Zweiter Weltkrieg: Das Schweigen der Väter

Zweiter Weltkrieg : Das Schweigen der Väter

Der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" hat Diskussionen über die Aufarbeitung der NS-Zeit ausgelöst. Vier Redakteure erzählen, was sie von ihren Vätern und Großvätern über den Krieg zu hören bekamen.

Er hat mir nie etwas erzählt. Obwohl er sich häufig Sendungen im Fernsehen über den Zweiten Weltkrieg ansah. Er kommentierte sie nie, zumindest nicht, wenn ich dabei war. Was ich über das Leben meines Vaters im Krieg weiß, erfuhr ich von Verwandten: seinem älteren Bruder, meinem Onkel, auch von meiner Großmutter, wenn ich sie im Altenheim besuchte. Und von meiner Mutter. Langsam setzte sich so das Bild eines jungen Mannes mit blonden Locken zusammen, Jahrgang 1926, bei Kriegsende 18 Jahre alt. Sohn eines Finanzbeamten, kein Nazi, ein Mitläufer, der herauswollte aus dem kleinstädtischen Mief. Offizier zu werden, das schien ihm so ein Weg zu sein. Er ging zur Heeresinfanterieschule, wurde im Schnellgang ausgebildet und in der Ardennenoffensive verheizt, dem letzten Aufbäumen des nationalsozialistischen Deutschland an der Westfront 1944. Ich erinnere mich nicht mehr, wer mir erzählte, dass mein Vater sein Gewehr wegwarf und sich in amerikanische Kriegsgefangenschaft begab. Meine Mutter sagte mir, nur einmal in 45 Jahren Ehe habe er ihr von den zwei Jahren im US-Kriegsgefangenlager in der Nähe von Marseille erzählt. Anfangs habe er unter freiem Himmel geschlafen. In diesem Zusammenhang lernte ich das Wort "Mistral", also jenen kalten Fallwind, der über das untere Rhonetal streift. Dann durfte er zurück nach Hause in die Kleinstadt, zog im entmilitarisierten Nachkriegsdeutschland eine andere Uniform an, wurde Polizeibeamter — und schwieg. Nach Frankreich reiste er nur einmal, zu einem Treffen deutscher und französischer Polizisten. Als er aus Paris zurückkam, zeigte er uns nur Fotos vom Eiffelturm. Nach Amerika wollte er nie. Erst kurz vor seinem frühen Tod mit 72 traute ich mich, ihn zu fragen, warum er nie über den Krieg und seine Jugend sprechen würde. "Weißt du, in meiner Generation haben wir das nicht gelernt", antwortete er nur. Sven Gösmann

In unserer Familie gab es beim Fernsehprogramm eine eiserne Regel, die mein Vater aufgestellt hatte: keine Kriegsfilme, ohne Ausnahme. Das galt für US-Streifen, ob es nun eher unpolitische Action-Filme waren oder solche, die bedeutungsschwanger als Anti-Kriegsdrama daherkamen. Und erst recht für Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg. Die Begründung war so kurz wie unverständlich: "Das war alles viel schlimmer", hat mein Vater gesagt und beließ es dabei. Damit war aus seiner Sicht alles geklärt. Meine Mutter schob einen weiteren Versuch einer Erklärung nach: Es sei besser so, Vater rege sich sonst immer auf. Damit war alles über den Zweiten Weltkrieg und die folgende russische Kriegsgefangenschaft gesagt. Vielleicht noch so viel: Was immer dort passiert sein mag — den Russen hat mein Vater nie verziehen. Weil Adenauer die Gefangenen heimgeholt hat, wurde mein Vater zeitlebens CDU-Wähler. Auf die Fragen von uns Kindern antworteten andere: die Brüder von Vater und Mutter, jeder mit eigenen Kriegserlebnissen beladen. Sie erzählten nie das gesamte Geschehen, nur einzelne Splitter ohne Datum oder Ort. Mir im Gedächtnis geblieben ist besonders die Geschichte, wie es sich anfühlt, wenn die Zehen langsam abfrieren. Wir Söhne haben übrigens den Wehrdienst verweigert, wohl wissend, wie stark der Krieg einen Menschen verändern kann — längst bevor es dazu Fernsehproduktionen gab. Rainer Kurlemann

