Gerichtsgutachter: Der "Kannibalen von Rotenburg" ist schuldfähig

Gerichtsgutachter : Der "Kannibalen von Rotenburg" ist schuldfähig

Frankfurt/Main (rpo). Der als "Kannibale von Rotenburg" bekannt gewordene Armin Meiwes ist nach Ansicht eines Gerichtsgutachters voll schuldfähig. Meiwes' fetischistische Neigung zu Männerfleisch sei zwar mit sexueller Erregung verbunden, aber "nicht primär", so Gutachter Klaus Beier. Eine Persönlichkeitsstörung liege nicht vor.

Die Anklagte geht von einem Mord zur sexuellen Befriedigung und zur Ermöglichung einer anderen Straftat aus. Der Gutachter sagte, für Meiwes habe der Wunsch, sich für immer an einen Mann zu binden, im Vordergrund gestanden, als er im März 2001 den 43-jährigen Bernd B. entmannte, erstach und Teile von dessen Körper nach und nach aufaß.

Meiwes habe jemanden gesucht, der aus eigenem Willen von ihm "einverleibt" werden wollte. Und er habe sich im Wege des menschlichen Selbstbetrugs vorgestellt, dass es Menschen gebe, die das wirklich wollten. Der Gutachter wies auf die Aussage des Angeklagten hin, dass er mit B. "im Prinzip eine Ehe" eingegangen sei. "Es geht ihm um Schlachten, nicht um Töten, ums Einverleiben, nicht ums Vernichten", sagte der Gutachter. Meiwes sei zielbewusst vorgegangen und habe nie Anlass gehabt, an der Einwilligung von B. zu zweifeln.

Der Wunsch von Bernd B. sei es gewesen, sich den Penis abtrennen zu lassen, bei lebendigem Leib zerfleischt und danach restlos vernichtet zu werden. Der Berliner Diplomingenieur habe durch das "Gequältwerden" eine Entlastung seiner Schuldgefühle gegenüber seinem Vater erhofft, erklärte der Experte.

Meiwes und B. "wollten etwas völlig anderes", sagte Beier. "Trotzdem waren beide überzeugt, jeweils ihren Traumpartner gefunden zu haben." Beiden sei die strafrechtliche Dimension ihres Tuns klar gewesen.

"Das ist Schicksal"

Die kannibalistischen Fantasien entstanden nach Angaben Beiers bei Meiwes im Kindesalter - möglicherweise im Zusammenhang mit dem Anschauen einer TV-Verfilmung einer Robinson-Crusoe-Geschichte 1972. Damals sei der Elfjährige mit seiner Mutter allein gewesen, nachdem der Vater und ein Halbbruder weggezogen waren. Meiwes wünschte sich nach eigener Aussage einen Bruder, der ihn nie wieder verlassen könnte. Er stellte sich einen Jungen vor, den er nach einem Mitschüler Frank nannte. Im Internet wurde daraus sein Pseudonym "Franky".

Der Gutachter betonte: "Eine sexuelle Präferenzstörung sucht man sich nicht aus, das ist Schicksal." Meiwes habe den sexuellen Höhepunkt bei der Vorstellung eines aufgeschnittenen Leibs erlebt. An Geschlechtsverkehr sei er nicht interessiert gewesen. Frauen habe Meiwes sich nur zugewandt, um seinen Kinderwunsch zu erfüllen, sagte Beier. Im Jugendalter habe er eine Sammlung mit Männerpornos angelegt.

"Männer mit einer sexuellen Präferenzstörung unterscheiden sich sonst in nichts von der Gesamtbevölkerung", sagte der Gutachter. Er beschrieb Meiwes als selbstsicheren, lebensbejahenden Mann, der in seiner Ausbildung unter seinen Möglichkeiten geblieben sei.

Die Verteidiger erklärten, Meiwes werde keine weiteren Aussagen mehr machen. Als nächstes wird das psychiatrische Gutachten erwartet.

(ap)
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