Studie widerlegt Klischees: Den "Jammer-Ossi" gibt es nicht

Studie widerlegt Klischees: Den "Jammer-Ossi" gibt es nicht

Berlin (RPO). Sie sind realistischer, bescheidener, verständnisvoller - und leiden zumeist still an fehlender Anerkennung: Viele Ostdeutsche fühlen sich auch 20 Jahre nach dem Mauerfall als Deutsche zweiter Klasse. Das geht aus einer am Donnerstag in Berlin präsentierten Studie des Rheingold-Instituts hervor.

Die Studie widerlegt auch das Klischee vom in Ostalgie schwelgenden "Jammer-Ossi". Vielmehr könnten von ihren Erfahrungen auch Westdeutsche profitieren - wenn sie denn zuhörten. "Vom Osten lernen heißt, Krisen zu bestehen lernen", sagte Instituts-Geschäftsführer Stephan Grünewald bei der Präsentation. Gerade angesichts der Wirtschaftskrise könne der Westen von den alltäglichen Bewältigungsstrategien des Ostens profitieren. Denn der Osten habe bereits eine weitaus erschütterndere Krisenzeit durchgestanden - den Zusammenbruch eines ganzen Lebenssystems.

Für die Studie "Die Ostdeutschen 20 Jahre nach der Wende" befragte das Kölner Institut im Auftrag der "Super Illu" 80 Bürger im Alter von 18 bis 70 Jahren. Gesprochen wurde in zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews unter anderem über ihren Alltag, ihre Sehnsüchte und Ängste und das Ost-West-Verhältnis heute.

Wie Stehaufmännchen

Die Menschen im Osten hätten die Qualitäten eines Stehaufmännchens, sagte Grünewald. "Sie haben es geschafft, gravierenden gesellschaftlichen und privaten Umbrüchen zu trotzen und ein eigenes und neues Selbstbewusstsein zu entwickeln." Allerdings litten sie darunter, dass ihre Fähigkeiten immer noch viel zu wenig vom Westen wahrgenommen würden und dass alles, was seine Wiege im Osten habe, pauschal diskreditiert werde.

Zudem ärgere sie, dass die bereits gemachten Erfahrungen mit Errungenschaften wie Kleinkinderbetreuung und Ganztagsschulen nicht beachtet würden. Gipfel der Ignoranz sei es, wenn selbst in Filmen über DDR-Geschichte West-Schauspieler die Hauptrollen spielten. Dieses Gefühl der Ohnmacht schüre eine schwelende Wut. Viele fühlten sich gekränkt und enttäuscht. Offen gezeigt werde dies aber meist nicht. "Die Mehrheit der Ostdeutschen meutert eher still", betonte Grünewald.

Falsch verstandene Ost-Idealisierung

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Wegen der Missachtung des Westens sei es auch zu einer Ost-Idealisierung gekommen, die aber meist falsch verstanden werde, sagte Grünewald. "Verklärt wurde und wird von den Menschen nicht das politische System oder der Unrechtsstaat, sondern der halbwegs funktionierende Alltagsbetrieb. Denn hier fanden die Menschen Halt, Rhythmus, Sicherheit, Arbeit, Gemeinschaft und kleinere Vergnügungen."

Die Menschen in den neuen Ländern bezeichnete er als "Wanderer zwischen den Welten". Halt und Stabilität suchten sie durch eine Hinwendung zu einem pragmatischen Realismus und zur Familie.

Konstruktives Misstrauen

Die Menschen im Osten begegneten überzogenen Träumen mit einem konstruktiven Misstrauen und Realismus, "der sich deutlich von den oft überbordenden Glücks- und Renditeansprüchen des westlichen Maximierungsdenkens abhebt", sagte Grünewald. Denn sie hätten mehrfach erfahren, dass glorreiche Versprechungen oft zu einem ebenso enttäuschenden Zusammenbruch führen könnten. Die Finanzkrise bestätige die Haltung vieler Ostdeutscher, dass es besser sei, bescheidene und lebenspraktische Wünsche zu hegen.

Weil man häufig die unmittelbare Bestätigung in der Leistungsgesellschaft verloren habe, werde in der Familie Geborgenheit gesucht. Selbst Gruppierungen in der ultrarechten Szene zögen sich in die Geborgenheit der Gruppe zurück, die für sie häufig als Ersatzfamilie fungiere. Bei einem der Interviewtermine erschienen die Mitglieder der rechten Szene nicht allein, sondern in einer fünfköpfigen Gruppe, erzählte Grünewald. Ihr Anführer fiel durch eine Tätowierung am Hals auf. In großen Lettern stand dort: "Familie".

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(AP/felt)
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