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Analyse: Der "Spiegel" kämpft um seine Zukunft

Analyse : Der "Spiegel" kämpft um seine Zukunft

Bei Deutschlands renommiertestem Nachrichtenmagazin spielt sich eine beispiellose Machtprobe ab. Dabei geht es nicht zuletzt um die Grundsatzfrage, wie kritischer Journalismus im digitalen Zeitalter funktioniert.

Ein Journalist, der nicht ab und zu auch richtig Ärger riskiert, hat seinen Job verfehlt. Beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" arbeiten eine Menge Redakteure, deren Berufung es ist, mit ihren Recherche-Ergebnissen zu provozieren und Debatten loszutreten. Die Reihe ihrer politischen Skalpe ist lang. Konrad Adenauer sah beim Spiegel einen "Abgrund an Landesverrat", Willy Brandt bezeichnete das Magazin als "Scheißblatt", Helmut Kohl reagierte auf die ihm typische Art und behauptete, er lese den "Spiegel" nicht.

Streitfreudigkeit und Selbstbewusstsein der "Spiegel"-Redaktion richten sich gerade gegen die Veränderungen im eigenen Haus. Anlass für den Ärger ist der Parforceritt des neuen Chefredakteurs, das Blatt umzumodeln. Seit einem Jahr ist Wolfgang Büchner erster Journalist des Hauses — angetreten mit dem Vorsatz, die Redaktion des gedruckten Hefts und die des Nachrichtenportals "Spiegel Online" miteinander zu verzahnen und eine Marke aus zwei Produkten zu machen.

Nun ist ein beispielloser Machtkampf in Gang gekommen, an dessen Ende ein Showdown droht: der alte "Spiegel" oder die neue Welt einer kombinierten Print- und Online-Redaktion, der neue Chefredakteur oder die mächtige Mitarbeiter KG. Um den Streit beim "Spiegel" zu verstehen, muss man wissen, dass die Mitarbeiter des Magazins eine Mehrheit von 50,5 Prozent am Verlag halten — der größte Teil davon erworben 1974 auf Betreiben des Gründers Rudolf Augstein. Am Ende könnte einer der Geschäftsführer des Selbstverwaltungsorgans entscheiden, ob der "Spiegel" mit oder ohne Büchner und Verlagschef Ove Saffe planen kann. Denn in der fünfköpfigen Führungscrew der Mitarbeiter KG sind derzeit zwei für und zwei gegen die Umbaupläne Büchners.

Der Machtkampf beim einstigen "Sturmgeschütz der Demokratie" (Augstein) hat einen handfesten sachlichen Hintergrund. Denn vor der Herausforderung, einen Journalismus mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Print- und im Online-Bereich so miteinander zu verzahnen, dass beide Bereiche inhaltlich voneinander profitieren und sich mit beiden Sparten Geld verdienen lässt, stehen derzeit alle Verlage.

Der neue Chef beim "Spiegel" brachte gleich zum Start die Redaktion gegen sich auf. Er versuchte, den früheren Chef des Berliner Büros der "Bild"-Zeitung, Nikolaus Blome, als seinen Stellvertreter und als Leiter des Hauptstadtbüros zu installieren. Die Redaktion rebellierte. Man erinnerte sich an alte Feindbilder: Im Schwarz-Weiß-Denken Ende der 60er Jahre war der "Spiegel" das Magazin der Linken und der 68er, die "Bild"-Zeitung das Organ, das die Massen gegen die Studenten aufbrachte. "Bild" war der Klassenfeind. Zwar haben die Journalisten inzwischen viele Gräben zugeschüttet, in einer solch herausragenden Position wollte man aber keinen "Bild"-Mann beim "Spiegel" sehen. Am Ende wurde Blome nicht Vize-Chefredakteur, aber er leitet das Hauptstadtbüro und ist Mitglied der Chefredaktion.

Für den aktuellen Machtkampf, in dessen Zug Büchner allen Ressortleitern kündigen und ihre Stellen als kombinierte Print-Online-Stellen wieder ausschreiben will, gibt es verschiedene Lesarten. Die eine: Mit der Neuausschreibung wird die Zusammenlegung von Print und Online formal vollzogen. Alle amtierenden Ressortleiter können sich auf die neuen Stellen bewerben. Die andere: Die Neuausschreibungen sind eine Methode, um Führungspersonal loszuwerden, das beim Aufbruch in die Zukunft nicht mitmachen will.
Grundsätzlich geht es in dieser Auseinandersetzung um zweierlei: um Geld und um journalistische Tradition. Während die Print-Redakteure häufig sehr gut dotierte Verträge haben und zusätzliche Einnahmen über die Mitarbeiter KG genießen, sind die Onliner bei der Mitbestimmung außen vor. Dem Vernehmen nach sind ihre Gehälter auch deutlich geringer.

Doch kann man den Print-Redakteuren nicht allein Besitzstandswahrung als Motiv für ihren Aufstand unterstellen. Sie sind auch sehr traditionsbewusst, was die Rolle des "Spiegel" angeht. Den Ruf des "Spiegel" als Enthüllungsorgan und Kämpfer für die Pressefreiheit gründet sich auf die gleichnamige Affäre von 1962. Unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" hatte das Magazin berichtet, Nato und Bundesrepublik könnten einem sowjetischen Angriff nicht standhalten. Gut zwei Wochen nach der Veröffentlichung wurden die Räume des "Spiegel" durchsucht, der verantwortliche Redakteur und Rudolf Augstein festgenommen. In dieser Zeit fiel auch Adenauers Satz vom "Abgrund von Landesverrat". Am Ende musste Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zurücktreten, weil er mehrfach nationales und internationales Recht gebrochen hatte.

Von diesem Mythos profitiert der "Spiegel" noch heute. Doch im digitalen Zeitalter sind diese Tugenden nicht mehr so gefragt wie ehedem. Es geht mehr um Schnelligkeit, effiziente Strukturen und neue Möglichkeiten des Geldverdienens. Exemplarisch dafür steht die geplante Zusammenlegung der Ressorts. Da soll zum Beispiel die legendäre Truppe von "Deutschland 2", dem Enthüllungsressort, mit dem Boulevardteil von "Spiegel Online" fusioniert werden. Klar, dass sich die investigativen Kollegen mit Macht gegen diese Zwangsehe sträuben. Auch bei anderen Ressorts prallen Tradition und digitale Zukunft aufeinander.

Seit Donnerstagabend ist klar, dass Büchners Aus die wahrscheinliche Variante ist. In der ganzen Redaktion kursierte eine Unterschriftenliste, mit der sich die Redakteure gegen das Büchner-Programm "Spiegel 3.0" aussprechen sollten. Es hieß, 95 Prozent hätten unterschrieben. Nun soll die Mitarbeiter KG dieses Votum umsetzen. Sollte Büchner den Machtkampf verlieren, geht auch Blome. Die beiden haben ihre beruflichen Schicksale miteinander verknüpft.

(qua)