Interview mit Weihbischof Dominik Schwaderlapp: "Der Zölibat ist zeitgemäß und notwendig"

Interview mit Weihbischof Dominik Schwaderlapp: "Der Zölibat ist zeitgemäß und notwendig"

Der Kölner Weihbischof stellt im Gespräch mit unserer Redaktion Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft in Frage und schlägt Hospitäler mit katholischer Prägung vor. Zudem reagiert er auf die anhaltende Debatte zum Thema Zölibat.

Wenn über die Besetzung von Bischofsstühlen in Deutschland gesprochen wird, zählen Sie oft zum engeren Kandidatenkreis. Stört Sie das oder fühlen Sie sich geschmeichelt?

Schwaderlapp: Ich sehe mit Freude meine Aufgabe hier im Pastoralbezirk des Kölner Erzbistums. Darum betrachte ich all diese Spekulationen mit Gelassenheit. Ich habe mich auf keine meiner bisherigen Stellen beworben und bin bislang in keiner dieser Stellen unglücklich gewesen. Als Generalvikar hatte ich zwar viel Macht und konnte viel entscheiden. Das ist eine notwendige Aufgabe, aber die Herzen der Menschen kann man damit noch nicht für Christus gewinnen. Jetzt als Weihbischof habe ich eine Aufgabe, mit der ich da anknüpfen kann, wo ich als Kaplan aufgehört habe. Ich habe viel Gelegenheit zu Seelsorge und Verkündigung. Bei jeder Firmung zum Beispiel, komme ich mit vielen Menschen zusammen, die schon lange keine Kirche mehr von innen gesehen haben. Hier habe ich die Chance einer Art Erstverkündigung, wie sie Paulus auf dem Areopag in Athen hatte.

Sind in naher oder ferner Zukunft Priesterinnen in der katholischen Kirche denkbar. Und könnte ein Konzil dies beschließen?

Schwaderlapp Auch ein Konzil kann nicht willkürlich entscheiden. Bei aller Hochschätzung der Frauen hat Christus in den Dienst der Apostel nur Männer berufen. Bischöfe und Priester sind nach unserem Glauben die Nachfolger der Apostel. Die Kirche hat nach ihrer Überzeugung nicht das Recht, diese Entscheidung Christi zu ändern. Wer meint, dass sich in dieser Frage etwas ändern könnte, dem kann ich ehrlicherweise keine Hoffnung machen. Wichtig ist aber: Es gibt zwar unterschiedliche Dienste in der Kirche, aber wir alle sind verbunden durch die gleiche Würde als Kinder Gottes.

Wird es weitere Zusammenschließungen von Gemeinden geben?

Schwaderlapp Das wird eine der großen Herausforderungen unseres neuen Erzbischofs sein. Kardinal Woelki sind in seiner Zeit in Berlin ja ganz andere Räume und Entfernungen begegnet. In der Diaspora kann man ja nur davon träumen, welche Dichte von Kirchen und Priestern wir im Rheinland haben. Wir klagen also auf hohem Niveau. Trotzdem nimmt die Zahl der Gläubigen derzeit ab. Wir müssen lernen, über unsere Kirchtürme hinaus in größeren Zusammenhängen zu denken. Das tun die Menschen mittlerweile in ihrem alltäglichen Leben auch. Niemand lebt nur noch auf seiner kleinen Scholle. Dass sich das Leben zunehmend in größeren Räumen abspielt, betrifft also nicht nur die Kirche. Vergessen wir dabei nicht: Die Hälfte der insgesamt 1200 Kirchen im Kölner Erzbistum sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Die Leute waren damals nicht annähernd so mobil wie heute, und dennoch blühte das kirchliche Leben Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir müssen neue Wege gehen, aber die sind auch möglich.

Was heißt das ganz konkret?

Schwaderlapp Wir werden einerseits größere Räume haben müssen. Darin sind geistliche Zentren wichtig, an denen wir zu Gottesdienst und Gebet zusammenkommen. Andererseits werden wir Wege finden müssen, wie die Gläubigen ortsnah zusammen kommen können, um ihren Glauben zu teilen und sich gegenseitig zu stärken. Faszinierend für mich ist die Idee von kleinen Gemeinschaften in Wohnzimmergröße. In anderen Ländern gibt es solche Gemeinschaften schon längst ganz selbstverständlich. Da treffen sich Menschen irgendwo privat, die beten zusammen und erzählen von ihren Freuden und ihren Sorgen. Da kann ein Netzwerk von solchen Gemeinschaften entstehen, die eine Nähe vor Ort gewährleisten und zugleich eine Brücke zu den Geistlichen schlagen. Das ist uns noch fremd; aber ich möchte dazu ermutigen, hier mehr zu denken.