An Heiligabend hat meine Oma immer geweint. Ich habe das nicht verstanden - angesichts der vielen Geschenke. Die Erwachsenen raunten dann, sie weine wegen Opa. Der Vater meines Vaters, der selbst Jahrgang 1941 und jüngstes von vier Geschwistern ist, starb am 23. Dezember 1944 an der Westfront. Meine Oma erfuhr im Februar 1945 von seinem Tod. Sie erlitt eine Fehlgeburt. Mit 33 Jahren wurde sie Witwe. An seiner Familie könne man das NS-System studieren, sagt mein Vater immer, der sich an der Geschichte seines Vaters gerieben, gelitten und viel zu wenige Antworten bekommen hat. Dieser Opa, der schon im Juli 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, war vor dem Krieg hauptamtlicher NSDAP-Funktionär. Dessen Vater sagte auch nach dem Krieg, er hätte dem Führer gerne noch mehr Söhne auf dem Schlachtfeld gegeben. Der Mann einer Tante war bei der Gestapo. Ein Onkel Hitlerjugendführer, der eine Führerin des Bundes Deutscher Mädel heiratete. In solch einer Familie findet weder Vergangenheitsbewältigung noch ein Gespräch zwischen den Generationen statt. Fragen ihrer Kinder, warum ihr Mann dieser Ideologie anhing, wollte (oder konnte) meine Oma nicht beantworten. "Wenn er den Krieg überlebt hätte, wäre er ganz sicher aus der Partei ausgetreten", sagte sie immer ausweichend. Vielleicht hat sie das tatsächlich geglaubt oder zumindest gehofft. Vielleicht war sie aber auch nur bemüht, ihren Kindern, die vaterlos aufwuchsen, eine andere, eine positivere Vaterfigur zu vermitteln als einen hauptberuflichen Nationalsozialisten. Mein Vater hat diesen Mann trotzdem vermisst — auch wenn er keine Erinnerungen an ihn hatte und auch wenn er sich vielleicht als Jugendlicher und junger Erwachsener mit ihm wegen seiner Vergangenheit gestritten oder sogar überworfen hätte. Der Vater meiner Mutter war bis 1947 in französischer Kriegsgefangenschaft. Als er vor der Wohnungstür stand, sagte ihr älterer Bruder, Jahrgang 1940: "Mama, da steht ein fremder Mann vor der Tür." Martina Stöcker

Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt. Er ist an Heiligabend 1944 gefallen, mit 29 Jahren, irgendwo im Westen, als schon längst alles verloren war. Auch meine Mutter hat ihren Vater nie kennengelernt, denn sie wurde erst im Juli 1945 geboren. Ich weiß nicht viel von dem, was mein Großvater im Krieg erlebt hat, weder im Westen noch in der Zeit davor, an der Ostfront. Nur eine Geschichte hat mir meine Mutter einmal erzählt: Mein Großvater sei auf Fronturlaub nach Paderborn gekommen und habe meiner Großmutter dabei ein Foto gezeigt, einen Schnappschuss. Es zeigte erschossene Partisanen. Ob nur Männer oder auch Frauen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mein Großvater offenbar nicht viel dabei fand, dieses Foto bei sich zu tragen und seiner Frau zu zeigen. Ein Nazi war er nicht, das hat meine Großmutter oft gesagt; aber die Schrecken der Front machten offenbar stumpf gegen so manches, was in Friedenszeiten undenkbar gewesen wäre. Jedenfalls verschwand das Foto auf Geheiß meiner Großmutter sofort im Ofen. Mein Großvater galt nach dem Krieg als vermisst; Nachforschungen blieben jahrelang ergebnislos. Irgendwann hat seine Witwe ihren Mann dann für tot erklären lassen. Niemand aus der Familie wusste, wo er begraben lag. Erst im Jahre 1997, meine Großmutter war da schon lange tot, haben wir das herausgefunden. Im Sommer standen wir zum ersten Mal am Grab meines Großvaters auf dem großen Soldatenfriedhof in Luxemburg. Meine Mutter war da 52 Jahre alt. Geweint hat sie wie ein Kind. Frank Vollmer

(RP/csi/pst)