worden, im Westen um die minus zehn, minus neun Grad. "Das ist schon quasi warm." Die kommenden Nächte bleiben bitterkalt, auch tagsüber steigen die Temperaturen nicht über den Gefrierpunkt.

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(dpa)