Können das auch geistliche Gemeinschaften wie Opus Dei sein?

Schwaderlapp Solche Gemeinschaften könnten uns auf diesem Weg auch Impulse geben — wenn sie bereit sind, sich dann auch in Gemeinden einzubringen. Aber mir geht es nicht darum, geistliche Gemeinschaften zu implantieren. Ich möchte unterhalb der gewohnten Pfarreiebene ein Netz von Gemeinschaften fördern, das Ortsnähe und persönliche Nähe gewährleistet. So eine ähnliche Sozialstruktur — allerdings im bürgerlichen Bereich - konnte ich in Neuss erleben, mit den Schützenzügen, in denen man sich regelmäßig nicht nur zum Feiern trifft, sondern einander hilft und auch stärkt.

Muss man in diesem Kontext auch den Mut haben, über Bistumsgrenzen und Bistumsfusionen nachzudenken?

Schwaderlapp Diese Frage wird wohl zukünftig auch gestellt werden müssen. Aber gegenwärtig halte ich das nicht für vordringlich.

Können auch Katholiken das Reformationsjubiläum feiern?

Schwaderlapp Mich bewegt die Frage, wo Christen aller Konfessionen gemeinsam die Stimme erheben können. Ich habe den Eindruck, die Schnittmenge wird eher geringer. Auf der Ortsebene erlebe ich das allerdings anders, da gibt es oft ein pragmatisches ökumenisches Miteinander. Eine meiner Hoffnungen ist, dass die Ökumene mehr dadurch wächst als durch Erklärungen von oben. Unabhängig davon bleibt das Reformationsgedenken für uns schwierig; Glaubensspaltung ist für uns kein Fest. Wollen wir feiern, dass die Kirche sich gespalten hat? Vom Ergebnis her ist die Reformation etwas, das schmerzt. Andererseits ist sie der Ursprung der evangelischen Kirche.

Müssen wir angesichts des Priestermangels nicht auch über den Zölibat sprechen?

Schwaderlapp Nein, ich bin der Meinung, dass der Zölibat nicht nur zeitgemäß, sondern notwendig ist. Er ist das unausgesprochene Zeugnis dafür, dass ich meinen Entschluss, mein Leben in den Dienst Christi zu stellen, ernst meine - mit ganzem Leib und ganzer Seele.

Aber die Entscheidung für oder gegen das Zölibat könnte Priestern ja freigestellt werden.

Schwaderlapp Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich freiwillig den Zölibat angenommen habe. Mich hat niemand gezwungen, Priester zu werden. Ein Priester ist kein religiöser Funktionär. Es geht darum, Christus in dieser Welt auch durch die eigene Lebensweise sichtbar und berührbar zu machen. Jesus hat auch auf eine Ehe verzichtet zugunsten seiner Liebe zu allen Menschen, das versuche ich als Priester ebenfalls zu leben mit meinen bescheidenen Mitteln. Der Zölibat bewahrt uns Priester, die wir in Deutschland ziemlich bürgerlich leben, ganz und gar zu verbürgerlichen. Außerdem: Erneuerung der Kirche kann nach meiner Überzeugung nie durch Weniger, sonder immer nur durch mehr Hingabe gelingen.

Papst Franziskus hält die Verkündigung der Frohen Botschaft auch an den Rändern der Gesellschaft für die zentrale Aufgabe der Kirche. Warum verkämpft sie sich dann bei Themen wie Zölibat oder Verhütung?

Schwaderlapp Ich halte Themen wie Sexualität vor der Ehe nicht für nebensächlich. Dass Sexualität Ausdruck von Hingabe ist und der Weitergabe von Leben dient, das hat schon direkt mit dem Glauben zu tun. Und was den Zölibat angeht: Die Früchte des Zölibats werden sehr gern in Anspruch genommen. Menschen schätzen es sehr, wenn Priester ganz für Gott und die Gemeinde da sind. Ich erlebe auch, dass die Menschen Priestern noch immer ein Grundvertrauen entgegenbringen. Aber all diese Themen sind in der Tat nur Ableitungen der Grundbotschaft der Christen. Und das ist eine Botschaft der Freude. Wir glauben an einen Gott, der die Menschen liebt und sie nicht allein lässt, der Geborgenheit, Freude und Erfüllung schenkt.

Aber bestimmte moralische Positionen der katholischen Kirche sind doch schon gar kein Thema mehr in vielen Familien. Da wird über vorehelichen Sex gar nicht mehr diskutiert, selbst wenn Familien ansonsten ein christliches Leben führen. Kämpfen Sie nicht Schlachten, die längst verloren sind?

Schwaderlapp Die Frage, wie ein junger Mensch seine Sexualität lebt, ob er sich vergibt, wenn er bereit ist, alles jederzeit zu präsentieren, ist existenziell ungemein bedeutsam. Wir dürfen nicht aufhören, diese Frage zu stellen, ob das nun populär ist oder nicht. So viele Jugendliche suchen Geborgenheit, Erfüllung und Annahme in Sex, und werden am Ende ausgenutzt. Was als Liebe daherkommt ist oft nichts anderes als Egoismus. Und dass früh ausgelebte Sexualität nicht unbedingt glücklicher macht, ist bekannt. Unsere Botschaft ist anspruchsvoll, nur sie dient dem Menschen, sie führt zu mehr Freude, Treue, Geborgenheit - und das sind alles Dinge, nach denen sich Menschen sehnen. Wenn sie sich Jugendstudien ansehen, belegen die genau das. Das Problem ist, dass die katholische Morallehre oft als "Spielverderber"- Moral gesehen wird. Aber was viele davon wissen, ist eigentlich eher eine Karikatur dieser Lehre. Dass man sich für Gebote nicht begeistern kann, das kann ich verstehen. Aber Gebote weisen ja nur auf etwas hin, was viel größer, was viel schöner ist. Und diese Schönheit, etwa die Würde des menschlichen Leibes, die müssen wir mehr betonen. Es gibt keine leibfreundlichere Religion als das Christentum. Unser Gott ist Mensch, ist Leib geworden. Darum achten wir den Leib so sehr. Nur was man schätzt, will man auch schützen.

Hat die Kirche nicht Anteil daran, dass nur "die Karikatur" ihrer Morallehre bei den Menschen angekommen ist?

Schwaderlapp Ja, da haben Sie Recht. Gerade zum Thema Sexualität gibt es oft nur eine defensive Verkündigung, es trauen sich wenige an das Thema ran.

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Auch das Thema Ökumene interessiert die Leute kaum noch, man praktiziert das irgendwie in den Gemeinden und kümmert sich nicht um die Auseinandersetzungen der Theologen.

Schwaderlapp Das mag sein, aber das kann ja nicht befriedigen. In bestimmten Fragen der Ökumene müssen wir auch Unterschiede aushalten und auch darin einander respektieren. So sollen wir die Unterschiede im Verständnis der heiligen Eucharistie respektieren und uns auf Themen konzentrieren, die uns verbinden. Vielleicht wächst daraus dann einmal ein neuer Ansatz in der eucharistischen Frage. Zuerst haben wir doch die gemeinsame Botschaft, dass wir als Getaufte Kinder Gottes sind, in die Welt zu bringen.

Im caritativen Bereich, etwa bei den Krankenhäusern in kirchlicher Trägerschaft, sind Sie darauf angewiesen, Personal zu finden, das sich an die katholische Morallehre hält. Wie lange können Sie sich noch leisten, einen guten Chefarzt rauszuwerfen, wenn er zum zweiten Mal heiraten will?

Schwaderlapp Darüber diskutiert die Bischofskonferenz gerade. Es gibt diverse Modelle, die wir besprechen. Ich frage hier, ob wirklich alle Einrichtungen, die wir derzeit unterhalten, in kirchlicher Trägerschaft bleiben müssen. Ich könnte mir auch vorstellen, stattdessen eine Art Auditierung einzuführen. Das heißt: Es werden Standards aufgestellt, die dazu berechtigen, das Audit "Krankenhaus katholischer Prägung" zu führen. Zu solchen Standards gehören ethische Vorgaben, was insbesondere Lebensanfang- und ende angeht, aber auch pflegerische Grundsätze und selbstverständlich die Seelsorge. Diese Auditierung kann jedes Krankenhaus erwerben, das sich diesen Leitsätzen verschreiben will. Das muss natürlich ernsthaft überprüft werden. Gegebenenfalls muss diese Auditierung wieder entzogen werden können.

Also eine katholische DIN-Norm, die aber nicht für die Lebensführung der Angestellten gilt?

Schwaderlapp Die Institutionen wären private Einrichtungen mit entsprechendem weltlichen Arbeitsrecht. Die Pflege, ethische Richtlinien und seelsorgerische Grundsätze wären katholisch geprägt. Ich glaube, dass das sehr gefragt wäre, denn es gibt viele Menschen, die sich in Häusern mit katholischem Geist sehr gut aufgehoben fühlen.

In der deutschen Kirche ist fast nur noch von Rückbaumaßnahmen die Rede.

Schwaderlapp Zumindest stimmt etwas nicht, wenn die Zahl der Gläubigen sinkt, die Zahl der kirchlichen Angestellten aber weiter steigt. Daran hängt nicht unsere Wirksamkeit. Ich habe eher die Sorge, dass dieser übergroße Einsatz in Institutionen uns die Freiheit zu neuen seelsorgerischen und caritativen Impulsen nimmt.

Also geht es um die von Benedikt geforderte Entweltlichung?

Schwaderlapp Ja, und darum, sich dem anzunähern, was Papst Franziskus die "arme Kirche" nennt. Die Wirksamkeit der Kirche hängt nicht an ihrer äußeren institutionellen Präsenz, sondern vielmehr am persönlichen Zeugnis der Gläubigen.

Welche Reformhoffnung haben Sie mit Blick auf die Außerordentliche Bischofssynode im Oktober in Rom? Muss der Papst, der hohe Erwartungen weckt, dann "liefern"?

Schwaderlapp Ich erhoffe mir einen Ruck für die Kirche und neue Impulse für die Ehe- und Familie-Pastoral. Das ist mir eine Herzensangelegenheit. Waren möchte ich jedoch vor überzogenen Erwartungen. Die katholische Überzeugung von der Unauflöslichkeit der vor Gott geschlossenen Ehe kann und wird sich nicht ändern. Das ist uns im Evangelium vorgegeben und bleibt immer unser Maßstab: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.

Es könnte demnach Enttäuschungen geben im Herbst?

Schwaderlapp Ja, die Sorge habe ich aufgrund zu hoher Erwartungen, die nicht vom Papst verursacht werden, aber von außen an die Synode heran getragen werden.

Also grundsätzlich keine Sakramente für Wiederverheiratete, die ihre kirchliche Ehe aufgelöst haben?

Schwaderlapp Für wiederverheiratete Geschiedene muss die Kirche viel mehr tun, unabhängig von der Frage des Empfangs der heiligen Kommunion. Da wird es auch nach der Synode sicher keine generelle Lösung geben, die alle zufrieden stellt. Aber wir müssen den Betroffenen deutlich machen: Ihr gehört zur Kirche, wir nehmen eure Sorgen ernst. Wir müssen uns um diesen Personenkreis viel mehr kümmern als das bisher geschieht. Aber zu sagen: Okay, Zulassung zur Kommunion, dann haben wir das Thema vom Tisch — das ist zu wenig.

Es gibt doch auch Theologen, die in dem Zusammenhang meinen, dass das "Geschenk der Vergebung" bei geschiedenen Wiederverheirateten eine größere Rolle spielen sollte. Kann ein Sakrament wirklich Menschen so ausschließen?

Schwaderlapp Es geht hier ja nicht um eine Sünde in der Vergangenheit, sondern um den gegenwärtig gelebten Bruch des vor Gott gegebenen Eheversprechens. Das ist die Problematik. Aber auch wo es die Wunschlösung nicht gibt, dürfen wir Menschen nicht alleine lassen und sich über sie erheben. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, auf die Betroffenen zuzugehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Tut unser Land genug für Flüchtlinge, die in Europa stranden?

Schwaderlapp Ich meine: nein. Ich sehe die Not der Politiker, die durch großzügige Aufnahme keine zusätzlichen Fluchtanreize schaffen möchten. Aber dass wir uns als wirtschaftlich starkes Land derart zieren, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht — das finde ich falsch. Menschen in Not muss man helfen. Und gerecht wäre es, dass die Leistungsfähigen mehr helfen.

Ist der deutsche Staat — siehe Bundespräsident, siehe Kanzlerin — eigentlich protestantischer geworden?

Schwaderlapp Wenn es denn wenigstens so wäre. Ich glaube eher, dass der Staat, besser: das Volk nicht religiöser geworden ist. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Schönheit des Glaubens und die Freude an Jesus Christus und seiner Botschaft die Menschen erreicht. Papst Franziskus gelingt das vortrefflich.

Das Gespräch führten Dorothee Krings, Reinhold Michels, Lothar Schröder und Stefan Weigel.

(RP)
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